Zeitung Heute : DIE HIERARCHIE IN DER DEUTSCHEN MANNSCHAFT WIRD NEU GEORDNET: Matthäus übernimmt das Kommando

MONTPELLIER/NIZZA (sid).Die Hierarchie der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wird neu geordnet.Die Führungsrolle von Mannschaftskapitän Jürgen Klinsmann ist zwar nach wie vor unangetastet, aber Lothar Matthäus befindet sich aufgrund seiner Rückkehr in die Stammformation des Europameisters wieder auf dem besten Weg zum Wortführer.

Der 37jährige Libero vom deutschen Rekordmeister Bayern München hat sich seit seinem 45-Minuten-Auftritt am vergangenen Sonntag in Lens gegen Jugoslawien (2:2) in der Rangordnung deutlich nach vorne geschoben.Dagegen wurde der Dortmunder Mittelfeldstratege Andreas Möller, der ebenfalls einen Führungsanspruch erhebt, nach hinten durchgereicht.Der 30jährige hat deutlich an Einfluß verloren und gilt nach drei WM-Spielen als Absteiger in der internen Hackordung.

Klinsmann und seine Mannschaftsratkollegen Jürgen Kohler, Andreas Köpke und Thomas Helmer stehen nach wie vor an der Spitze der Rangordnung.Vor dem Iran-Spiel am Donnerstag in Montpellier sahen sich "Klinsi und Co." erstmals zum Handeln gezwungen.Der blonde Schwabe trommelte die Mitspieler zu einer internen Aussprache ohne Trainerstab zusammen.

"In erster Linie ging es um sportliche Dinge, in zweiter Linie um andere Dinge", kalauerte Olaf Thon über die Inhalte, die er allerdings nicht genauer preisgeben wollte.Daß Lothar Matthäus einstiger Erzfeind Jürgen Klinsmann die treibende Kraft beim Zustandekommen des Meetings war, bestätigte der Schalker: "Es gibt einen Kapitän, der durch die Sendung führt." Unter Führung von Klinsmann wurde vor dem entscheidenden Gruppenspiel die derzeitige Situation sachlich analysiert und anschließend Selbstkritik geübt.

Seit dem WM-K.o.in den USA vor vier Jahren beim 1:2 im Viertelfinale gegen Bulgarien hat Bundestrainer Berti Vogts dem Mannschaftsrat sukzessive mehr Kompetenzen eingeräumt.Nicht um alles will sich der 51jährige selbst kümmern, überträgt den Führungsspielern Mitverantwortung."Regelt Ihr das unter Euch, oder muß ich mich einmischen?", fragte Vogts schon häufiger rein rhetorisch die Mannschaftsratmitglieder.

Beim Europameisterschafts-Triumph vor zwei Jahren in England klappte das Zusammenspiel zwischen Chefcoach und Mannschaftsvertretern vorzüglich.So disziplinierte der Mannschaftsrat in England das "enfant terrible" Mario Basler, der die Mitspieler Andreas Möller und Thomas Häßler öffentlich attackiert hatte.Bei der Weltmeisterschaft in Frankreich will Klinsmann - sollte es entsprechende Anlässe geben - nach dem gleichen Schema verfahren.

Allerdings ist der Einfluß von "Powerman" Matthäus nicht zu unterschätzen.Zum Rekord-Nationalspieler und Weltrekordler in punkto WM-Einsätze schauen nicht nur etliche der Bayern-Stars im deutschen WM-Kader hoch.Der gelernte Raumausstatter aus Franken genießt trotz seiner knapp dreijährigen zwischenzeitlichen Abwesenheit eine erstaunliche Autorität innerhalb der Nationalmannschaft - selbst, als er nur als Ergänzungsspieler auf der Bank gesessen hatte.Lothar Matthäus strebt indes nicht unbedingt nach der Führungsrolle: "Ich will kein Chef sein, sondern ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft." Dabei führt "Loddar" gerne das Beispiel der WM 1990 an."Damals habe ich vorher auch nicht gesagt: Ich bin der Chef, sondern so etwas kristallisiert sich erst bei einer Weltmeisterschaft heraus", erinnert er sich.

Der bisherige Verlauf des WM-Turnieres scheint ihm recht zu geben.Sein Einsatz von Anfang an im Duell gegen den Iran am Donnerstag in Montpellier hat seine Position im Team des dreimaligen Weltmeisters weiter gefestigt.Tendenz steigend.Selbst Klinsmann, der über Jahre hinweg eine regelrechte "Intimfeindschaft" mit Matthäus gepflegt hatte, mußte erkennen, daß dem Bayern-Star eine wichtige Rolle bei der Weltmeisterschaft zukommt.So warf der 33 Jahre alte Torjäger seine ursprünglichen Vorbehalte gegen den vier Jahre älteren Kollegen über Bord.

Der demonstrative "Friedensgipfel" Klinsmann/Matthäus in der finnischen Hauptstadt Helsinki sollte Signalwirkung für die ganze Truppe haben.Arrangieren sich nämlich die beiden Ausnahmespieler, um den deutschen WM-Traum nicht zu gefährden, kommen Spannungen unter anderen Akteure des Aufgebotes erst gar nicht auf oder können zumindest schneller gelöst werden.

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