Zeitung Heute : Die Hochzeit

IRGENDWIE, IRGENDWO, IRGENDWANN

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Eine Generation weiß nicht wohin – einer macht sich schon mal auf den Weg.

Von Matthias Kalle

Und ich dachte immer, manche Dinge passieren mir nie, sie fänden in meinem Leben nicht statt. Zumindest hoffte ich, dass vieles erst später geschieht, aber dann trifft es einen doch mitten ins Herz, wie zum Beispiel, dass man beim Bäcker gesiezt wird, oder die Erkenntnis, dass die Spieler in der Fußballbundesliga plötzlich jünger sind als man selbst, oder dass man in Clubs von Mädchen so komisch angeschaut wird, so auf die spöttische Art. Vielleicht ist das ja mein großes Problem: Als ich noch in Minden gelebt habe, wurde ich beim Bäcker geduzt, die Spieler in der Bundesliga waren älter und die Mädchen in den Clubs haben wenigstens überhaupt nicht geschaut, und jetzt hoffe ich, dass meine Rückkehr nach Minden wie eine Zeitreise funktioniert. Ja genau: Ich werde Berlin als 27-Jähriger verlassen und wenn ich in Minden ankommen, bin ich wieder 19 Jahre alt. Noch eine Woche.

Vorher muss ich nach Konstanz, da soll es ja sehr schön sein, und dort, am Bodensee, heiratet Kirsten. Kirsten war in der Schule meine beste Freundin – ihr habe ich zu Großteilen mein Abitur zu verdanken, und manche meinten damals, wir wären ein Paar, weil wir auf dem Abschlussball zusammen getanzt haben. Aber wir waren kein Paar. Während ich in Minden ausging, saß Kirsten zu Hause und sah „Traumhochzeit“, und während ich in München und Berlin Geschichten schrieb, studierte sie Lehramt und zog mit ihrem Freund zusammen, und vor einem halben Jahr bekam ich die Einladung.

Es ist meine erste Hochzeit. Die erste Hochzeit, bei der ein Mensch heiratet, der mir nahe steht, und irgendwie kommt das ein bisschen plötzlich. „Menschen, die wir kennen, heiraten jetzt“, sagte Landy, als er davon erfuhr. „Das ist halt so, und das geht jetzt die nächsten zehn, zwanzig Jahre so – da gehen wir auf Hochzeiten, und dann gehen wir irgendwann auf Beerdigungen.“ Landy kann manchmal ein knallharter Analytiker sein, manchmal aber auch ein Träumer. Damals, in Minden, als wir betrunken vor dem McDonalds standen, spielten wir manchmal folgendes Gedankenspiel durch: Was machen die Mädchen, die wir einmal heiraten würden, jetzt, in diesem Moment? Und Landy sagte: „Keine Ahnung, wahrscheinlich sind die noch nicht einmal geboren.“ Landy ist jetzt mit einem Mädchen zusammen, das vier Jahre älter ist als er.

Vor ein paar Wochen telefonierte ich mit Kirsten. Sie sei sehr aufgeregt, erzählte sie, aber sie freue sich und sei sehr glücklich. Und dann sagte ich ihr, dass ich aus Berlin wegziehe, zurück nach Minden, wegen der Einsamkeit und der Freiheit und natürlich auch wegen der Hunde. „Hast du eine Krise?“, fragte Kirsten, die sich um mich Sorgen macht, seit wir uns kennen. „Nein“, antwortete ich, „ich habe keine Krise.“ – „Was ist es dann?“ – „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, das ich so nicht weiter machen möchte.“ Und dann sagte Kirsten, meine beste Freundin Kirsten, die zwar immer mich, aber nie mein Leben verstand: „Du hast wahrscheinlich nur Angst vor dem Älterwerden und suchst jetzt nach deiner verlorenen Jugend. Was machen eigentlich die Frauen?“ Ich erzählte Kirsten nicht, dass sie in den Clubs immer so komisch schauen, so auf die spöttische Art.

Matthias Kalle verlässt Berlin und zieht zurück in seine Heimatstadt Minden. Darüber berichtet er Woche für Woche. Wer ihm schreiben will: Sonntag@Tagesspiegel.de

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