Zeitung Heute : Die Hoffnung der Exoten

Biotech-Firmen haben es schwer und setzen jetzt auf Zelltherapie

Maren Peters

Wolfgang Rüdinger hat eine Vision: Er will Reparaturgewebe für den menschlichen Körper herstellen – aus Stammzellen. Zusammen mit der Medizinischen Hochschule Hannover entwickelt der Chef des Unternehmens Cytonet aus dem nordbadischen Weinheim Leberzellen für Leberzelltransplantationen. Noch arbeitet seine Firma zwar mit den ethisch unumstrittenen adulten Stammzellen, die in jedem Menschen vorkommen. Aber das Unternehmen befürchtet, dass es damit an Grenzen stößt. Denn das aus adulten Stammzellen gewonnene Reparaturgewebe könnte nicht für alle Gewebetypen geeignet sein. „Wir wollen uns daher die Option offen halten, auch mit embryonalen Stammzellen zu arbeiten“, sagt Firmensprecher Stefan Wagner.

Cytonet zählt zu den wenigen Biotechnologie-Unternehmen in Deutschland, die überhaupt mit menschlichen Stammzellen forschen. „Es sind immer noch Exoten, die das tun“, sagt Rolf Hömke, Sprecher des Bundesverbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA). Und auch in der Wissenschaft arbeiten erst zwei deutsche Forschungsgruppen bereits mit embryonalen Stammzellen. Grund für die große Zurückhaltung in der Industrie sind die für sie bisher unbefriedigenden Forschungserfolge. „Es ist alles noch sehr unsicher“, sagt Cytonet-Sprecher Wagner. „Wir gehen inzwischen davon aus, dass innerhalb der nächsten zehn bis zwanzig Jahre keine Produkte aus Stammzellen entwickelt werden können.“ Diese Zeit finanziell zu überbrücken, sei für ein Unternehmen sehr schwierig. Auch das US-Unternehmen Geron, das bereits Millionen von Dollar in die Entwicklung von Leberersatzzellen gesteckt hat, ist nach Rückschlägen wieder skeptisch geworden.

Trotzdem setzt die Industrie langfristig große Hoffnungen auf die Zelltherapie. Nach Schätzungen von Branchenkennern lassen sich allein mit der Behandlung von Herzfehlern durch regenerative Therapien weltweit eine Milliarde Euro verdienen. Bei der Behandlung neurologischer Krankheiten wird das Marktpotenzial mit rund fünf Milliarden Euro sogar noch höher eingeschätzt.

Darum würde die Industrie es begrüßen, wenn die EU die Embryonenforschung förderte, „um das Wissen um biomedizinische Verfahren und Anwendungen für die Gesundheitsversorgung zu vergrößern“, wie der Verband europäischer Biotech-Firmen EuropaBio argumentiert. Der VFA schließt sich an. „Wir sind der Meinung: wenn man Gutes tun kann, ist das auch förderungswürdig“, sagt VFA-Sprecher Hömke.

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