Zeitung Heute : Die Hülle des Wohllauts

Hans-Peter Kemper ist Aussiedlerbeauftragter der Bundesregierung. Ein Mann, der mit deutlichen Worten spart – noch

Constanze von Bullion

Einem guten Polizisten muss man nicht gleich ansehen, dass er ein harter Knochen ist. Hans-Peter Kemper zum Beispiel ist ein Zeitgenosse, der erst mal einen Witz über sich selbst reißt, wenn er sich vorstellt, und dann hat er noch lange diesen herzlichen, fast bubenhaften Ausdruck in den Augen. Während über seine Lippen recht kantige Sätze kommen.

„Wir müssen saubere Regeln hinkriegen“, sagt Kemper. Oder: „Wenn die sich nicht integrieren, dann haben wir ein Problem.“ Die, das sind die viereinhalb Millionen Russlanddeutschen, die irgendwo da draußen leben, jenseits der gläsernen Fassaden des Bundesinnenministeriums, hinter denen Hans-Peter Kemper sein neues Büro bezogen hat. Er ist seit November Aussiedlerbeauftragter der Bundesregierung, und neben den Deutschstämmigen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion gehören auch Sinti und Roma zu seinen Schützlingen. Die schwierigen Kinder der Zuwanderungsgesellschaft sozusagen, die Kemper jetzt erziehen soll wie ein strenger Vater.

Aussiedlerbeauftragter, das ist einer dieser Jobs, von denen viele gar nicht wissen, dass sie existieren. Solche Beauftragten werden ja gewöhnlich eingesetzt, wenn irgendeine Minderheit in der Politik zu kurz gekommen ist. Oder wenn sie – wie die Aussiedler – ein „Kriegsfolgenschicksal“ erlitten hat, für das die Bundesrepublik sie entschädigen will.

Dass Deutsche in der Sowjetunion verfolgt und diskriminiert wurden, garantiert ihren Enkeln noch heute einen Daueraufenthalt in Deutschland mit Anspruch auf alle Sozialleistungen. Vorausgesetzt – und das ist neu –, dass sie zumindest Grundkenntnisse in Deutsch nachweisen können. 24 Millionen Euro steckt die Bundesrepublik im nächsten Jahr in Jugend- und Freizeitzentren für Aussiedler. Sie wird „wohnfeldbezogene Maßnahmen“ fördern, also Sozialberatung, Sport und Selbsthilfeprojekte, die verhindern sollen, was viele Kommunen längst beklagen: dass die Aussiedler so schlecht integriert sind wie keine andere Minderheit.

Hans-Peter Kemper, 60, wirkt nicht wie einer, der gleich mit der Peitsche drohen mag. Ein Mann mit einem vergnügten Lachen sitzt da in einem Büro, das so aufgeräumt ist, als sei er nur zu Besuch hier. Vor sich, an der Wand, hat er ein Bild ohne Farbe und Kontur – und eine Aufgabe, die ihm viel abverlangen wird, wenn er etwas bewegen will.

Er hängt es ja nicht gern an die große Glocke, aber Aussiedlerbeauftragter zu sein in Zeiten, in denen sich die Republik über Parallelgesellschaften streitet, das könnte ein Posten sein, auf dem es schon mal kracht. Kemper hat auch durchaus Sinn für Streit. Weil er aber noch gar nicht rausgegangen ist, zum Antrittsbesuch bei seinen Aussiedlern, müht er sich sehr, seine Botschaft zu verpacken. In einen weichen Kokon von Worten.

Es ist ganz ungerecht, sagt er, dass die Russlanddeutschen als schwierig gelten. Die meisten fielen gar nicht auf, das seien bestens integrierte Leute, die nichts weiter wollten als ein Häuschen bauen. Eine Minderheit aber, gibt Kemper zu, mache Ärger. „Gewalt, Alkohol, Drogen – da sind die Probleme gewachsen“, sagt er. Viele Aussiedler sprechen kein Deutsch, und es gibt andere, die „zu unserer Kultur keinen Zugang finden und Gewalterfahrungen mitbringen“. Und was macht man mit solchen Leuten?

Man lässt sie mitsamt ihren Verwandten Deutsch büffeln, bevor sie einreisen dürfen, sagt er. Man motiviert sie, Sport zu treiben, „das ist eine Art Immunisierung“. Man versucht, Kontakte unter Nachbarn zu knüpfen und Wohnsituationen „aufzubrechen“, wenn Aussiedler wie in Kasernen leben. Und wenn das alles nicht hilft? Jetzt manövriert Kemper lange und redet und redet. Bis er sagt: „Dann muss man Druck ausüben.“

Klare Ansagen zu machen, das ist nicht sehr erwünscht bei seiner Klientel, dabei ist es das, was Kemper gut kann. Er hat es früh gelernt, in den Polizeipräsidien des nordrhein-westfälischen Landkreises Borken, wo die Menschen katholisch sind und stur wie ihr Vieh. Auch Kemper ist so ein pragmatischer Münsterländer, der lieber Fachabitur machte als zu studieren und dann gegen Handtaschendiebe und Mörder ermittelte oder mysteriöse Einbrüche in Teppichgeschäften aufklärte.

Die Geschichten der kleinen Leute, die kennt Kemper aber nicht nur von der Wache. Er stammt aus einer Familie, die er „das Kemper-Dorf“ nennt. Sechs Kinder, der Vater ein katholischer Bundesbahner, das war ein Kosmos, sagt er, in dem es keine Reichtümer gab, aber dafür Nestwärme. Begeistert war keiner, als er in die SPD eintrat. Der Kripo-Chef wurde Kommunalpolitiker und 1993 Bundestagsabgeordneter, jetzt führt er dort die nordrhein-westfälische Landesgruppe an.

Wer Kemper nach seinen Idealen fragt, der hört Geschichten von Willy Brandt und vom Weltfrieden – und davon, dass das Polizistsein sich irgendwie doch durchgesetzt hat. Kemper mag ein fröhlicher Schafkopfer sein und ein heimatverbundener Familienmensch – beim Thema Einwanderer ist er hart auf Schily-Kurs. „Wer den Anspruch erhebt, in der Bundesrepublik zu leben, muss auch dafür sorgen, dass seine Kinder eine Chance haben“, sagt er. Es sei keine Frage des Beliebens, ob jemand sein Kind in den Kindergarten schicke. Und wer sich der Mehrheitsgesellschaft verweigere, der sollte finanzielle Konsequenzen hinnehmen.

An eine Sache aber rührt er nur ungern. An die Frage nämlich, warum deutschstämmigen Russen und Kasachen überhaupt noch ein so privilegiertes Zuwanderungsrecht eingeräumt wird. Dass deutsch ist, wer eine deutsche Großmutter hat, das kann man eine altertümliche Definition nennen.

Kemper freilich mag das so nicht sehen. Die Benachteiligung hätte in der Sowjetunion am längsten angedauert, was ja auch eine Art Kriegsfolgenschicksal sei. „Ich bin sicher, dass der Zeitpunkt kommt, wo das alles hinterfragt werden muss“, sagt er. Aber jetzt nicht, sonst bricht Torschlusspanik aus. Und dann könnten all diejenigen, die jetzt noch auf gepackten Koffern sitzen, plötzlich vor seiner Tür auftauchen.

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