Zeitung Heute : Die im Dunkeln sieht man nicht

„Wir wollen als Menschen behandelt werden“, rufen sie: Montagsdemonstranten, Unentwegte, letzter Rest vom Protestsommer 2004

Constanze von Bullion[Dortm],Axel Vornb&#2

Sie machen das inzwischen sehr routiniert in Dortmund, und wenn sie vor den alten Mauern der Reinoldikirche ihre Klapptische auseinander falten und das kleine Partyzelt mitten in der Fußgängerzone aufpflanzen, dann teilen sie sich die Arbeit so selbstverständlich wie einst am Fließband. Ein paar Frauen stecken die Zeltstangen zusammen, ein paar Männer packen die Thermoskannen aus. Martin Pausch geht erst mal zurück in die Kneipe. Er hat noch ein Pils im „Gänsemarkt“ stehen und viel zu besprechen, schließlich ist heute Montag.

Martin Pausch ist 40 Jahre alt und ein schmaler Kerl, an dem das Leben nicht ganz spurlos vorbeigegangen ist. Vorne links fehlen jetzt ein paar Zähne, und er rasiert sich auch nicht mehr jeden Tag, aber diesen frechen Blick, den hat er sich bewahrt. Pausch war viele Jahre lang bei einer Firma angestellt, die Arztpraxen mit Medizintechnik belieferte. Das Unternehmen ging Pleite, er aber machte allein weiter. Jetzt kriegt er für die gleiche Arbeit nur noch 400 Euro, plus Arbeitslosengeld II. Und weil er das ziemlich ungerecht findet, organisiert er Montagsdemonstrationen in Dortmund. Seit 31 Wochen schon und mit ausdauernder Wut.

Birgit Lühr ist 44 Jahre alt. Und dass das Leben spurlos an ihr vorbeigegangen wäre, lässt sich ebenfalls nicht ernsthaft behaupten. Die zierliche, kleine Frau mit den dünnen, kurzen Haaren wirkt entschieden älter. Und wenn sie, eher pflichtgemäß als enthusiastisch, davon erzählt, wie sie im August vergangenen Jahres als potenziell Hartz-IV-Betroffene die erste Montagsdemonstration im brandenburgischen Angermünde mit damals 500 Teilnehmern organisiert hat, ganz spontan, auf eigene Faust und fast ohne Unterstützung, dann stellt sich unwillkürlich die Frage, woher die gelernte Facharbeiterin für Eisenbahntransporttechnik, die auf eine zehnjährige Arbeitslosenkarriere in der Nachwendezeit zurückblickt, dazu die Kraft genommen hat.

Seit 29 Wochen findet Birgit Lühr nun schon diese Kraft, ein bisschen Selbstbewusstsein ist dazugekommen, nachdem kürzlich sogar der Bürgermeister um ein Gespräch gebeten und Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck einen Brief hat schreiben lassen. Stolz verliest die kleine Frau, die da in viel zu dünner Windjacke nun schon eine Stunde auf dem Marktplatz steht, den Brief. Doch fast noch stolzer ist sie darauf, dass sie an diesem Montag sieben E-Mails von verhinderten Demonstranten erhalten hat – sieben ordnungsgemäße Abmeldungen sozusagen, krankheitshalber. „Wir sind schon eine tolle Familie“, sagt Birgit Lühr.

Montagabends in Deutschland. 70 sind es in dieser Woche in Dortmund. 90 in Angermünde. Einige Dutzend in Berlin und in Freiberg, in Fürstenwalde, Gera und in Jüterbog, in Karlsruhe, Köln, Leer, Leipzig, Offenburg, Osterburg, Plauen, Potsdam, Schwedt, Senftenberg und in Ulm.

Ja, es gibt sie noch, die Montagsdemonstranten, übrig Gebliebene aus dem Protestsommer 2004, Unentwegte, tief im Osten, tief im Westen. Es ist der hartnäckige, nicht selten der verhärtete Kern jener Massenbewegung, die einen historischen Moment lang tatsächlich geglaubt hatte, mit Hilfe jenes aus der Wendezeit der DDR entlehnten Rituals nicht weniger stoppen zu können als den Umbau des Sozialstaates. Zehntausende waren es, acht Monate ist das gerade mal her, bevor der Winter kam und mit ihm die Resignation.

Es hat fatale Hoffnungen gegeben, damals, und Prognosen, die sich aus diesen fatalen Hoffnungen speisten: Dass der Januar hart werde und der Februar auch, für die Betroffenen, wenn die ersten Hartz-IV-Bescheide einmal eingegangen seien, und für die Regierenden, weil die Betroffenen dann zurückkommen würden auf die Straße, empört, verzweifelt. Der Januar ist dann hart geworden und der Februar sogar noch härter. Es gibt in Deutschland nun 5,2 Millionen registrierte Arbeitslose, es gibt Landstriche, in denen die Arbeitslosenquote näher an der 30- als an der 20-Prozent-Marke liegt; einen „Offenbarungseid der Marktwirtschaft“, nennen das manche. In Berlin sind Politik und Medien darüber in Wallung geraten. Es wird einen „Arbeitsmarktgipfel“ geben, mit Schröder, Stoiber und Merkel. Man könnte also sagen, es ist ein Level erreicht, wo Wut, Enttäuschung, ja, Verzweiflung sich ihren Kanal suchen müssten, zehntausendfach. Normalerweise ist das die Straße. Doch es sind nur 70 in Dortmund und 90 in Angermünde, an diesem Montag. „Der Druck“, sagt Andreas Meyer, „ist momentan noch nicht vorhanden. Er wird aber wieder kommen.“

Meyer ist Gewerkschafter, von der IG Bau. Er trägt Rollkragenpulli. Er hat einen Kombi und eine Lautsprecheranlage, die er binnen fünf Minuten auf das Dach des Autos montieren kann. Er ist so etwas wie der Cheflogistiker des Angermünder Montagsprotestes. Er kommt eigens aus Eberswalde. Und jeden Montag, so kurz nach 19 Uhr, wenn der kleine Protestzug in Angermünde den Weg vom Bahnhofsvorplatz zum Marktplatz trottet, dreht er die Anlage hoch, damit die dünne Stimme von Birgit Lühr sich Gehör verschaffen kann für die Unentwegten, die sich gegenseitig längst zur Familie geworden sind. Wenigstens das.

An diesem Montag darf Birgit Lühr mit ins Auto rein. 16 Parolen hat sie sich aufgeschrieben, das reicht dicke für die paar hundert Meter durch die verlassene Altstadt. Nun ruft sie in kurzen Abständen: „Wir haben ein Recht zu leben und nicht zu vegetieren.“ Oder: „Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten. Und wer dazu? Die CDU. Und wer noch? Die Grünen und die FDP.“ Als Birgit Lühr das zum dritten Mal wiederholt, da fallen sogar einige ein, wenigstes bis zum zweiten Reim – trotzige Bekräftigungen längst vorhandener Gewissheiten sind das. Viele von denen, die mitlaufen, haben ihr Zeitungsabo gekündigt und dann ihre Versicherungen, und als das auch nicht mehr reichte, da haben sie daheim ihre Heizung heruntergedreht, um über die Runden zu kommen, mitten in diesem kalten Winter. Oh ja, sie fühlen sich verraten.

„Für viele“, sagt Meyer, „ist der Protest ein Stück Rettungsanker.“ Ein Ritual zur Selbstbestätigung ist es, ein Stück Disziplinierung auch, in einem Alltag, der ansonsten nur noch auf ganz kleiner Flamme bewältigt werden kann. „Es ist nicht mehr als recht und billig“, sagt einer in die Kälte des Abends hinein, „dass wir als Menschen behandelt werden.“ Mensch sein. Das ist das Metathema des Montagsprotests. Deswegen sind sie da.

Auf dem Marktplatz von Angermünde haben sie einen Halbkreis um den Kombi von Meyer gemacht. Der Gewerkschafter bittet all die den Arm zu heben, die bereits eine „Eingliederungsvereinbarung“ erhalten haben – auch so ein Wort aus der neuen Zeit, die nicht mehr die ihre ist. Meyer wartet, dann warnt er. Jüngst hat er einen Fall auf den Tisch bekommen, bei dem sich jemand per Eingliederungsvereinbarung verpflichten sollte, sich innerhalb der kommenden sechs Monate mindestens 30 Mal zu bewerben. Seine Frau und seine minderjährige Tochter sollten das gleich mitunterschreiben, beide seien schließlich Mitglieder einer „Bedarfsgemeinschaft“. Wer so etwas unterschreibt, ruft Meyer in die müden Gesichter, „hat später keine Einspruchsmöglichkeit“.

Eigentlich geht es nur noch darum, um Einspruchsmöglichkeiten, um kleine Korrekturen am zermürbenden Räderwerk des Alltags. In Angermünde wird nicht für mehr Arbeitsplätze demonstriert. So viel Einsicht ist mittlerweile vorhanden. „Es gibt keine Arbeit“, sagt Meyer, „und es wird noch schlimmer.“ In der Uckermark beträgt der Anteil der Langzeitarbeitslosen an den Arbeitslosen mittlerweile fast 50 Prozent. 15000 so genannte „Bedarfsgemeinschaften“ sind registriert. Wenn jede demnächst tatsächlich 30 Briefe schreiben soll, dann entsteht eine sinnlose Papierflut. Mehr nicht.

In der Dortmunder Bierpinte „Zum Gänsemarkt“ sitzen sie jetzt auch tagsüber Schulter an Schulter. Männer in mittleren Jahren, die trinken und schimpfen, manche, bis der Abend kommt. „Letzten Sommer hieß es: Hartz IV schafft Arbeit“, sagt Martin Pausch. „Da war uns sofort klar, das ist eine Lüge.“ Früher gab es in Dortmund den Stahl, die Kohle und den Fußball, erzählt Pausch. Früher ging sein Vater in einer großen Brauerei arbeiten, und er selbst war jahrzehntelang fest angestellt. Jetzt gibt es kaum noch Stahlwerke, und 18,9 Prozent sind arbeitslos in Dortmund, das ist Platz zwei im Ruhrgebiet. Pausch war mal im Karnevalsverein, hat Partys bei der Champions League organisiert und hatte Freunde. Jetzt soll er raus aus seinem Haus, in eine kleine Wohnung. Die Gerechtigkeit, sagt er, die gibt es nicht mehr. Und weil er aus einer Arbeiterfamilie stammt, die so sozialdemokratisch geprägt ist wie die Stadt Dortmund, die Herbert Wehner mal die rote „Herzkammer“ der Republik genannt hat, sitzt der Stachel vielleicht ein bisschen tiefer als bei anderen.

Martin Pausch ist raus auf die Straße. Anfang August letzten Jahres hat er die erste Montagsdemonstration in Nordrhein-Westfalen auf die Beine gestellt. Damals kamen 400 Leute. In der Woche darauf waren es schon 2500. Geschäfte sponserten die Flugblätter, und ein Gewerkschafter stellte eine Lautsprecheranlage, sagt er. Ein Rausch, eine Euphorie aber war da nie. „Das Gefühl war eigentlich traurig, weil die Menschen so unzufrieden sind.“ Natürlich weiß er inzwischen, dass er die neuen Gesetze nicht aufhalten kann. Dafür hofft er jetzt, sich bei den Genossen auf andere Weise revanchieren zu können.

„Ich freue mich auf den Regierungswechsel in Nordrhein-Westfalen“, sagt Martin Pausch und senkt verschwörerisch die Stimme. Im Mai sind Landtagswahlen, dann ist Schluss mit der roten Vetternwirtschaft, glaubt er. Schnell eine Zigarette gedreht, dann entwickelt er seine liebste Chaostheorie. Kommen die Christdemokraten ans Ruder, womöglich auch in Berlin, werden die Steinkohlesubventionen gestrichen. „Dann geht das hier den Bach runter“, sagt Pausch und lacht.

Als die Glocken der Reinoldikirche sechs Uhr schlagen, stehen 70 Leute um ein Mikrofon. Die vom Sozialforum sind gekommen, eine alte Frau verkauft marxistische Zeitungen, ein paar Damen mit gefärbtem Haar singen Lieder zum Internationalen Frauentag. Natürlich ist auch Fred da, der ein bisschen langsamer spricht. Und Silvia Strobender, die schenkt Kaffee aus und ist sauer.

Wenn man ein Anliegen ernsthaft verfolgt, müssen alle zu Wort kommen, sagt sie, auch die Parteilosen, solche wie sie. Silvia Strobender war mal technische Zeichnerin, und als auch ihr Mann den Job verlor, hat sie Kuchen gebacken für die Montagsdemos und gefroren für die gute Sache. Bis sie gemerkt hat, dass diese neue Familie, in die sie da geraten war, ein ziemlich verkrachter Haufen war.

„Wir haben nichts gegen Kommunisten, aber wir werden von denen ein bisschen in die Ecke gedrängt“, sagt sie und erzählt von Martin Pausch, dem Frontmann der Demonstrationen, der ja nicht sonderlich viel zu sagen habe hier. „Ich denke mal, die Marxistisch-Leninistische Partei hat eigentlich schon die Fäden in der Hand“, sagt sie und zeigt zu dem kleinen Podest, auf dem ein Mann mit Bart und Gitarre steht.

„We are women, we are strong“, singt Gerd Pfisterer und greift in die Saiten. Er kann so was, hat als Gewerkschafter der IG Metall schon die großen Stahlstreiks der 80er Jahre organisiert. Als es in Dortmund mit den Montagsdemos losging, hat er Martin Pausch etwas unter die Arme gegriffen. „Er ist ja völlig unerfahren gewesen“, sagt Pfisterer. „Wir machen diese Arbeit eben schon lange.“

Wir, das sind ein paar Betriebsräte und stille Mitstreiter von Pfisterer, die hier die Megafone stellen, die Lautsprecheranlage und die Flugblätter. Fragt man Pfisterer, ob er Mitglied der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands ist, schweigt er nur und guckt betreten. Die Mitgliedschaft in einer kommunistischen Partei ist mit Gewerkschaftsaktivitäten unvereinbar. Jedenfalls offiziell. Im Übrigen gehe es doch darum, Menschen in Not die Richtung zu weisen. „Für viele ist das eine unheimliche Orientierung“, sagt er. „Ich gehe davon aus, dass es bald wieder Massendemonstrationen geben wird.“ Dann setzt der Zug sich in Bewegung. Ganz langsam. Irgendjemand fängt an zu singen. Dann sind sie weg.

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