Zeitung Heute : Die intelligente Vermehrung von Geld Wie die Region von der TU Berlin profitiert

Marion Döring
Unter Strom. Absolventen wie Steffen Kümmell bringen den Wirtschaftsstandort Berlin voran. Foto: TU Presse/Dahl
Unter Strom. Absolventen wie Steffen Kümmell bringen den Wirtschaftsstandort Berlin voran. Foto: TU Presse/Dahl

Wer Steffen Kümmell in seinem Büro besucht, wird mit einem tollen Blick auf die Spree belohnt. Der Ausblick ist ein täglicher Motivationsschub für den 37-Jährigen, dem sein Job als Projektleiter bei der Firma IAV aber ohnehin Spaß macht. Seit 2008 ist der Wirtschaftsingenieur und Absolvent der TU Berlin bei dem Entwicklungspartner der Autoindustrie angestellt. Kümmell arbeitet unter anderem an der Entwicklung von induktiven Ladeverfahren für E-Autos. „Um die Elektromobilität voranzubringen, braucht man Alternativen zu den bekannten Lademöglichkeiten per Kabel“, sagt er. „Deshalb reizt mich die Arbeit, weil es ums Entwickeln und Testen neuer Ideen geht.“

IAV wurde 1983 von dem TU-Professor Hermann Appel gegründet und beschäftigt heute weltweit mehr als 5000 Mitarbeiter. In Berlin sind es 900, die meisten von ihnen in der Entwicklung. 535 Millionen Euro erwirtschaftete das Unternehmen 2012.

Firmen wie IAV haben dazu beigetragen, das Image der Stadt als Wirtschaftsstandort zu verbessern. Doch nicht nur die Industrie, auch die Hochschulen sind Wirtschaftsfaktoren für die Region. Einerseits durch ihre Ausgründungen, andererseits durch Absolventen wie Kümmell, die nach dem Studium in Berlin bleiben, als Steuerzahler mit gut bezahlten Jobs.

Studien haben wiederholt den direkten wie indirekten volkswirtschaftlichen Nutzen der Hochschulen nachgewiesen. Beispiel TU Berlin: Sie ermittelte, dass 65 Prozent des Absolventenjahrgangs 2010 ihre Erstanstellung bei einem Unternehmen in Berlin fanden und beispielsweise 85 Prozent der Informatiker, 73 Prozent der Maschinenbauingenieure und 55 Prozent der Wirtschaftsingenieure in Berlin ihren ersten Arbeitsvertrag unterschrieben.

„Dieser hohe Anteil hat uns selbst überrascht“, sagt Patrick Thurian, Gruppenleiter im Bereich Strategisches Controlling der TU Berlin. „Legt man das durchschnittliche Einstiegsgehalt von rund 3000 Euro monatlich zugrunde, dann ergeben sich allein durch diese Absolventen ein jährliches Bruttoeinkommen von 75,5 Millionen Euro und entsprechende Steuereinnahmen für die Stadt.“

Dieses Beispiel wird durch eine Studie von Wirtschaftswissenschaftlern der Universität Magdeburg aus dem Jahr 2003 bestätigt. Demnach ist eine Hochschule in jedem Fall ein volkswirtschaftlicher Gewinn für eine Region, auch ohne direkte Effekte wie Drittmittel oder Arbeitsplätze, die die Universität selbst schafft. 2008 ging die DIW econ, eine Consultingfirma des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), der Frage nach dem Nutzen en detail an der TU Berlin nach.

Ergebnis: Jeder in die Universität investierte Euro bringt 1,45 Euro an zusätzlicher Nachfrage – durch Studierende und Angestellte der Hochschule – sowie 1,92 Euro zusätzliche Einnahmen in der Region, etwa durch Mieten und Steuern. Zudem hat die Universität durch Ausgründungen von TU-Forschern und Existenzgründungen von Absolventen ein ansehnliches Wissenskapital angehäuft.

Dieses Wissen lässt sich über „harte“ Fakten beziffern. Kürzlich veröffentlichte der Gründungsservice der TU Berlin aktuelle Umfrageergebnisse. Knapp 350 Alumni mit eigenem Unternehmen beteiligten sich. Sie beschäftigten im Jahr 2011 mehr als 16 000 Mitarbeiter und erwirtschafteten einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro. Knapp die Hälfte der Arbeitsplätze entstanden in Berlin-Brandenburg.

Einer dieser Gründer ist der Diplominformatiker Johannes Schaback, der 2007 sein Studium an der TU Berlin abschloss. Seit 2009 leitet er mit Robert Maier die Visual Meta GmbH. Das Unternehmen betreibt die Marken „LadenZeile“ und „ShopAlike“ als virtuelle Einkaufszentren. Auf den Webseiten bündelt Visual Meta die Produkte von rund 1800 Partnershops aus den Bereichen Mode, Möbel und Lifestyle. Über eine intuitive Produkt- und Ähnlichkeitssuche finden Nutzer die gewünschten Produkte oder können Angebote vergleichen. Ladenzeile und ShopAlike gibt es mittlerweile in 16 europäischen Ländern.

„Unser Ziel war es, eine Meta-Suchmaschine für Mode, Design und andere Produkte zu werden“, erläutert Schaback. Ebenso klar war, dass die Firma in Berlin gegründet werden würde, weil die Infrastruktur optimal sei. „Die Branche boomt. Das wiederum zieht viele Bewerber in die Stadt – wenn wir sie nicht von einer der Berliner Hochschulen rekrutieren.“ Rund 120 zumeist junge Kollegen arbeiten in den Büroräumen. Schaback ist mit 31 einer der älteren. Das Team hat er sich aus 20 Ländern zusammengestellt.

Mit Mode und hübschen Bildern auf Webseiten hatte der gebürtige Göttinger ursprünglich nicht viel im Sinn, als sein damaliger Arbeitgeber ihn fragte, ob er die Entwicklung eines virtuellen Mode- und Designzentrums übernehmen wolle. Doch heute ist Schaback davon fasziniert, hohe technische Anforderungen, mit der Herausforderung zu verbinden, Dienstleistung auch ästhetisch anspruchsvoll zu gestalten. Seine Erfahrungen gibt Schaback gern an Start-ups weiter: als Business-Angel für den TU-Gründungsservice. Marion Döring

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