Zeitung Heute : Die Isolation durchbrechen

JAN PUHL (Tsp)

"Planet Tegel" nennen viele der 1600 Gefangenen die Justizvollzugsanstalt (JVA) im gleichnamigen Berliner Stadtteil."Tegel ist eine Welt für sich, mit Kirche, Verkehr, Handel, allem was dazugehört.Nur wenig dringt nach außen", sagt Jörg Heger, der sich seit Jahren ehrenamtlich um die Insassen des größten deutschen Gefängnisses kümmert.Ab heute abend können auch Nicht-Kriminelle den Planeten Tegel erforschen: Auf der ersten von Häftlingen gestalteten Homepage der Bundesrepublik ist das Gefängnis unter der Adresse www.planet-tegel.de im Internet zu erreichen.

Wochenlang haben Betreuer Heger, der Berliner Regisseur Roland Brus, der seit zwei Jahren an einem Theaterprojekt mit Tegel-Insassen arbeitet, und dem Kölner Medien-Designer Michael Henning gemeinsam mit Gefangenen die Web-Site des Gefängnisses gestaltet.Die Idee enstand im Rahmen eines Stipendiums an der Akademie Schloß Solitude in Stuttgart."Wir wollten das Schweigen der Insassen, die Isolation durchbrechen", erklärt Brus.Der virtuelle Gast kann per Mausklick etwa einen Rundblick durch die JVA unternehmen oder Berichte der Häftlinge über ihr Leben hinter Gittern abrufen."Wir wollen zeigen, daß nicht alle Knackis Tiere sind.Vielleicht können wir Berührungsängste verkleinern", sagt Ditmar Große, der seit 1992 wegen Betruges in Tegel sitzt.

Oft ärgert er sich, daß draußen die Härte des Vollzuges unterschätzt wird.Zu oft sei in den Medien die Rede vom "Hotelvollzug".Auf der Tegel-Website hat Große über den "Anstaltsalarm" geschrieben.Dabei werden alle Häftlinge in ihre Zellen geschlossen."Das passiert immer in schwierigen Situationen.Du sitzt dann da, wartest, hältst den Atem an, weißt nicht, was draußen los ist.Einige Mithäftlinge reagieren mit Angstzuständen, Frust und Zorn." Beim letzten Anstaltsalarm, nachdem am vergangenen Freitag einem Mithäftling über die Anstalts-Bäckerei die Flucht gelungen war, ist einer der raren Besuchstermine von Große geplatzt.

Und weil Große sowieso zu wenig Kontakt nach außen hat, war es für ihn mehr als ambitionierte Computerspielerei, die Internet-Seite mitzugestalten."Hier im Knast wird keiner besser, sondern nur schlechter.Die Bastelei an der Web-Site hilft mir, geistig nicht zu veröden und mich nicht an den Alltags-Trott hier zu gewöhnen." Das falle allein schon sprachlich sehr schwer."Hier ist der Umgangston sehr rauh.Wenn ich mal rauskomme, will ich nicht, daß man mir sofort anhört, daß ich im Gefängnis war."

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