Zeitung Heute : Die isolierte Angst

Der Erreger der Maul- und Klauenseuche in England stammt wohl aus der Impfstoffproduktion. Wie sicher sind Versuchslabore?

Dagmar Dehmer

Es ist einerseits eine gute Nachricht, dass der in Großbritannien festgestellte Erreger der Maul- und Klauenseuche (MKS) vermutlich aus der Impfstoffproduktion stammt und ein abgeschwächtes MKS-Virus ist. Damit steigen die Chancen, „dass das Geschehen lokal begrenzt bleibt“, wie ein Sprecher des Bundeslandwirtschaftsministeriums dem Tagesspiegel sagte. Zumal die britische Regierung diesmal nur drei Stunden brauchte, um ein Transport- und Handelsverbot für Tiere zu erlassen. Beim großen Ausbruch der Tierseuche 2001 hatte das drei Tage gedauert. Tatsächlich sind bisher auch keine neuen Ansteckungsfälle entdeckt worden.

Andererseits ist die Information der britischen Chef-Veterinärin Debby Reynolds, dass der Erreger in einer privaten Firma auf dem Gelände des staatlichen Forschungslabors für Tiergesundheit (IAH) zu Impfzwecken gezüchtet wurde und womöglich Quelle der Seuche ist, nicht gerade beruhigend. Der Virenstamm vom Typ 01 BFS67 komme in der Natur normalerweise nicht vor. Er sei zuletzt beim MKS-Ausbruch 1966/67 gefunden und dann von Forschern für die Impfstoffproduktion isoliert worden. Die Firma Merial Animal Health, eine Tochter der amerikanischen Pharmafirma Merck & Co. sowie von Sanofi-Aventis, habe die Herstellung des Impfstoffes sofort eingestellt.

Wie das Virus auf eine etwa drei Kilometer entfernte Farm überspringen konnte, ist noch unklar. Infrage kommt eine Übertragung durch die Luft oder ein versehentliches Ausschleppen durch Mitarbeiter an der Kleidung oder den Schuhen. „Das ist eine vielversprechende Spur, aber noch wissen wir es nicht ganz sicher“, sagte Umweltminister Hilary Benn am Sonntag dem Sender BBC.

„Merial kooperiert voll und ganz mit der britischen Regierung bei der Suche nach dem Herd der Infektionen“, sagte der Direktor der britischen Merial-Niederlassung, David Biland. Am 16. Juli soll Merial zuletzt die entsprechenden Viren erzeugt haben. Die größte MKS-Impfstoffproduktion der Firma liegt in Brasilien. Weltweit beschäftigt das Unternehmen 5000 Menschen, in Deutschland sind es 100. Der Jahresumsatz des Konzerns liegt bei rund 2,2 Milliarden Euro. Die deutsche Tochter hat ihren Sitz in Hallbergmoos nicht weit vom Münchner Flughafen. Ob und was die Firma an Tierarzneien in Deutschland produziert, ließ sich am Sonntag nicht ermitteln.

Zuvor war das staatliche britische Institut für Tiergesundheit in Pirbright in Verdacht geraten. Denn auch das IAH hatte vor Kurzem mit dem Virenstamm gearbeitet, der die Seuche auf dem Nachbarhof ausgelöst haben soll. Institutsdirektor Martin Shirley sagte jedoch, eine erste Untersuchung habe keine Verletzung von Sicherheitsvorschriften ergeben. Das Institut ist eines von vier weltweiten Referenzlaboren für die Maul- und Klauenseuche.

Ob das Virus nun aus dem Referenzlabor oder aus der Impfstoffproduktion stammt – beides ist bedenklich. Denn es wirft ein Schlaglicht auf die Biosicherheit. Der grüne Europaabgeordnete Friedrich- Wilhelm Graefe zu Baringdorf sagt: „Das ist außerordentlich misslich. Solche Labore müssen sicher sein.“ Er fragt sich mit Blick auf die Gentechnologie, wie sicher Hochsicherheitslabore überhaupt sein können. Auch Labore, in denen mit potenziellen biologischen Kampfstoffen, zum Beispiel Grippeviren oder MKS-Viren hantiert wird, können die Quelle großer Probleme werden – auch mit Blick auf Terrorgefahren.

Da mag es tröstlich sein, dass das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, das Friedrich-Löffler-Institut (FLI), seinen Sitz auf einer Ostseeinsel hat. Die „Seucheninsel“ Riems wurde schon von den Nationalsozialisten für die Erforschung von biologischen Kampfstoffen genutzt. Später diente sie der DDR als Forschungsinstitut zur Entwicklung von Impfstoffen gegen die MKS. In der DDR wurde gegen die Krankheit flächendeckend geimpft. Zwar konnte Fleisch von geimpften Tieren aus Veterinärschutzgründen nicht exportiert werden, doch die DDR produzierte ohnehin nur für den eigenen Bedarf. Auch heute noch lagern in Riems eine Vielzahl von Tierseuchenerregern, auch MKS-Viren, die besser dort bleiben sollten. Die Insel ist auch deshalb für den Publikumsverkehr gesperrt.

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