Zeitung Heute : Die Jobmaschine: Für clevere Mitarbeiter ist der Fünf-Monats-Job ein Mittel zum Zweck

Christof Schössler

Auf dem ganzen Gelände herrscht noch hektische Betriebsamkeit. Überall wird gehämmert und gesägt, genagelt und geschraubt. Fix-Termin: Donnerstag, 1. Juni. Das ist der Beginn der Expo 2000, der ersten Weltausstellung auf deutschem Boden. Spätestens angesichts dieses fiebrigen Treibens auf der gigantischen Baustelle in Hannover ist klar: Die Expo 2000 hat für viele Menschen schon lange vor der offiziellen Eröffnung begonnen. Und am kommenden Donnerstag, dem Feiertag "Christi Himmelfahrt", geht es mit noch mehr Tempo, Elan und Man-Power richtig los.

Trotz immer mal wieder negativer Berichterstattung, trotz allerhand Pleiten, Pech und Pannen, Managementproblemen und häufig kolportiertem Finanzchaos: Die Expo 2000 ist ein beschäftigungspolitischer Magnet allererster Güte. Rund 19 000 Menschen haben allein durch die Vorbereitungen der Weltausstellung Arbeit gefunden. Sei es im Rahmen der bautechnischen Erschließung des Geländes oder bei organisatorischen Tätigkeiten im Planungsstab der Expo-Gesellschaft. Doch bei dieser Zahl wird es nicht bleiben.

Arbeit für 100 000 Personenjahre

In der Kernzeit vom 1. Juni bis zum 31. Oktober, so verkünden stolze Initiatoren, rechne man mit insgesamt 25 000 Beschäftigten allein auf dem Veranstaltungsgelände. Noch gewaltiger, wenn auch ungleich abstrakter, illustriert eine Studie des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung (NIW) das zumindest temporäre Job-Wunder an der Leine: Die Weltausstellung schafft ein Beschäftigungsvolumen von mehr als 100 000 Personenjahren.

Ein Aufkommen, für dessen Bewältigung sich die Expo-Gesellschaft einen ausgewiesenen Profi mit an Bord holte: Den weltweit führenden Anbieter von Personaldienstleistungen, Adecco. Im Auftrag der Expo-Gesellschaft sichteten die Job-Experten insgesamt mehr als 50 000 Bewerber für den zeitlich befristeten Einsatz in Hannover. Ihr Fazit: "Das Flair der Weltausstellung übt eine gewaltige Faszination aus." Und das gleich bundesweit.

Gigantischer Stellenmarkt

Nur 25 Prozent aller Arbeitswilligen kommen aus dem direkten Umfeld der Niedersachsen-Metropole. 75 Prozent hingegen aus dem übrigen Deutschland sowie Nachbarstaaten. Manfred Brucks, Unternehmenssprecher der Hamburger Deutschland-Zentrale von Adecco, weiß einleuchtende Gründe für den Run auf die Expo-Jobs: "Internationales Umfeld, zukunftsorientierte Themen, Top-Ausstellerfirmen." Für die meisten Arbeitswilligen sei der Fünf-Monats-Job auf der Weltausstellung ohnehin lediglich cleveres Mittel zum Zweck. "Die Expo ist ein gigantischer Stellenmarkt", ahnt Brucks.

Kein Wunder also, dass Adecco sein Hannover-Personal zu gut 50 Prozent aus Studenten rekrutiert. "Nirgendwo sonst ist die Chance größer, einen Fuß in die Tür von potenten Top-Unternehmen zu bekommen." Beliebt sind auf der Weltausstellung in erster Linie Jobs wie VIP-Guide, Pressescout und Hostess. Deutlich weniger nachgefragt werden dagegen Engagements im Verkauf und Service. "Die Expo ist eine Job-Maschine", lobt Bodet du Chodes, Generalsekretär des Wirtschaftsclubs Rhein-Main, die Organisatoren der Weltausstellung aus Sicht des Unternehmers. Und da gilt seine Anerkennung ausdrücklich nicht nur dem Arbeitsplatz-Erfolg in und um Hannover.

Mitarbeiter-Placement für danach

In erster Linie meint er damit die 280 "weltweiten Projekte" der Expo. Allein hier wurden national wie international noch 25 000 weitere, offiziell registrierte Arbeitsplätze geschaffen. Eine "spektakuläre Leistung", für die du Chaudes der Expo im vergangenen Jahr den "Arbeitsplatz-Investor-Preis" überreichte. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge beobachtet indes Rainer Keßler, Pressesprecher des Arbeitsamtes Hannover die Szenerie: "Natürlich spüren auch wir einen deutlichen Expo-Effekt", bestätigt der Arbeitsmarkt-Experte. Vor allem in den Bereichen Gastronomie, Hotellerie, Handel und Touristik seien viele zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen worden. Zumindest für die Dauer der Expo. Und genau darin liege nach seiner Ansicht auch der dicke Wehrmutstropfen: fehlende Nachhaltigkeit.

Keßler befürchtet, dass die Wirtschaft viele Arbeitswillige spätestens im November wieder "entsorgen" wird. Dennoch unterstreicht er die positiven Aspekte. So ist er sich mit all denen einig, die den Expo-Jobs ein überdurchschnittlich hohes Maß an Qualifizierungs-Potenzial zubilligen: "Wer dort gearbeitet hat, ist Stress gewohnt, hat Flexibilität gelebt und Service geleistet", erklärt Keßler. Sicher nicht die schlechteste Visitenkarte für Vorstellungsgespräche im Anschluss an das Expo-Engagement.

Alle Mitarbeiter wissen, was auf sie zukommt: Eine ganze Menge Hektik - und das Ende ihres Arbeitsverhältnisses am 31. Oktober. Doch die Personalabteilung der Expo bietet schon jetzt gezielte Maßnahmen an, damit sich das Job-Wunder nach Ende der Weltausstellung im chronisch strukturschwachen Hannoveraner Umfeld nicht wieder verflüchtigt. Dazu zählen Weiterbildungen, Workshops und das so genannte "Mitarbeiter-Placement". Gerade in letzterer Mission ist Hedda Mente, Personalleiterin der Expo-Gesellschaft, derzeit schwer auf Achse. Sie besucht Partnerfirmen sowie große Personalagenturen, um diese von den Qualifikationsprofilen ihrer Leute zu überzeugen. Ein Angebot, das potenzielle Arbeitgeber seit kurzem auch auf der Expo2000-Homepage im Internet über die speziellen Fähigkeiten aller Mitarbeiter informiert.

Zeitarbeit als Arbeitsform der Zukunft

Dass diese durchaus gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, zeigt ein Blick auf die jüngste Weltausstellung 1998 in Sevilla. Von den dort beschäftigten 16 000 Menschen haben so gut wie alle einen Anschluss-Job gefunden.

"Expo-Mitarbeiter sind eben begehrt", gibt sich Hedda Mente optimistisch. Zudem seien zeitlich befristete Jobs ohnehin die Zukunft der Beschäftigung. Und wer sollte dies besser wissen, als die Hannoveraner Weltausstellungs-Macher? Heißt doch dort eines der wichtigsten Themengebiete: "Die Zukunft der Arbeit." Kann da noch etwas schiefgehen?

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