Zeitung Heute : Die Jugend will’s wissen

Hans Monath

In der neuen Shell-Studie, die gestern in Berlin präsentiert wurde, sind Jugendliche über ihre Erwartungen an die Zukunft befragt worden. Welche Bedeutung misst die Jugend dabei der Bildung zu?


Es gibt in der Bundesrepublik kaum eine politische Grundsatzrede, die nicht die Bedeutung der Bildung für die Zukunft des Landes hervorhebt. Eine Botschaft, die bei den Jungen längst angekommen ist – wobei sich die Jugend weniger um die Zukunft der Nation sorgt, als vielmehr um ihr ganz persönliches Wohlergehen. Und dabei schätzen sie den Wert eines guten Berufs-, Schul- oder Universitätsabschlusses als Grundlage für eine erfolgreiche Zukunft höher ein denn je zuvor. Das hat die Shell-Jugendstudie 2006 ergeben, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Die Mehrheit der befragten Jugendlichen im Alter von zwölf bis 25 Jahren sehen in einer guten Bildung und Ausbildung den Schlüssel für ein erfülltes Leben. Offensichtlich wird, dass die Jugendlichen leistungsbereiter und zielorientierter sind als früher. Ihre Devise ist: Aufstieg statt Ausstieg.

Eine „bemerkenswerte Generation mit einem fantastischen Leistungspotenzial sieht der Studienautor und Sozialforscher Klaus Hurrelmann deshalb heranwachsen. Und die Mädchen, so ergab die Befragung, „drehen am Leistungsrad“, wie Hurrelmann sagt. 47 Prozent von ihnen besuchen ein Gymnasium, bei den Jungen sind es nur noch 40 Prozent. Auch bei dem Wunsch, Abitur zu machen, zeigen Jungen (47 Prozent) deutlich weniger Bildungsehrgeiz als die Mädchen (55 Prozent). „Wenn das so weitergeht, dann sind die Frauen bald die Bildungselite in Deutschland und die Männer sammeln sich in Hauptschulen und Sonderschulen, sie werden dann abgehängt“, warnt Hurrelmann. Gerade die Jungen aus unteren sozialen Schichten würden „unter Konkurrenz“ geraten.

Denn was die international vergleichenden Pisa-Bildungsstudien für Deutschland belegen, das spüren ganz offenbar auch die Jugendlichen: In kaum einem anderen westlichen Land bestimmt die soziale Herkunft so sehr die Bildungs- und Aufstiegschancen. „Die Bildungswelten driften auseinander“, sagt Studienautor Hurrelmann. So sehen die befragten Jugendlichen, die eine Hauptschule besuchen, ihre Zukunft deutlich weniger optimistisch (38 Prozent sind eher zuversichtlich) als ihre Altersgenossen aus dem Gymnasium (57 Prozent).

Der Bildungswille und -fleiß der Jungen stößt offenbar sehr schnell an die Grenzen der Wirklichkeit. So verliert Deutschland bei der Ausbildung von Akademikern den Anschluss an andere Industrienationen, wie eine vor rund einer Woche vorgestellte Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt. So liegt die Quote der Hochschulabsolventen eines Altersjahrganges in Deutschland bei 20,6 Prozent und damit deutlich unter dem OECD-Mittelwert.

Zwischen Sonntagsreden, den Ansprüchen der Jugendlichen und Bildungsrealität klaffen also noch große Lücken. Zumindest hat sich in der Politik in den vergangenen Jahren die Einsicht durchgesetzt, dass Menschen sehr früh in ihrem Leben mit Bildungsanreizen konfrontiert werden müssen und Einrichtungen wie Kindergärten nicht länger reine Betreuungsanstalten sein dürfen. Sie sollen vielmehr Orte sein, in denen Kinder ganz gezielt gefördert und intellektuell gefordert werden – auch um soziales Gefälle auszugleichen. Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) forderte bei der Vorstellung der Studie denn auch eine verstärkte Vorschulförderung.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben