Zeitung Heute : Die Kanzlerfrage als Testfall für die SPD

HERMANN RUDOLPH

Fast alles spricht dafür, daß die alten und allzu bekannten Spannungen bei den Sozialdemokraten wieder aufbrechenVON HERMANN RUDOLPHEs mag sein, daß Helmut Kohl seine Kanzlerkandidatur tatsächlich erklärt hat, weil er - wie der SPD-Vorsitzende Lafontaine meint - mit dem Rücken zur Wand steht.Dann aber hat er ein eindrucksvolles Beispiel für die Kunst geben, wie man mit einem kleinen Schritt die politische Situation verändern kann.Denn Kohls Kandidatur bringt nicht nur Ruhe in die eigenen Reihen.Sie stürzt vor allem auch die SPD in Schwierigkeiten.Sein Entschluß hat das Fragen nach seiner Zukunft und der Verfassung der CDU, mit dem er gepiesackt wurde, umgelenkt auf die Opposition: nun steht sie unter dem Druck, die Frage nach ihrem Kanzlerkandidaten zu beantworten. Wie sehr diese Wendung die SPD getroffen hat, zeigt ihre Versicherung, sie werde sich von ihrem Zeitplan - Entscheidung im Frühjahr, bis dahin Lafontaine und Schröder Arm in Arm - nicht abbringen lassen.Denn er ist nichts anderes als ein Totstellreflex.Niemand glaubt ernsthaft, die SPD werde das durchhalten können.Den sarkastischsten Kommentar dazu hat Peter Glotz gegeben, der seine Partei kennt, indem er den Ausgang dieser Friedens-Probe davon abhängig machte, "wie viele Samstagsinterviews noch gegeben werden".Selbst wenn Lafontaine und Schröder es über sich brächten, kollegial miteinander umzugehen, drängt sie doch ihre Rivalität zu einer beständigen, dann eben unausgeprochenen Konkurrenz - aufgeschoben ist nun einmal nicht aufgehoben.Das hat nicht nur mit dem Ehrgeiz beider Politiker zu tun - obwohl auf den immerhin Verlaß ist - als mit dem medial aufgeheizten Zustand der Öffentlichkeit: so zentral wie diese auf den Kanzler fixiert ist, so unabwendbar hängt die Kanzlerfrage über jenen. Aber es ist eben auch kaum zu vermeiden, daß die Kanzlerfrage, wenn sie denn aufgeworfen wird, zum Testfall für die SPD wird.Zwar ist es Lafontaine in den letzten Monaten gelungen, die Partei wieder zusammenzubringen, aber niemand weiß, wie belastbar die gegenwärtige Eintracht ist.Im Gegenteil: ziemlich alles - nämlich zuvörderst die Form, in der sich die SPD in der Enkel-Ära präsentiert hat, sodann das Allzumenschliche in der Politik - spricht dafür, daß die alten Spannungen wieder aufbrechen.Die Dilemmata der SPD bestehen ja fort - das generationspezifische ebenso wie das strategische.Die Lafontaine, Schröder, Scharping und wie die Führungshoffnungen von einst heißen, fühlen, wie ihnen die Zeit davonläuft, in der sie nach der Macht greifen können, aber sie sind trotzdem nicht fähig, jenes Mindestmaß an Solidarität aufzubringen, das dazu notwendig wäre.Und die Partei selbst hängt nach wie vor unschlüßig zwischen der Neigung zu Rot-grün und großer Koalition.Das spaltet die Partei nicht - aber, was nicht viel besser ist, es bloêkiert sie innerlich. Es kommt hinzu, daß die Struktur der SPD-Führung dazu verführt, Zwietracht in ihre Reihen zu säen.In Bonn, in der direkten Konfrontation mit dem Kanzler ein abgehalfteter Politiker, ein Partei-Vorsitzender, der sein Standbein in Saarbrücken, also weit ab vom Schuß hat, ein mit den Füßen scharrender Herausforderer in Hannover, dazu eine Handvoll Landesfürsten, die an sich selbst auch nicht gerade zuletzt denken: in solcher Schlachtordnung marschierte nur Franz-Josef Strauß auf, als er 1980 nach der Macht griff.Man weiß, wie es ausging, und man kann kaum umhin, daraus die Regel abzuleiten, daß der Weg ins Kanzleramt durch die Bonner Machtmeile einschließlich des Bundestags führt. Was also tun? Es ist wahr, die SPD läge im Moment mit jeder Entscheidung in Sachen Kandidatur irgendwie falsch.Und wie zum Spott darf sie sich dann auch noch die Weisheit anhören, daß es erst recht falsch wäre, nichts zu tun.

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