Zeitung Heute : …die Katastrophe zu uns kommt

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Neben dem Jahr des Gedenkens an Albert Einstein wird 2005 auch das SchillerJahr genannt werden. Am 9. Mai vor dann 200 Jahren verstarb der Meister in Weimar. „Hört ihr jene Brandung stürmen, die sich an den Felsen bricht? Asien riss sie von Europen…“, dichtete Friedrich Schiller, als er über „Hero und Leander“ schrieb, es ist fast nicht zu fassen. „Asien riss sie von Europen, Doch die Liebe schreckt sie nicht.“ Doch die Liebe schreckt sie nicht...

Ist es tröstlich, dass die Liebe siegt? Heute hat für die meisten Menschen der Alltag wieder begonnen. Wir sind zu unserer Arbeit gegangen, wir haben die Kollegen begrüßt und uns ein frohes neues Jahr gewünscht. Hartz IV wird manch einen belasten in den nächsten Tagen, die Lkw-Maut schafft seit Sonntagabend Verwirrung, der Kanzler hat gesagt, dass es keine Reformpause gibt. Das soll alles so sein, das ist gut oder schlecht, je nachdem. Aber heute ist vor allem der Tag, an dem die Katastrophe zu uns gekommen ist. Wir haben die Fernsehbilder gesehen, immer und immer wieder. Die Bilder waren nah, sie gingen nah, aber es waren Fernsehbilder, und wir hätten auf einen anderen Kanal schalten können – heute indes werden wir den Menschen begegnen, die mittelbar oder unmittelbar betroffen waren, und sie sind nicht wegzuzappen.

Am Sonntag saß in einem Berliner Café eine Tischgesellschaft. Sechs Menschen hörten den Erzählungen eines jungen Paares zu. Das Paar war in Thailand gewesen. Es war vor den Wassern davongerannt, es war gestolpert und hingestürzt, es hat sich unverletzt retten können. Das Paar erzählte ruhig und lange, die junge Frau und der junge Mann klammerten sich immer wieder aneinander, ein Lächeln der Erleichterung, ein Lachen über das Überleben kamen dabei nicht zustande. Nur das Entsetzen stand in den Gesichtern, Angst, immer noch, auch in der sicheren Heimat. Wenn wir wenigstens einen Schuldigen hätten, den wir verantwortlich machen könnten und verdammen für die Untat. Aber nicht einmal Al Qaida kann Erdplatten verschieben.

Der Alltag hat wieder begonnen. Aber er wird ein anderer sein in den nächsten Wochen und vielleicht sogar Monaten. So schnell wird sich Unbekümmertheit nicht wieder einstellen, nicht bei den Betroffenen und nicht bei uns, denen die schrecklichen Geschichten erzählt werden. „Doch die Liebe schreckt sie nicht“, wenigstens das bleibt. Denn sonst müssten wir alle irre werden. uem

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