Zeitung Heute : "Die Kiste": Zehn kleine Kommunisten

Jörg Plath

Wie eine Flaschenpost erscheint der Roman "Die Kiste" des Griechen Aris Alexandrou jetzt auf deutsch. Er erzählt von menschenverachtenden Praktiken der Kommunistischen Partei und scheint damit zu den verächtlich "Renegatenliteratur" genannten Büchern zu gehören, mit denen sich ehemalige Genossen in Westeuropa vor nun vierzig, fünfzig Jahren von ihrer KP abwandten. Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis" ist die wohl bekannteste dieser Abrechnungen mit dem Stalinismus. "Die Kiste" jedoch ist erst 1974 in Griechenland erschienen - nach dem Ende der Militärdiktatur, vor der der Lyriker und Übersetzer Aris Alexandrou 1967 in das Exil nach Paris gegangen war, wo er 1978 starb. Sechs Jahre, von 1966 bis 1972, arbeitete er an seinem einzigen Roman. Anfangs kühl aufgenommen, gilt er heute, so sein Übersetzer Gerhard Blümlein, als Wendepunkt der neugriechischen Literatur. Inzwischen liegt die Originalausgabe in der 22. Auflage vor.

Für die unveränderte Aktualität ebenso wie für die Schwächen von "Die Kiste" ist der Einfluss des Exils verantwortlich. Alexandrou erzählt nur vordergründig vom Verhalten der Kommunisten im Widerstand und Bürgerkrieg. Die rechte Diktatur in der Heimat vor Augen, gerät ihm der Roman in Briefen, die ein Häftling verfasst, zur Parabel über das Individuum in den Fängen der absoluten Macht. "Genosse Untersuchungsrichter", beginnt der Gefangene seinen ersten Brief am 27. September 1949. Warum er verhaftet worden ist, weiß er nicht. Doch kann es sich nur um ein Missverständnis handeln, das sein Bericht aufzuklären verspricht. Denn schließlich hat er einen wichtigen, geheimen Auftrag der Partei erfüllt: eine verschweißte Kiste von N. nach K. zu bringen.

Bei dieser Mission sind 39 seiner Kameraden gefallen. Schon vor dem geheim gehaltenen Aufbruch werden fünf von ihnen als Verräter exekutiert. Danach stirbt, mit unerbittlicher Regelmäßigkeit, jeden Tag mindestens einer der als Bauern verkleideten Soldaten. Heckenschützen oder feindliche Fallschirmjäger fordern nur wenig mehr Opfer als der Befehl, dass Kranke und Verletzte mit Zyankali Selbstmord begehen müssen, um das Unternehmen nicht aufzuhalten. Der Bericht von diesem völlig zu Recht Selbstmordkommando genannten Kistentransport liest sich wie "Zehn kleine Negerlein", und sein Tonfall ist ähnlich ungerührt wie der des Kinderreims. Schließlich hing vom Erfolg der Mission der Ausgang des Bürgerkrieges ab, und die Partei erteilte die Weisungen.

Den treuen Parteisoldaten irritieren selbst fünf Hinrichtungen nicht. Auf ihn ist Verlass, solange er weiß, worauf er sich verlassen kann. Beim "Genossen Untersuchungsrichter" glaubt er es zu wissen, doch die Sicherheit schwindet, je länger dieser schweigt. Zunehmend ungeduldig richtet der Gefangene Fragen an den Richter, täuscht ihn in einem Brief und erklärt diese Täuschung im nächsten mit der Sehnsucht nach einer Antwort, bricht den Bericht unter Drohungen ab und nimmt ihn nach neun Tagen wieder auf, bis er gar zweifelt, ob der Untersuchungsrichter überhaupt Genosse ist. Befindet er sich vielleicht in den Händen der Regierungsarmee, die sich bei seiner Ankunft in K. als Volksarmee ausgab? Mit dieser Vermutung steht der Gefangene in der Mitte des Romans vor den Trümmern seines Weltbilds.

Nun verfügt er nur noch über "Bruchstücke", ohne Parteilinie bleibt ihm nur noch Wahrhaftigkeit. Der Gefangene eröffnet das Verfahren gegen sich selbst. So geschickt Aris Alexandrou die Abgründe einseitiger Kommunikation auslotet, die Wendung zur Selbsterkundung misslingt ihm: Die angekündigten "Bruchstücke" vervollständigen nur das schon bekannte Bild des willfährigen Parteimitglieds, das auch gegen Freunde vorgeht. Als Person aber bleibt er ungreifbar. Diese Leere bemäntelt sich nicht einmal mit dialektischer Rabulistik, so dass der Gefangene auch als Kommunist kaum überzeugt. Nicht er, sondern ein Vorgesetzter denkt über die Frage individueller Verantwortung nach und behauptet, dass den Zwängen der "objektiven Wirklichkeit" allein durch Selbstmord zu entkommen sei. Schuld gebe es nicht, denn dem Vatermörder Ödipus sei alles vorherbestimmt.

Diese nicht sehr marxistische Begründung objektiver Zwänge verstärkt den Parabelcharakter des Romans und entwirklicht die Handlung noch weiter. Zugleich vermindert sie die Glaubwürdigkeit des ohnehin blassen Erzählers: Die zentrale Instanz des Briefromans wird von der Parabel untergraben. So scheint der Gefangene weniger ein Opfer absoluter Macht als seiner Begriffsstutzigkeit zu sein. Für den Leser liegt nämlich bald auf der Hand, dass der Kistentransport allein der Liquidierung von 40 verdienten Kämpfer diente. Warum die Partei recht zögerlich mit fünf Hinrichtungen begann und umständlich Fallschirmjäger und Flugzeuge folgen ließ, wirft allerdings die Frage auf, ob Alexandrou dem Ausmaß der brutalen Säuberungen gerecht wird. Der Roman besitzt einen weiteren Konstruktionsfehler: Der Kistentransport führt durch ein Gebiet, das die Kommunisten kontrollieren. Gleichwohl wird die Mission den Auserwählten als lebensgefährlich angekündigt. Wahrscheinlich sollen Ungereimtheiten dieser Art die Absurdität der geheimen Mission belegen. Doch auch Absurdität muss glaubhaft sein.

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