Zeitung Heute : Die Korkenzieher-Methode

DR. WEWETZER

Hartmut Wewetzer

DR. WEWETZER

Eigentlich ist die männliche Prostatadrüse nur so groß wie eine Kastanie. Versteckt sitzt sie unter der Blase und umschließt hier die Harnröhre. Was über Jahrzehnte das Männerleben nicht weiter stört, wird mit zunehmendem Alter zur Last. Denn die Prostata wächst und wächst. Und das hat Folgen: Die Drüse verengt die Harnröhre und schnürt so den Abfluss der Blase zu. Folge: Der Urin kann nicht mehr richtig abfließen, so dass der Strahl schwächer wird, ja mitunter nur noch tröpfelt. Mann muss öfter, auch nachts, auf Toilette. Sogar die Nieren können Schaden nehmen.

50 Prozent der 50-Jährigen leiden unter diesem lästigem und mitunter sogar gefährlichem Prostatawachstum (Hyperplasie). Von den 60-Jährigen sollen schon 60 Prozent betroffen sein. Bei der Behandlung vor allem der frühen Stadien der Hyperplasie haben sich zwei Gruppen von Medikamenten bewährt: Zum einen die Alpharezeptoren-Blocker. Sie setzen die Muskelspannung am Blasenausgang und in der Prostata herab und erleichtern so das Entleeren der Blase. Und zum anderen die 5-Alpha-Reduktase-Hemmer, die die Prostata schrumpfen lassen.

Nun zeigt eine Studie: Gibt man beide Medikamentenarten zusammen, kann man damit noch mehr bewirken. Die Zunahme der Beschwerden und Komplikationen wird stärker gehemmt als mit jedem einzelnen der Medikamente. Das schreibt ein Ärzteteam unter Leitung von John McConnell von der Universität von Texas in Dallas im Fachblatt „New England Journal of Medicine“. Getestet wurden der Alpharezeptoren-Blocker Doxazosin und der Reduktase-Hemmer Finasterid. Doppelt genäht hält also besser.

Aber der Einsatz der Arzneien will gut überlegt sein. Besonders, was die Substanz Finasterid angeht. Eine andere Studie zeigte nämlich, dass dieses Mittel zwar das Risiko für Prostatakrebs senkt, gleichzeitig aber die Gefahr besonders aggressiver Tumoren der Prostata erhöhen kann – ein zweischneidiges Schwert.

Manchmal hilft statt der Pillen nur noch ein Eingriff. Dabei wird die Verengung der Harnröhre meist mit einer Elektroschlinge von innen freigehobelt. „Wir drehen den Korken aus der Flasche“, sagt Stefan Loening, Urologe an der Berliner Charité. Doch auch Loening sieht die Vorteile der Medikamente: „Aber es kommt immer auf den Einzelfall an.“

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