Zeitung Heute : Die kranken Sieger

James Stutts vergisst manchmal, welchen Beruf er hat. Er kann auch kaum noch gehen. Das ist das „Golfkriegs-Syndrom“. Jeder vierte US-Veteran leidet daran. Trotzdem sind viele von ihnen vehement dafür, erneut gegen Saddam Hussein zu Felde zu ziehen.

Malte Lehming[Washington]

Von Malte Lehming,

Washington

Er sitzt zu Hause in seinem Sessel, meistens sieht er fern, den ganzen Tag lang. Vor ihm liegt ein Block, auf dem er sich Notizen macht. Es sind Notizen gegen das Vergessen. Sie sollen sein Gedächtnis trainieren. Den Block hat er früher auch in seiner Arztpraxis benutzt. Oben steht: mit Empfehlungen von Dr. James Stutts. Das ist sein Name. Auf diese Weise erinnert er sich wenigstens daran, dass er früher einmal Menschen half, Patienten hatte.

Heute muss ihm geholfen werden. Denn seinen Beruf hat Stutts vor sieben Jahren aufgegeben. Es ging nicht mehr. Anfangs vergaß er nur Dinge, dann kamen Gliederkrämpfe hinzu, später wurden die Anfälle so heftig, dass er stürzte. Auf dem Küchentisch liegt die Krankenakte. Ganz oben, in einer Plastikhülle, sind Röntgenaufnahmen seines Gehirns abgeheftet. „Es sieht aus wie ein Schweizer Käse“, sagt Stutts.

Der 54-Jährige, der sich inzwischen nur noch langsam und mit Krückstock bewegen kann, ist ein Opfer des Golfkrieges – vielleicht soll man sagen: des ersten Golfkrieges. Als Lt. Col. Stutts hat er jahrelang in der US-Armee gedient. Er hat dutzende von Sanitätern befehligt, ist mit Hubschraubern zu den Verwundeten geflogen. Zu Hause, in der kleinen, beschaulichen Universitätsstadt Berea im Bundesstaat Kentucky, hängt nach wie vor seine Uniform im Kleiderschrank, perfekt gebügelt, als könnte er jederzeit wieder hineinschlüpfen. Auch sie hilft seiner Erinnerung. Es ist eine Uniform gegen das Vergessen. Anziehen wird er sie nicht mehr.

Das Pentagon wiegelt ab

Als der Golfkrieg zu Ende war, kam Stutts zunächst gesund und munter zurück. Männer wie er trugen dazu bei, dass der Feldzug von der US-Regierung als grandioser Erfolg gefeiert werden konnte. Die Bilanz las sich eindrucksvoll: Kuwait war in Windeseile befreit worden, von den insgesamt eingesetzten 573000 US-Soldaten waren nur 148 getötet und 467 verwundet worden. Weitere 147 starben durch Unfälle oder Krankheiten. Doch langsam, Monat für Monat, Jahr für Jahr, änderte sich das Bild. Zehntausende von Männern und Frauen, die im Wüstensand gekämpft hatten, klagten über Beschwerden – Gedächtnisverlust, Müdigkeit, Gelenkschmerzen, Hautausschlag, chronischer Durchfall, Kopfschmerzen, Fehlgeburten. Die Ärzte standen vor einem Rätsel, das Pentagon wiegelte ab. Offiziell hieß es: Zwischen diesen Krankheiten und dem Einsatz am Golf gibt es keinen wissenschaftlich nachweisbaren Zusammenhang.

Anerkannt ist die mysteriöse Krankheit, das „Golfkriegs-Syndrom“, vom US-Verteidigungsministerium bis heute nicht. Für mehrere hundert Millionen Dollar wurden dutzende von Studien angefertigt, um dem Eindruck entgegenzuwirken, die glorreiche Operation „Desert Storm“ sei von Zehntausenden Amerikanern mit ihrer Gesundheit bezahlt worden. Doch angesichts der erschreckend hohen Zahlen sind diese Stimmen fast verstummt. Etwa die Hälfte der Golfkriegs-Veteranen war in den vergangenen zwölf Jahren wegen der Symptome in ärztlicher Behandlung. Die Behandlungskosten von exakt 159238 kranken Golfkriegs-Veteranen hat das Pentagon übernommen. Das ist ein stillschweigendes Zugeständnis, dass weder Zufall, noch erhöhter Stress und all die anderen psychologischen Gründe, die das Rätsel erklären sollten, überzeugen konnten.

Auch Vergleiche mit den gesundheitlichen Folgen anderer Kriege stützen die These von einem besonderen „Golfkriegs-Syndrom“. Nach dem Zweiten Weltkrieg meldeten sich 6,6 Prozent der US-Veteranen krank, nach dem Koreakrieg fünf Prozent und nach dem Vietnamkrieg 9,6 Prozent. Nach dem Golfkrieg waren es mehr als 25 Prozent.

Einige amerikanische Kliniken haben sich bereits auf die Behandlung der Kranken spezialisiert. Eine davon befindet sich in der Nähe der Stadt Lexington im Bundesstaat Virginia. Hier sind mehr als 100 Golfkriegs-Veteranen stationiert. Die meisten von ihnen sind jung, Mitte 30 bis Mitte 40. Die Symptome, sagen die Ärzte, lassen sich mit Alzheimer vergleichen. Auch James Stutts wird regelmäßig von seiner Frau Carol nach Lexington in die Spezialklinik gefahren. „Wenn ich die Wahl gehabt hätte“, sagt er, „wäre ich lieber auf eine Mine getreten, als diesen Torturen ausgesetzt zu sein.“

Was hat diese Menschen derart krank gemacht? Eindeutig geklärt ist diese Frage noch nicht. Waren es geheimnisvolle Umweltgifte, die Dämpfe von brennenden Ölfeldern, hatte Saddam Hussein doch Chemiewaffen eingesetzt, oder waren es eigene Fehler – die Nebenwirkungen von Impfungen oder Munition, die aus angereichertem Uran besteht? Die plausibelste Erklärung rankt sich um den 4. März 1991. An diesem Tag nimmt die amerikanische Bomberflotte im Süden des Irak ein riesiges Munitionsdepot unter Beschuss. Der Ort heißt Khamisiyah. In rund 100 Bunkern hat Bagdad hier seine Waffen gehortet. Die Detonationen der Zerstörung sind weit zu sehen.

Rund um Khamisiyah, in einem Radius von 20 Kilometern, fällt wenig später dichter Staub vom Himmel. Der Wind verbreitet den Staub, sogar US-Soldaten in Kuwait und Saudi-Arabien sind betroffen. Was vor dem Angriff nur der US-Geheimdienst CIA wusste: In mindestens einem der Bunker, es ist die Nummer 73, hat Saddam hunderte von Raketensprengköpfen gelagert, die mit den chemischen Substanzen Sarin und Zyklosarin bestückt sind. Ein Tropfen Sarin tötet einen Menschen innerhalb von Minuten. Als die CIA die militärische Einsatzleitung vor einer Bombardierung warnt, ist es bereits zu spät. Erst spät, im Jahre 1997, musste das Pentagon auf Druck von Veteranen-Organisationen zugeben, dass etwa 100000 Soldaten dem Einfluss der „Khamisiyah-Wolke“ ausgesetzt waren. Allein in Bunker 73 soll sich mehr als eine Tonne Sarin befunden haben.

James Stutts stammt aus einer Arbeiterfamilie. Aufgewachsen als eines von sechs Kindern, ging er nach der Schule 1965 direkt zur Armee. Weil er immer Arzt werden wollte, aber sich die Universität nicht leisten konnte, hoffte er, sich seinen Wunsch auf diese Weise zu erfüllen. Die Ausbildung war mühsam und dauerte lange. Nach 17 Jahren hatte er seinen Doktortitel. Seine spätere Frau Carol lernte er in einem Militärhospital kennen. „Ich war am Ziel meiner Träume“, sagt er, „und ich hatte so viel Energie, dass ich sie hätte in Flaschen verkaufen können.“

Als der Golfkrieg begann, war Stutts 42 Jahre alt. Er meldete sich freiwillig. Als er zurückkam, fiel ihm zunächst nichts auf. Beim Fitnesstraining geriet er schneller aus der Puste als früher, manchmal schmerzten die Muskeln und Gelenke. „Das ist wohl so, wenn man älter wird“, dachte er für sich. Doch die Beschwerden wurden stärker. Immer öfter setzte sein Gedächtnis aus. Er vergaß Namen, Menschen, Gesichter, Ereignisse. Plötzlich, wenn er im Garten herumging oder im Badezimmer stand, verlor er das Bewusstsein. Es folgten Kopfschmerzen und heftige Temperaturschwankungen. Aufhalten lässt sich sein körperlicher Verfall offenbar nicht, allenfalls verlangsamen.

Wie Stutts geht es Zehntausenden Amerikanern. Und niemand kann ausschließen, dass das „Golfkriegs-Syndrom“ auch andere unerwünschte psychische Folgen zeitigt. Timothy McVeigh, der Attentäter von Oklahoma – ein Golfkriegs-Veteran. Robert Flores, der im vergangenen Oktober in Arizona Amok lief – ein Golfkriegs-Veteran. John Allen Williams, der Heckenschütze, der vor einigen Monaten im Großraum von Washington zehn Menschen ermordete – ein Golfkriegs-Veteran. Drei der vier Soldaten, die im Frühjahr 1992 auf dem Truppengelände von Fort Bragg ihre Ehefrauen ermordeten – ebenfalls Golfkriegs-Veteranen. All das kann Zufall sein. Eine Statistik, laut derer bestimmte Verbrechen von Golfkriegs-Veteranen besonders oft verübt werden, gibt es nicht. Aber auffällig ist die Häufung schon. Keiner dieser Mörder war der Polizei vorher aufgefallen. In fast allen Fällen sprachen Bekannte später von seltsamen Persönlichkeitsveränderungen, die sie an den Missetätern beobachtet hatten.

Dennoch: Amerika ehrt seine Veteranen, und die meisten Veteranen sind stramme Patrioten. Jedes Jahr am „Veterans Day“, dem 11. November, gedenkt die Regierung der Gefallenen. Sie kommen aus jeder Generation. Sie haben im Zweiten Weltkrieg gekämpft, in Korea, Vietnam, Somalia, auf dem Balkan, im Irak und in Afghanistan. Für ihre Belange gibt ein eigenes „Department of Veterans Affairs“, ausgestattet mit einem Budget von 58 Milliarden Dollar. Selbst von jenen Golfkriegs-Veteranen, die krank geworden sind, machen nur wenige die eigene Regierung verantwortlich. Schuld sei Saddam Hussein, heißt es überwiegend. Gelegentlich wird bedauert, dass die US-Armee nicht schon damals bis Bagdad marschiert sei. Was sie in erster Linie fordern, ist, dass ihre Krankheit anerkannt und nicht als psychischer Defekt bagatellisiert wird. „Es ist idiotisch, dass wir jetzt in den Irak zurückmüssen, weil wir vor zwölf Jahren unseren Job nicht beendet haben“, sagt Kevin Gregory. Auch er hat in der Wüste gekämpft, wurde verwundet und trägt seitdem ein künstliches Bein. Der Lastwagen, in dem er saß, war über eine Mine gefahren. Gregory arbeitet heute im Washingtoner Büro der „Disabled American Veterans“. Außerdem ist er der Mitbegründer der „Desert Storm Battlefield Registry“ – eine Organisation, die für die Rechte derer streitet, die unter dem „Golfkriegs-Syndrom“ leiden.

Obwohl er täglich mit diesen Kranken zu tun hat, spricht sich Gregory vehement für eine zweite Intervention aus. „Wir müssen diese Sache endlich erledigen“, sagt er, „sonst haben wir ewig mit Saddam zu tun. Ich wünschte, mein Zustand würde es erlauben, selbst an die Front zu fahren.“ Allerdings befürchtet er, dass es diesmal nicht so glimpflich ausgehen könnte wie vor zwölf Jahren. „Hussein weiß, was er zu erwarten hat, er weiß, wie wir kämpfen, und er hat nichts zu verlieren. Leicht wird es sicher nicht.“

Gesunde Killer

Neben der Angst, dass Saddam Hussein diesmal Giftgas einsetzt, treibt viele Veteranen die Sorge, dass es in Bagdad zu einem Häuserkampf kommt, gegen eine Republikanische Garde, die sich dort zwischen fünf Millionen Zivilisten gemischt hat. Christopher Miller hat in Afghanistan gekämpft. Er gehört zu einer Spezialeinheit, die rund um Kandahar eingesetzt war. Acht Jahre lang hat seine Ausbildung gedauert. Im vergangenen Jahr, in einer kalten Januarnacht, befehligte er einen Einsatz gegen sechs Al-Qaida-Mitglieder, die sich in einem Krankenhaus verschanzt hatten. Details erzählt Miller nicht. Nur so viel: Es ging gut aus, Zivilisten wurden nicht getötet.

Die „Special Forces" sind die Elite der US-Armee. Auf sie wird ein möglicher Häuserkampf in Bagdad zukommen. Will man es negativ ausdrücken, kann man diese Soldaten als Killermaschinen beschreiben. Sie werden trainiert, in Sekundenschnelle die richtigen Entscheidungen zu treffen, nicht die Nerven zu verlieren, Skrupel zu unterdrücken, durchzuhalten, keine Tötungshemmungen zu haben. Positiv ausgedrückt sind es die perfekten Soldaten. Die meisten Kriegsverbrechen geschehen durch starke Gefühle wie Hass oder durch Überforderung. In Stress-Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren, wird den Spezialkräften dagegen beigebracht. Maschinen wie sie sind emotionslos. Wenn man ihnen den Unterschied zwischen Gegnern und Zivilisten beigebracht hat, sind sie einem weitaus kleineren Risiko ausgesetzt, im Ernstfall durchzudrehen als die Menschen unter den Soldaten.

In der schlaflosen Nacht, bevor er den Angriffsbefehl – execute! – gab, konzentrierte sich Miller auf zwei Gedanken: Die Ziele sind Terroristen, und ihnen wurde ausreichend Zeit gelassen, sich zu ergeben. „Ich musste mich vergewissern, moralisch im Recht zu sein“, sagt er. Denn auch das haben sie gelernt, damit sich nicht die Vietnam-Erfahrung wiederholt. Damals kamen viele Soldaten traumatisiert zurück. Sie hatten Dinge gesehen, die sie nicht verarbeiten konnten. Darauf entstand eine eigene psychologische Forschungsrichtung, die sich mit posttraumatischem Stress befasst. Im November letzten Jahres fand zu diesem Thema in den USA eine große Konferenz statt. Vorgestellt wurde ein neues Medikament, mit dessen Hilfe sich bestimmte unangenehme Erinnerungen unterdrücken lassen. Wem der Krieg zu grausam war, kann ihn künftig, medizinisch indiziert, vergessen.

James Stutts will nicht vergessen, er will sich erinnern. Um sein Gedächtnis zu trainieren, setzt sich seine Frau Carol oft abends mit ihm aufs Sofa und blättert Fotoalben durch. Dann fragt sie ihn: „Wer ist das? Mit wem stehst du da? Wann wurde das aufgenommen?“ Manchmal, wenn James die Antwort nicht weiß, sieht er sie bloß traurig an.

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