Zeitung Heute : Die Krankheit Liebe

SIMONE MAHRENHOLZ

Man verläßt diesen Film mit einem großen Fragezeichen.Mit "Silvester Countdown" hatte Oscar Roehler (39) einen Film gemacht, der mit so gut wie keinem Geld und völlig unbekannten Schauspielern mitten ins Schwarze traf.Nun hatte Roehler plötzlich Stars und Geld und mit Gerry Jochum einen Co-Drehbuchautor, und was machen dann Jung-Filmer unter Vierzig? Sie drehen Männerphantasien über Frauenphantasien.Dabei wird sowohl die Verachtung wie die Liebe unter den Geschlechtern mit dem Quickie ausgedrückt, todtraurig gefilmt, wobei die Frauen ihre Flüche auf Nachfrage freundlich übersetzen: Sei ein bißchen rücksichtsloser, bitte.

Die Ursprungskonstellation dieser Dreiecksgeschichte um die Nachtclubsängerin und Journalistin Natascha (Jasmin Tabatabai) und den Clubbesitzer Gary (Richy Müller) bildet das Phänomen von Paaren, die nicht mehr miteinander ins Bett gehen, sich aber lieben.Affären sind erlaubt, ein neuer Partner nicht.Dieses fragile Gleichgewicht wird gestört, als sich Natascha in den aufstrebenden Box-Star Sugar verliebt (Gregor Törcz).Für diesen Super-Gau aller Beziehungs-Arrangements hat das Drehbuch dann allerdings die tödliche Krankheit Garys vorgesehen, die dazu führt, daß Natascha sich von Sugar wieder distanziert.Und ihn sucht, woraufhin er sich distanziert, sie aber später wieder sucht, woraufhin sie sich distanziert.

Man sieht dem Film förmlich die Schreibstube an, in der die Geschichte heftig denkend konstruiert wurde.Verfilmt ist sie mit viel lastendem Existenzialismus: bedeutungsschwangeren Blickwechseln, angesteckten Zigaretten in temporären Hauptrollen und optisch viel düsteren Braun- und Rot-Tönen: der Club, der Boxring, das nächtliche Schwimmbad.Der Film will ununterbrochen Grenzen verschieben, inhaltlich wie stilistisch.An diesem Wunsch erkennt man ihn wieder, den Regisseur von "Silvester Countdown".Das Ergebnis wirkt hier überwiegend pubertär, stellenweise erheiternd, in den Dialogen zuweilen eher zum Sich-Krümmen.Der Lichtblick: Jasmin Tabatabai.Halb burschikos, halb zerbrechlich, oft selbstironisch und dabei innerlich dennoch ernst, gibt sie vielen Momenten einen eigenen Adel.Tabatabai zeigt eigentlich in jeder Einstellung, daß die Grenzen, die ein Kunstwerk überschreiten muß, nicht außen, sondern innen sind.

Heute 15.30 Uhr (Atelier am Zoo), Sa 14.30 (International)

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