Zeitung Heute : Die kühnen Achsen Manhattans

Roland Mischke

New York kennt nur, wer auf seinen Brücken standRoland Mischke

Manhattan ist eine Insel, und der Weg dorthin führt über mehrere Brücken. Die schönste von allen ist die Brooklyn Bridge, weil der Wanderer auf ihr erlebt, was in New York unmöglich ist: Er steht im Mittelpunkt des Geschehens. Er thront über dem Autoverkehr, der in der Ebene unter der Fußgängerbrücke dahinrauscht. Völlig locker und ohne hektischen Blick auf die "Walk"-Phase der Ampel, ohne angehupt zu werden und einen Spurt über die Fahrbahn hinlegen zu müssen, kann er sich bewegen, muss nur auf Radfahrer achten, deren Bahn mit einem durchgehenden gelben Strich markiert ist. So locker kann er in New York nirgendwo herumspazieren, und zum Flaniervergnügen gibt es noch den Gratisblick auf die sich immer mehr verdichtende Skyline Manhattans, an der man sich auch nach Stunden noch nicht satt gesehen hat. Gläserne Canyons, wie im Gebirge ragen Gipfel hinter anderen Gipfeln hervor, und anders als im Gebirge vermehren sie sich immer weiter. Zwischen den Zwillingstürmen des World Trade Center, den markanten Spitzen von Chrysler und Empire State Building stemmt sich die Wolkenkratzer-Kulisse der Stadt empor, von der Amerikas renommierter Historiker Allen Schoener sagt, sie sei "das Paradigma für die Zukunft der Welt".

Die New Yorker lieben die Brooklyn Bridge über alles. Zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter ist sie bevölkert. Rastlose Jogger aus Manhattan laufen die Brücke mehrmals in beiden Richtungen ab, Walker gehen es langsamer an. Banker im Nadelstreifen stehen an einem der Pfeiler und verdrücken ihr Lunch Sandwich, Business-Ladies im Kostüm schnappen kräftig frische Luft, damit das Gehirn beim nächsten Termin präzise arbeitet, und Liebespaare treffen sich hier zum Rendezvous am gusseisernen Geländer. Ganze Großfamilienhorden stellen sich zum Clan-Foto auf und dazwischen laufen die Touristen mit großen Augen und kleinen automatischen Kameras umher. Alle Gucker und Knipser konzentrieren sich auf Manhattan, aber es ist der einzigartige Rahmen, es sind die Verstrebungen des Brückenwerks, die Blick und Foto von der Brooklyn Bridge zu etwas Besonderem machen.

Die kühnste Achse der Metropole wird von einer abenteuerlich anmutenden Eisenkonstruktion gehalten. Das Bauwerk schwingt, und wenn man eine Armee darüber hinwegmarschieren ließe, wäre das auch spür- und sichtbar. Der deutsche Auswanderer Johann August Roebling ertüftelte die Konstruktion, als Drahtseilfabrikant in New Jersey wollte er beweisen, dass mit Stahldraht auch der breite East River zu überwinden sei.

Roebling kämpfte zwei Jahrzehnte um den Baubeginn, erlebte ihn aber dann nicht mehr mit, weil er nach einem Unfall an Wundfieber starb. 1870 konnte sein Sohn Washington Roebling mit dem Mammutwerk beginnen, aber zwei Jahre später wurde auch er durch einen Unfall am Bau arbeitsunfähig. Nun kam seine ehrgeizige Frau Emily zum Zuge, die sich autodidaktisch noch das nötige technische Wissen angeeignet hatte. Die Brooklyn Bridge wurde geplant, gebaut und vollendet als Familienunternehmen, und 1883 kamen der Präsident und das gesamte Kabinett, um dem Pionierwerk die Ehre zu erweisen.

Es kamen aber auch auf breiter Front die Mäkler, allen voran die Journalisten, die über die längste Brückenkonstruktion der Welt vor allem zu berichten wussten, dass sie auch einstürzen könne. Als am ersten Tag nach Freigabe der Brooklyn Bridge Zehntausende auf die Brücke strömten und sich die Nationalgarde munter trötend mit einem Musikaufmarsch in der Masse verkeilte, kam es zu einer Panik, bei der zwölf Menschen zu Tode getrampelt wurden.

Dennoch wurde die Brooklyn Bridge zum Symbol der Neuen Welt, des technischen Fortschritts im modernen Amerika, zur Ikone einer Gesellschaft, die glaubte, der Zukunft näher zu sein als alle anderen Gesellschaften der Welt. Dichter wie Hart Crane beschwärmten enthusiastisch das Wunderwerk, Maler machten sich an die Arbeit, wie Joseph Stella, der mit seiner Leinwand Tage und Nächte auf der Brücke verbrachte, "tief bewegt wie an der Schwelle zu einer neuen Religion", und aus Europa reiste der "Rasende Reporter" Egon Erwin Kisch zur Visite an, um der Alten Welt vom Ruhm der New Yorker Baumeister zu künden.

Bald aber erwies sich für den Ort, nach dem die Brücke benannt ist, der vermeintliche Segen als Fluch: Brooklyn konkurrierte mit Manhattan, und als New York als eine Stadt des Wassers, der Flüsse und des Hafens durch den Brückenbau seinen maritimen Charakter verlor und zur Metropole wurde, hatte Manhattan die Nase vorn und Brooklyn, bis dahin durchaus ebenbürtig, das Nachsehen.

1898 wurde Brooklyn eingemeindet, wie Queens, Bronx und Staten Island, und New York war mit 3,5 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt auf dem Globus nach London.

Eine Metropole braucht für Verkehr, Handel und Industrie mehr als nur eine Brücke. In den kommenden zwölf Jahren wurden 20 weitere Großprojekte verwirklicht, die das Antlitz der Stadt veränderten, darunter die drei Riesenbrücken über den East River: Manhattan Bridge, Williamsburg Bridge und Queensboro Bridge. Vor den Wolkenkratzern waren die Brücken, sie verkörperten zuerst die Dynamik des neuen Amerika. "Die riesigen Brücken sind nichts anderes als horizontale Kolben, die mit Hochdruck arbeiten", erkannte der Dichter Henry James. New York erlebte ein schwindelerregendes Wachstum und schickte sich an, zur Kapitale des Kapitals, mithin zur Hauptstadt der Welt zu werden. Im Jahrzehnt um die Jahrhundertwende wuchs die Bevölkerung um mehr als 50 Prozent und wurde von der größten Einwanderungswelle aller Zeiten überschwemmt.

1909 war die Manhattan Bridge fertig, blieb aber bis heute das Sorgenkind unter New Yorks Brücken. Ihre Konstruktion beruht auf mangelhaften Berechnungen, sie bewegt sich zu stark und muss regelmäßig neu gestützt werden. Das kostet die Stadt Millionen. Auch die Williamsburg Bridge, schon seit 1903 in Betrieb, besitzt keinen ausreichenden Toleranzrahmen für die enormen täglichen Belastungen. Heerscharen von Brückenarbeitern sind ständig damit befasst, die 67 Brücken über die Wasserwege zwischen den "Boroughs", den Teilen der Stadt, technisch zu betreuen. Als die schönste von ihnen, nach der Brooklyn Bridge, gilt die George Washington Bridge, in den dreißiger Jahren fertiggestellt, die vor allem die Architekten zum Entzücken brachte. "Hier zeigt Stahlarchitektur endlich einmal ein Lächeln", lobte Le Corbusier.

Obgleich die New Yorker ihre Brücken und vor allem die eine, die sie zu Fuß überqueren können, hoch schätzen, betrachten sie sie als funktionale Architektur. So verwundert es nicht, dass der beste Aussichtspunkt auf die Brooklyn Bridge an der Fulton Ferry Esplanade verdreckt, und nur mit Mühe zwischen abgewrackten Lagerhäusern zu finden ist. Von hier aus eröffnet sich ein Panoramablick auf die Skyline von Manhattan mit der Freiheitsstatue und den drei Brückensprüngen über den East River.

Die durch das Fernsehen weltweit bekannt gewordene Brücke, über die allsommerlich Tausende Läufer zum New York Marathon traben, ist die Verrazano Narrows Bridge, die Staten Island mit der Metropole verbindet. Sie wurde 1964 erbaut und ist reine Zweckarchitektur. Doch wenn sich die Masse der Läufer über sie hinwegwälzt, von Kameras aus Helikoptern gefilmt, präsentiert sich das Brückenwerk stolz und anmutig. New York ohne seine Brücken ist unvorstellbar, sie gehören zum Anblick der Metropole und prägen als kühne Achsen ihr Bild.

Auskunft: New York Convention and Visitors Autority, c/o Mangum Management, Hospitalstraße 5, 80331 München; Telefon: 089 / 23 66 21 49, Fax: 089 / 260 40 09. Oder: Big Apple Center, 1 Centre Street, New York, N. Y. 10007; Telefon: 001 / 212 / 669 28 96, Fax: 001 / 212 / 669 36 85.

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