Zeitung Heute : Die Kuh hat ihren Preis

Wenn der Milchpreis verfällt, wird am Ende der Wanderer um die Aussicht betrogen

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Pech für die Kuh: Milch steht im Mittelpunkt der jüngsten Preisschlacht der Lebensmitteldiscounter. Vor einem Jahr noch stiegen die Milchpreise. Die Verbraucher rissen sich um Käse, der in der Folge erstmals seit Jahren wieder teurer wurde. Nicht nur der Handel, auch die Bauern profitierten von der guten Marktlage. Die Auszahlungspreise pro Liter Milch stiegen im Durchschnitt auf 32,7 Cent. Doch seit sich die Aldi, Lidl, und Plus bei der Milch immer aufs Neue unterbieten, sinkt auch der Auszahlungspreis an die Bauern wieder. Ende des vergangenen Jahres lag er bei 30 Cent pro Liter. Er dürfte weiter sinken.

Das hat Folgen für die Kuh. Wenn die Preisschlacht weiter geht, können die Molkereien bald nicht nur bei den Discountern, sondern auch im Lebensmitteleinzelhandel oder sogar bei den Naturkostläden keine wesentlich höheren Preise mehr aushandeln. Die Bauern bekommen immer weniger Geld für die Milch. Die Kuh wird zum Kostenfaktor. Sie bekommt dann noch mehr Kraftfutter, damit sie noch mehr Milch gibt, um die Verluste über die Menge auszugleichen. Diese Strategie stößt allerdings schnell an die Grenze – die Milchquote. Jeder Bauer darf lediglich ein festgelegtes Kontingent Milch liefern. Wenn er mehr produziert, werden Strafgebühren in Brüssel fällig. Die Milchquoten sind Anfang der achtziger Jahre eingeführt worden, um die Milchseen und Butterberge abzubauen und den Bauern mehr Einkommenssicherheit zu geben. Wenn also die Mehrproduktion ausfällt, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder der Bauer findet in der Nachbarschaft Abnehmer für die Milch, die er bei der Molkerei nur noch mit Verlust abliefern kann. Oder er stellt die Produktion ein und versucht, seine Kühe zu verkaufen – falls die noch jemand will.

Wenn das im großen Stil passiert, wie etwa im mittleren Schwarzwald oder in den Berglagen des Allgäus, verändert sich die Landschaft ganz schnell. Statt auf dem Berg die weite Sicht ins Land zu genießen, trifft der Wanderer auf Hügel, die mit Bäumen zugewachsen sind. Im mittleren Schwarzwald wird ihm der Aufstieg auf einen Berg schon lange nicht mehr mit einem grandiosen Ausblick belohnt. Stattdessen verliert er – umgeben von Bäumen – höchstens die Orientierung. Das Ergebnis kann für den Tourismus einer Region katastrophal sein. Denn ohne Aussicht fühlt sich der Wanderer um den Erfolg für seine Mühe betrogen. Das nächste Mal fährt er einfach woanders hin, wo Kühe Flächen freihalten, und ihm mehr Überblick verschaffen. So kann der Verfall des Milchpreises in den deutschen Mittelgebirgen dazu beitragen, dort nicht nur den Bauern die Existenz zu nehmen. Auch der Tourismus leidet, nur weil der Liter Milch beim Discounter immer billiger wird.

Wie schwierig es ist, den Milchpreis zu stabilisieren, hat die Europäische Union schon bei der Einführung der Quoten festgestellt. 2007 soll die nächste Reform folgen. Denn nach der Osterweiterung gibt es noch mehr Regionen, die dringend darauf angewiesen sind, dass weiter Kühe gehalten werden, und die Bauern von der Milch auch leben können. Noch scheint aber niemand eine geniale Idee für eine solche Reform zu haben. deh

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