Zeitung Heute : Die Kunst der Fuge

ULF MEYER

Kein steinernes Knäckebrot: Deutscher Natursteinpreis im Berliner Architektur Zentrum verliehenULF MEYERNatursteinverleidungen haben mittlerweile sogar die Pissoirs (neudeutsch: City-Toiletten) erreicht.Berlin ist die Stadt, in der die polemische Schlacht um Natursteintapeten oder Glas geschlagen wurde.Hier hat deshalb bei der Finissage der Ausstellung im Deutschen Architektur Zentrum auch Christoph Mäckler zur Verleihung des Deutschen Natursteinpreises gesprochen.Sein Lindencorso ist zwar nur mit einem zweiten Preis (zusammen mit Hans Kollhoff für die Landeszentralbank in Leipzig) ausgezeichnet worden, aber der erste Preisträger, Oswald Mathias Ungers, konnte nicht dazu bewogen werden, zur Preisverleihung für seine Hamburger Kunsthalle in Berlin zu sprechen. Der Ungersschüler Mäckler, früher ebenso wie Kollhoff für Beton- und Klinkerbauten bekannt, hat bei dem umstrittenen Lindencorso in der Friedrichstraße zum ersten Mal mit einer Natursteinfassade operiert.Die über einem Granitsockel horizontal kanulierten, unsichtbar gefugten Kalksteinplatten erzielen eine starke Bandwirkung.Im unteren Bereich sind sie gemauert und die Fugen vermörtelt, in den oberen Geschossen aber mit offenen Fugen vorgehängt.Sie geben dem leeren Einkaufsparadies Unter den Linden die architektonische Härte, für die es gleichermaßen geliebt und gehaßt wird.Die schmalen Stahl- und Aluminiumkastenfenster bilden jedoch mit ihren tiefen, von Sandstein gerahmten Laibungen einen feinen Kontrast zur Schwere des Steins. Die aufwendige Fassade konnte dem Bauherren nur um den Preis ausgequetschter Grundrisse abgerungen werden."Die gelbliche Unterwäsche" (Juryvorsitzender Andreas Hempel), die man hinter den Fugen vieler Steintapeten sieht, hat Mäckler den Flaneuren erspart und das übliche "steinerne Knäckebrot" vermieden.Adolf Loos Rat "Hüte dich, originell zu sein", nahm Mäckler zum Mentor seines "Versuchs, selbstverständlich zu sein".Auch im Innenraum, dem namensgebenden Corso, findet sich die Steinqualität der Fassaden wieder.Die monumentalen Ecksteine hat Mäckler allerdings aus Angst vor mangelnder Präzision in der Ausführung gewählt, was er mittlerweile bereut.Für den Frankfurter Mäckler war das Lindencorso so etwas wie eine Eintrittskarte in die Berliner Natursteinclique.Auch mit der Studie für Hochhäuser in der City West hat er bewiesen, daß er seine Lektion schnell gelernt hat. Die Jury des alle zwei Jahre vergebenen Preises wird von Architekten dominiert, weshalb die Natursteinauszeichnung kein Industrie-, sondern ein Architekturpreis ist, der tatsächlich ein gewisses Renommee erworben hat.Hans Kollhoff polemisierte bereits 1992 gegen den unbedachten Umgang mit Werkstein: "Wen Thermohaut zu sehr an eine Fast-Food-Verpackung erinnert, leistet sich Naturstein.Der macht was her.Nur haben wir es nicht mit einer monolithischen Wand wie noch bei Schinkel oder Behrens zu tun, sondern mit einer mehrschichtigen Konstruktion mit Wärmedämmung und Luftschicht.Was liegt also näher, als die Fugen einfach offen zu lassen? Offenbar fällt niemandem auf, daß damit das Wesen des Natursteins pervertiert wird.Was macht es schon, wenn die Ankerstifte aus den fingerbreiten Fugen heraushängen!" Die Diskussion um industrielle oder handwerkliche Bauweisen besteht seit fast 70 Jahren, seit Mies van der Rohe 1929 mit dem Barcelona-Pavillon die Ikone des modernen Bauens mit Naturstein geschaffen hat.Das Lindencorso will deshalb als Plädoyer für eine "rematerialisierte Moderne" verstanden werden.

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