Zeitung Heute : Die Kunst der Kultur

Antje Vollmer

TRIALOG

Die einzigartig dichte Theater-, Orchester- und Museenlandschaft in Deutschland steht vor dem Bankrott. Kürzungen, Schließungen, Zusammenlegungen, schneller und langsamer Tod – Institutionen und Traditionen, um die man uns in aller Welt beneidet, drohen Opfer eines kurzfristigen, meist unbedachten finanztechnischen Kalküls zu werden.

Der Bundestag hat kurz vor der Sommerpause ein Signal gesetzt. Mit den Stimmen aller Fraktionen beschloß das Parlament die Einsetzung der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“. Aufgabe soll eine Bestandsaufnahme sein: Was zeichnet unsere kulturelle Landschaft aus? Wo liegen die Besonderheiten, die es zu schützen gilt und wo die Probleme? Welche Perspektiven und Handlungsnotwendigkeiten ergeben sich für die Kulturpolitik? Einzelne Arbeitsaufträge sind schon detaillierter gefaßt: Die soziale Lage der Künstler und Künstlerinnen soll untersucht werden, die Kommission wird nach der Rolle der Kultur als ökonomischen Standortfaktor und dem bürgerschaftlichen Engagement in der Kultur fragen.

Eines der größten Probleme der gegenwärtigen Kulturpolitik sind die Gemeindefinanzen. Die schon vor zehn Jahren dramatische Lage, die zeitweise durch den Verkauf von „Tafelsilber“ überdeckt werden konnte, hat sich weiter zugespitzt – Berlin ist da nur ein besonderer Fall. Da die Gemeinden rund die Hälfte aller Kulturausgaben in unserem Land bestreiten und diese Ausgaben nicht zu ihren Pflichtaufgaben gehören, droht der Kultur besonderes Ungemach. Die Kulturhaushalte werden mehr oder weniger zwangsläufig zum Verschiebebahnhof im kommunalen Gesamtetat. Die anstehende Gemeindefinanzreform hat deshalb auch für die Arbeit der Enquete-Kommission besonderes Gewicht. Die Sicherung und Verstetigung der kommunalen Finanzen gehört zu den vordringlichsten Aufgaben der Kulturpolitik.

Aber Geld ist nicht alles. Viele unserer Kulturinstitutionen sind einfach zu schwerfällig. Alte Strukturen hindern sie daran, ihren künstlerischen und kulturellen Aufgaben nachzukommen. Das fängt bei den Leitungsstrukturen und dem Tarifgefüge an und endet noch lange nicht bei den juristischen Organisationsformen. Eine Agenda tut not, die deutlich aufzeigt, was geändert werden muß. Auch hier könnte die geplante Reform der Opern in Berlin Vorbild sein.

Ein ermutigendes Zeichen für die Arbeit der Kommission, die auf den rot-grünen Koalitionsvertrag aus dem letzten Jahr zurückgeht, ist die Unterstützung, die sie bei allen Bundestagsfraktionen gefunden hat. Das Störfeuer der bayerischen Landesregierung kurz vor Sommeranfang war hoffentlich nur eine landtagswahltaktische Maßnahme. Es gilt nun, einen Gesprächsfaden vom Parlament zu den Akteuren zu knüpfen, der mehr ist als das, was sich mancher Kommentator als trockene Kommissionsarbeit vorstellt. Die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ wird vor allem eins klären: das spannungsreiche und oft destruktive Verhältnis zwischen Eventkultur und Strukturerhaltung, zwischen Tradition und Erneuerung.

Die Autorin ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Grüne.

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