Zeitung Heute : Die Kunst des Entertainment

NICOLA KUHN

"Art of Change": ein anregendes Symposium im Hamburger Bahnhof und sein turbulentes EndeVON NICOLA KUHN"Der Schnee von gestern könnte die Lawine von morgen sein." Dieses hingeworfene Bonmot des Wuppertaler Ästhetikprofessors Bazon Brock in seiner Funktion als Entertainer-Moderator sollte sich beim Symposium "Art of Change" im Hamburger Bahnhof schneller bewahrheiten als gedacht.Kaum hatte er das Podium verlassen, wurde die Veranstaltung in der elften (und ohnehin letzten) Runde von einer Gruppe Zuhörerinnen mit dem - berechtigten - Vorwurf gesprengt, daß zwei Tage lange keine Frau als Referentin aufgetreten sei.Der Titel "Art of Change" hatte sich als Farce erwiesen.Eine insgesamt sehr interessante Debatte fand auf diese Weise ein peinliches Ende.Der als letzter Moderator auf der Bühne sitzende Projektleiter der Gesellschaft für Kunst & Technologie e.V., Oliver Schwarz, mußte kapitulieren: Hilflos ließ er den Saal räumen - für die anschließende Party.Seinen beiden Gesprächspartner Nicolaus Schaffhausen und Klaus Biesenbach mag es recht gewesen sein, daß sie zu ihrem Thema "Kuratorenkonzepte zwischen Kunst und Markt - Künstlerinteressen und Einschaltquoten" nicht mehr befragt werden konnten. Dabei gab es viele Glanzlichter, wenn auch häufig eher selbstdarstellerischer Art.So viel steht fest: Es besteht ein großes Bedürfnis zu diskutieren, öffentlich Fragen wie Medienkunst, die Funktion der Museen heute, die Notwendigkeit von Massenausstellungen zu erörtern.War es in der letzten großen Berliner Diskussionsrunde zum Thema Kunst vor wenigen Jahren im Amerika-Haus noch um die Befindlichkeiten der örtlichen Macher gegangen, so hat sich im Sog des Art Forums der Horizont endlich geweitet.Dem Hamburger Bahnhof mag die Veranstaltung zur Selbstdarstellung als vitale Institution höchst gelegen gewesen sein; daß sie tumultartig endete, dürfte die Verantwortlichen des Museums zwar verdrießen - Fortsetzung ist aber dennoch erwünscht. Denn viele Themen konnten bei den im Stundentakt absolvierten Diskussionsrunden nur angerissen werden.Welche Konsequenzen es hat, wenn der Museumsbau selbst zur Skulptur wird wie in Bilbao, mußte offen bleiben, auch wenn der Kunsthistoriker Horst Bredekamp "mehr Gelassenheit durch die historische Kritik" empfahl.Er sah vor allem das Positive in der "Spannungssteigerung": "Das Museum wiederholt als Metakunstwerk in seiner Disfunktionalität die Idee der Avantgarde und stellt damit eine große Herausforderung an die Kunst dar." Aber auch der Umgang mit der Kunst, mit den Künstlern hat sich in den neunziger Jahren gewandelt, wie das Beispiel des Aachener Sammlers Wilhelm Schürmann belegt, der "weg von der passiven Verehrersituation zum Teilnehmer" werden will.Ihm dient "das Artefakt als Katalysator". Um Kunst als Erlebnis geht es auch dem Leiter des Kulturprogramms der Expo 2000, Tom Stromberg, der eine höchst unglückliche Figur machte.Sein Versprechen, kein Disneyland hinzustellen, sondern den 40 Millionen erwarteten Besuchern "Unmittelbarkeit" zu präsentieren, hatte bereits eigenen Unterhaltungswert.Weder durch das hartnäckige Nachfragen des in Bochum lehrenden Medien- und Kunsthistorikers Beat Wyss, welche Funktion Kunst bei einer Weltausstellung heute überhaupt erfüllen könne, noch durch die provokative Vision von Bazon Brock, der Künstler bereits als Donald-Duck-Figuren aufmarschieren sah, war ihm eine genauere Auskunft über das Konzept zu entlocken. Ähnlich unbefriedigend blieb auch das dennoch ebenso aufschlußreiche Gespräch zwischen dem Organisator der Münsteraner Skulpturenprojekte, Kasper König, und dem Direktor des Museums Boymans van Beuningen, Chris Dercon, der schon jetzt als nächster documenta-Macher gehandelt wird.Mit den Skulpturenprojekten und der documenta X waren in diesem Sommer der Kunst-Events zwei Ausstellungskonzepte zum Vergleich angetreten, die nun noch einmal hätten diskutiert werden können: auf der einen Seite Catherine Davids "manifestation culturelle", die als freudlos und trist von der Kritik rezipiert wurde, auf der anderen Seite das Münsteraner Gaudium mit Skulpturen im Stadtraum.Dercon schlug sich auf die documenta-Seite und ging auf Distanz zum heutigen Trend der "Kunst als Entertainment". Völlig neues Gebiet eröffnete der Jenaer Evolutions- und Hirnforscher Olaf Breidbach, der aus seinen Erfahrungen mit der Generierung von Bildern berichtete.Ihm zur Seite saß der Wiener Kurator- und Medienkünstler Peter Weibel, der genau der gleichen Tätigkeit im künstlerischen Bereich nachgeht.Wie eine Verkehrung der Verhältnisse wirkte das vom Wissenschaftler in die klassische Kunst gesetzte Vertrauen, während der Medienkünstler noch immer die Vorzüge des Computers pries."Man schüttet das Leben hinein, aber die Kreativität geht hinaus", warnte Breidbach.Unfreiwillig hatte er damit auch große Teile des Symposiums beschrieben.

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