Zeitung Heute : Die Kunst des Löschens

Vorsicht beim PC-Verkauf: Gebrauchte Festplatten geben oftmals mehr von ihren Vorbesitzern preis, als denen lieb sein kann

Kurt Sagatz

Dem Leichtsinn sind offenbar keine Grenzen gesetzt. Wie zwei Studenten am Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei Untersuchungen herausfanden, ist Datenschutz für die meisten Computernutzer eine weithin unbekannte Größe. Die beiden Studenten hatten diverse gebrauchte Festplatten auf Flohmärkten und in Online-Auktionen wie eBay gekauft und deren Inhalt untersucht. Das Ergebnis: Nicht weniger als 20 000 Kreditkartennummern, einige Patientendateien, unzählige Liebesbriefe und auch eine nicht genannte Menge pornografischer Inhalte konnten ohne größere Mühe von den Datenträgern gelesen werden.

Von den 158 Festplatten, die von den beiden MIT-Angehörigen im Zeitraum von November 2000 bis August 2002 erworben wurden, waren 129 noch voll funktionsfähig. Bei einer der Harddisks handelte es sich um eine Festplatte, die zuvor ihren Dienst in einem Kassierautomaten getan hatte. Allein auf ihr fanden sich fast 2900 Kreditkarten-Informationen. Nur zwölf Datenträger waren vor dem Verkauf so bearbeitet worden, dass keinerlei Daten rekonstruiert werden konnten, schrieben Simson Garfinkel und Abhi Shelat in einem jetzt in der Fachzeitschrift IEEE Security & Privacy erschienenen Beitrag.

Welche Folgen der leichtfertige Umgang mit Informationen haben kann, die auf Computern gespeichert sind, hat die Affäre um die so genannten „Bundeslöschtage“ gezeigt. Im Zusammenhang mit dem Verkauf der Leuna-Werke und Panzerlieferungen an Saudi-Arabien war der Bundesregierung unter Helmut Kohl vorgeworfen worden, im Jahr 1998 im Kanzleramt gezielt Akten vernichtet zu haben. Bei den Untersuchungen durch Akten-Sonderermittler Burkhard Hirsch ging es unter anderem um eine Festplatte und zahlreiche Sicherungsbänder, deren gelöschter Inhalt teilweise wiederhergestellt werden konnte.

Das Restaurieren gelöschter Daten, egal ob nun absichtlich oder aus Unachtsamkeit, ist vielfach einfacher, als zumeist angenommen. Spezielle Programme wie die Produktreihe EasyRecovery von Ontrack haben sich auf Lösungen für diese Probleme spezialisiert. Mit dem DataRecovery-Modul lassen sich beispielsweise versehentlich zerstörte oder gelöschte Daten wiederherstellen. Selbst formatierte Festplatten geben ihren Inhalt wieder her, zumindest dann, wenn sie nicht wieder mit neuen Daten überschrieben wurden. Auch dem Unbrauchbarmachen von Office-Dokumenten sind Grenzen gesetzt. Das Modul FileRepair von Ontrack ist in der Lage, die internen Strukturen von Dateien für Outlook, Word, Access, Excel oder Powerpoint zu reparieren.

So anschaulich die Untersuchungen der beiden MIT-Studenten sind, in der Praxis werden jedoch erheblich mehr Komplett-Computer als einzelne Festplatten über Gebrauchtmärkte oder Online-Auktionen verkauft. Das Problem mit der ungewollten Datenweitergabe wird dadurch nicht kleiner. Das einfache Löschen der Dateien bietet ebenso wenig einen hinreichenden Schutz wie das Formatieren der kompletten Festplatte. Wer wirklich sicher gehen will, kommt um den Einsatz spezieller Werkzeuge nicht herum. So enthält das Programmpaket Norton SystemWorks in der Utility-Sammlung unter anderem einen Bestandteil, der diese Aufgabe erfüllt. Zum einen sorgt das Programm dafür, dass die Dateien vom Computer gelöscht werden. Zum anderen überschreiben die Norton Utilities den gerade gelöschten Bereich der Festplatte mit willkürlich zusammengestellten Daten und verhindern damit, dass ehemals dort gespeicherte Informationen wiederhergestellt werden können. Die Sicherheit hat jedoch bei Symantec ihren Preis, da das Löschtool nur zusammen mit den anderen Komponenten von SystemWorks erworben werden kann.

Wer nicht bereit ist, rund 90 Euro für die Symantec-Software auszugeben, findet im Shareware-Bereich Programme, die den gleichen Zweck erfüllen. Das Programm Disk Cleanup beispielsweise arbeitet ebenfalls mit den gängigen Festplattentypen zusammen und setzt beim Löschen ein Verfahren ein, das die US-Behörde NSA verbindlich für die amerikanischen Verwaltungen vorgeschrieben hat. Die Gebühr für das Windows-Tool beträgt nach Ablauf der Testzeit 25 Dollar.

Mehr zum Thema:

www.computer.org/security

www.ontrack.de

www.symantec.de

www.gregorybraun.com

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