Zeitung Heute : Die Kunst des Lügens

Christiane Peitz

Das Glück ist eine teure Angelegenheit. 50 000 Yuan kostet es. Der Rentner (Zhao Benshan) sitzt vor seiner dicken Braut, schwärmt von dicken Frauen und beteuert, dass er das Geld für die Hochzeit schon auftreiben wird.

Auch das Kino ist eine teure Angelegenheit. Es baut millionenteure Kulissen, aber wenn sie etwas taugen, scheint das Glück aus ihnen hervor. "Happy Times" für 90 Minuten: Zhang Yimou erzählt, wie Zhao, der arme Schlucker, sein Geldproblem zu lösen versucht - und er erzählt zugleich eine Geschichte vom Kino. Von der Kunst des schnöden Scheins und wie man ihm den Moment der Wahrheit abtrotzen kann. Und von der Verirrung: Gute Erzähler legen eine Fährte - und kommen von ihr ab. Kino ist, wenn es anders weitergeht, als man denkt.

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So auch Zhao. Mit seinen Freunden richtet er einen verrotteten Bauwagen her - als Stundenhotel für Liebespärchen gegen geringes Entgelt. Aber er ist ein altmodischer Mensch, dem es schwer fällt, die Tür hinter liebeshungrigen, unverheirateten Paaren zu schließen. Als er sich auch noch der blinden Stieftochter seiner unersättlichen Braut annehmen soll, tut er dies nur widerwillig - bis das Mädchen Wu allmählich sein Mitleid erregt.

Wu (Dong Jie) lächelt nie. Unsicher schlurft sie durchs Bild, tastet sich durch ihr unglückseliges Leben: eine stille, erschütternde Existenz. Man mag sie erst nicht - bis sie auch unsere Sympathie gewinnt. Zhao soll ihr in einen Job als Masseurin verschaffen - und richtet mit den anderen ehemaligen Fabrikarbeitern in einer leeren Lagerhalle einen fingierten Massagesalon ein. Ein Schauplatz wie ein Drehort: alles Fake. Die Stahlwände werden mit Stoffen verkleidet, die Straßengeräusche kommen vom Kassettenrecorder. Zhaos Freunde spielen die Kundschaft und zahlen mit Reispapier, das raschelt wie echtes Geld. Und Wu lächelt, zum ersten Mal.

Es ist ein großer, zärtlicher Betrug, den Zhao und seine Kumpels anzetteln, zunächst noch in der Hoffnung auf eine Hochzeit, aber bald schon vor allem aus Sorge um Wu. Sie schließen einen Pakt mit der Fiktion, wie das Kino einen Pakt mit dem Zuschauer schließt: Wir sollen glauben, was wir sehen, obwohl wir wissen, dass es nicht wahr ist. Wu soll glauben, was sie nicht sehen kann. Aber dann befingert sie die falschen Wände, streckt sich nach der Decke des Salons und registriert die Luftnummer um sie herum. Sie durchschaut das Spiel - und spielt es mit. Wu kann nicht sehen, und doch gehen ihr bei soviel Zuneigung die Augen auf.

Wer denkt da nicht an Chaplin und das blinde Mädchen in "City Lights"? Auch die Helden von "Happy Times" sind einfache Menschen in armseligen Behausungen. Und weil man nicht das offizielle China sieht, sondern den mühseligen chinesischen Alltag, hatte auch dieser Film des Regisseurs der "Roten Laterne" Probleme mit der Zensur. Dennoch beschleicht die Zuschauerin ein Unbehagen. Die Beratschlagungen des Freundeskreises erinnern an Versammlungen der proletarischen Parteibasis in sozialistischen Propagandafilmen: Hoch lebe die humanitäre Solidarität.

Nichts gegen ein Bekenntnis zur Menschenliebe. Aber will Yimou etwa sagen, dass es besser ist, sich in der Lüge einzurichten als sie anzuprangern? Es gab eine Zeit, da erzählten Chinas Filmemacher vor allem vom Freundesverrat während der Kulturrevolution. Der politische Subtext dieser melancholischen Komödie vom hilflosen Kind und den barmherzigen Samaritern ist dagegen prekär.

Zhang Yimou, der große Illusionist, lullt sein Publikum dennoch nicht ein. Zwar treibt er die Menschenliebeserklärung mit viel Pathos zum Finale auf die Spitze. Aber die Vergeblichkeit auch: Anders als bei Chaplin bleibt das Mädchen blind. Und auch auf Zhao wartet diesseits des Massagesalons eine noch schlechtere Welt. Es sind bittere Tränen, mit denen Zhang Yimou uns aus dem Kino entlässt.

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