Zeitung Heute : Die Kunst des Regierens

In Politik und Verwaltung fehlt qualifizierter Nachwuchs. Schools of Governance wollen das ändern

Silke Zorn

Der Legende nach versuchte der chinesische König Yo vor viertausend Jahren vergeblich, seinem Sohn Danju das Regieren beizubringen. Verzweifelt wandte er sich an seinen obersten Minister. Der empfahl ihm das dem Schach ähnliche Brettspiel Go. „So wird er endlich lernen, dass es beim Regieren auf Strategie und Taktik ankommt“, freute sich der Monarch – leider zu früh. „Furchtbar langweilig“, soll sein Sohn gerufen haben, „Es ist immer dasselbe: Wer beginnt, der gewinnt!“ Resigniert ernannte der König den Minister zu seinem Nachfolger.

Heutzutage hätte sich die ganze Sache vielleicht etwas anders abspielt. Denn die Kunst des Regierens kann man inzwischen von der Pieke auf lernen – an so genannten Schools of Governance. In den USA, England und Frankreich gibt es sie bereits seit vielen Jahren. Jetzt schicken sich auch in Deutschland die ersten Schulen an, den Entscheidungsträgern von morgen modernes Regieren und Verwalten beizubringen. In Berlin startet die von der Hertie-Stiftung gegründete Hertie School of Governance im September 2005 in ihr erstes akademisches Jahr – mit dem zweijährigen Aufbaustudiengang Master of Public Policy.

Hier sollen die Studenten alles über Funktionsweisen und Strukturen moderner Politik erfahren, sollen fit gemacht werden in Management, Verhandlungstaktik und Mediationstechnik. „Die Politik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten extrem verändert“, sagt Ulrich Brömmling, Marketingleiter der Hertie School, „Neue Führungs- und Leitungsstile sind entstanden, neue Formen der Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Sektor.“ Auf diese veränderten Bedingungen will die Hertie School ihre Absolventen vorbereiten.

Dabei geht es den Verantwortlichen nicht allein darum, zukünftige Staatsoberhäupter und Parteivorsitzende hervorzubringen. „Vor allem an den Schnittstellen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft brauchen wir qualifizierten Nachwuchs“, sagt Michael Zürn, designierter akademischer Direktor der Hertie School. Politiker also, die Bilanzen lesen können, Ökonomen, die wissen, wie politische Gremienarbeit läuft und Juristen, die sich nicht nur im Gesetz auskennen, sondern auch in der Kommunikation mit Behörden und Firmenvertretern.

Zulassungsvoraussetzung ist ein abgeschlossenes Grundstudium, vorzugsweise in Wirtschafts-, Rechts- oder Politikwissenschaften. Aber auch Absolventen anderer Fachrichtungen sind willkommen, sofern sie ihren Studienwunsch nachvollziehbar begründen. Die im Grundstudium erzielten Noten spielen bei der Bewerberauswahl zwar eine Rolle. Mit dem oft bemühten Begriff der Eliten hat Marketingchef Ulrich Brömmling allerdings so seine Probleme. „Unsere Schule steht allen Interessierten offen. Gute Noten sind ein Zulassungskriterium. Ebenso wichtig ist uns aber die persönliche Motivation des Bewerbers und das Engagement, mit dem er seine beruflichen Ziele verfolgt.“ Und für Direktor Michael Zürn ist auch noch etwas anderes von Bedeutung: „So altmodisch das auch klingen mag – wir brauchen Menschen, die bereit sind, sich für das Gemeinwohl einzusetzen und nicht in erster Linie an einem besseren Gehalt interessiert sind.“

Ein gut gefüllter Geldbeutel ist zunächst allerdings recht hilfreich, denn die Ausbildung zum Politik-Experten hat ihren Preis. Zehntausend Euro muss man an der Hertie School pro Studienjahr berappen. Qualifizierte Bewerber sollten sich hiervon aber nicht abschrecken lassen. Denn bei der Entscheidung über die Zulassung zum Studium spielt die finanzielle Situation des Bewerbers zunächst einmal keine Rolle. „Wir bieten sowohl Voll-, als auch Teilstipendien an“, sagt Ulrich Brömmling. Außerdem werde über die Möglichkeit einer Finanzierung mittels Darlehen nachgedacht.

Nicht nur interdisziplinär, auch international soll das Studium an der Hertie School of Governance werden. Unterrichtssprache wird Englisch sein, sehr gute englische Sprachkenntnisse müssen daher nachgewiesen werden. Dozenten und Studenten sollen nach dem Wunsch der Schulleitung aus aller Welt kommen. Zunächst werden zehn feste Professoren eingestellt, fünf weitere sowie wechselnde Gastdozenten sollen nach und nach hinzukommen. „Außerdem wollen wir viele internationale Partner gewinnen“, wünscht sich Michael Zürn. Gemeinsam mit ausländischen Hochschulen möchte die Schule Austauschprogramme anbieten und den Erwerb dualer Abschlüsse ermöglichen. Kooperationen mit Behörden und politiknahen Organisationen sollen den Studenten die Möglichkeit bieten, Praxiserfahrung zu sammeln.

Mit dreißig Studierenden will die Hertie School zunächst starten, 2006 sollen es bereits fünfzig sein, ab 2007 möchte mein achtzig Neuzugänge jährlich aufnehmen können – und die aus möglichst vielen verschiedenen Ländern. „Ideal wären ein Drittel aus Deutschland, ein Drittel aus dem Rest Europas und ein Drittel aus Übersee“, sagt Ulrich Brömmling. Attraktiv scheint das Konzept allemal zu sein – mehr als vierhundert Bewerbungen stapeln sich bisher auf den Schreibtischen der Schulleitung.

Wer sich jetzt noch schnell ans Werk machen will, hat durchaus noch eine Chance; die Bewerbungsfrist wurde kürzlich vom 20. Januar auf den 20. Februar 2005 verlängert.

Mehr Informationen zu Studieninhalten, Zulassungsvoraussetzungen und Bewerbungsunterlagen gibt es im Internet unter www.hertie-school.org

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