Zeitung Heute : Die Kunst zu lieben

Alma Schindler war ein Zauberwesen. Vom gefeierten Musiker bis zum erfolgreichen Schriftsteller – sie lernte reihenweise berühmte Männer kennen, und die wollten immer gleich heiraten. Am 8. Februar 1965 fand Alma Mahler-Werfel ihre letzte Ruhe.

Kerstin Decker

Alle nennen sie Alma Mahler-Werfel. Aber das ist nicht richtig. Ein Ehemann fehlt, der mittlere. Walter Gropius, nicht ganz unbekannter Architekt. Mahler ist natürlich Gustav Mahler, nicht ganz unbekannter Komponist. Und Werfel ist Franz Werfel, nicht ganz unbekannter Schriftsteller. Also heißt sie richtig Alma Mahler-Gropius-Werfel. Ein schöner Dreiklang der Künste. Musik, Architektur, Literatur. Aber fehlt da nicht was? Die Malerei! Und wenn die drei Männer, mit denen sie verheiratet war, in ihrem Namen vorkommen dürfen, warum dann nicht auch der Mann, den sie liebte? Also heißt sie richtig Alma Mahler- Gropius-Kokoschka!-Kokoschka!-Kokoschka!-Werfel.

Wer die Männer nennt, mit denen sie verheiratet war und dazu sogar den Mann, den sie liebte, sollte der nicht auch die Männer nennen, die sie auch liebte, bloß nicht ganz so sehr und nicht so lange? Also heißt sie Alma Klimt- Zemlinsky-Mahler-Gropius-Kokoschka!-Kokoschka!-Kokoschka!-Kammerer- Reininghaus-Pfitzner-Werfel-Hollnsteiner.

An dieser Stelle ist es gut, abzubrechen, denn Namen sollten kurz und leicht zu merken sein. Kenner der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts sind natürlich im Vorteil. Aber niemand hat die ästhetische Avantgarde so ganz und gar in sich aufgenommen wie sie. Es spricht vieles dafür, die Worte immer in ihrem ursprünglichsten Sinn zu verstehen. Diese Frau ist ein leibhaftiges Manifest! (Keine Avantgarde ohne Manifest.) Nur Kammerer war nicht Künstler, sondern Biologe, Reininghaus war vor allem reich, und auch Hollnsteiner zählt nicht unbedingt zur Avantgarde, denn er war katholischer Theologe – eine der größten geistlichen Hoffnungen Wiens.

Als er Alma kennen lernte, war sie 53 und er 39. Du bist die erste und letzte Frau in meinem Leben, sagte er und hatte Maria über Alma glatt vergessen. Du bist nicht der erste und nicht der letzte Mann in meinem Leben, dachte Alma und bekam noch einige Jahre Recht. Dann wurde sie schwer zuckerkrank. Behandeln ließ sie sich nicht, denn Diabetes, urteilte sie, ist eine typisch jüdische Krankheit, folglich könne sie keine Diabetes haben. Kurz darauf war Alma K.-Z.-M.-G.-K!-K!-K!-K.-R.-P.-W.-H. tot. Vor 40 Jahren, am 8. Februar 1965, hat man sie auf dem Grinzinger Friedhof in Wien begraben. Dort, in Wien, wurde sie 85 Jahre zuvor geboren. Alma Schindler, Tochter des bekannten Wiener Landschaftsmalers Emil Jakob Schindler.

Wer war Alma Schindler?

Bis heute eine Frau mit vielen Feinden. Das ist völlig normal, denn es ist unmöglich, eine Gustav-Mahler-Sinfonie zu hören und es nicht geschmacklos zu finden, diese Musik und diesen Mann so leichthin zu überleben, wie sie es tat. Überhaupt, das Schlimmste an Künstlern sind ihre Witwen. Folgerichtig hat Alma den Ruf einer hervorragenden Intrigantin, denn Witwentum ist nur ein anderer Name für Intrigantentum. Aber ist das gerecht? Jeder Künstler fordert nach Art der Monotheisten: Du sollst keinen Gott haben neben mir! Wer aber wie Alma Schindler auf höchst eigenwilligen Umlaufbahnen immerzu in fremde Sonnensysteme gerät und diese wieder verlässt, stößt zwangsläufig öfter mal an. Die Witwenfeindlichkeit unserer Epoche ist bisher kaum bemerkt worden. Selbst das neue Antidiskriminierungsgesetz sagt kein Wort über Witwen und Witwenfeindlichkeit.

Unlängst erschien ein Buch mit dem leicht unfreundlichen Titel „Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel“. Der Autor ist ziemlich jung, hat aber schon viele Jahre Alma-Quellenstudium hinter sich und ernennt sich zum ersten Alma-Biografen jenseits ihrer Selbst- und Fremdstilisierung. Er promoviert Alma zur großen Antisemitin, ohne zu erwähnen, dass sie eine ebenso große Philosemitin war („Die Juden sind das Salz der Erde“). Auch heiraten Antisemiten nur ganz selten Juden, sie tat es gleich zwei Mal. Der erste objektive Alma-Forscher präsentiert den Universalschlüssel zu ihrer Existenz. Es ist der allerälteste: Hysterie. Alma Schindler, diagnostiziert ihr erster objektiver Biograf, litt lebenslang unter einer hysterischen Persönlichkeitsstörung.

Die Hysterie haben die alten Griechen erfunden. Hystera heißt Gebärmutter, und diese zeige insbesondere bei alten Jungfern und Witwen (!) die bedenkliche Neigung, stark anzuschwellen und durch den Körper zu wandern, wobei sie verschiedenste Krankheiten verursache. Erst bei Freud braucht sich die Gebärmutter nicht mehr vom Fleck zu rühren, wirkt aber auch bei fester Stationierung oft unheilvoll auf die Psyche ihrer Trägerinnen. In der Tat gibt es einige befremdliche Äußerungen Almas bereits aus ihrer Mädchenzeit: „Mich dürstet nach Vergewaltigung – egal wer es sei.“ Ist das schon Hysterie? Kann sein, Alma hat zu viel Nietzsche gelesen und zu viel Wagner gehört.

Das eigentliche Rätsel, das sie aufgibt, der Biograf bemerkt es nicht einmal. Denn Alma Schindler gehört zu den wenigen Frauen, die fast alle Männer, nachdem sie ein paar Stunden mit ihr zusammen waren, heiraten wollen. Das wollen Männer sonst eher selten. Seit wann sind Hysterikerinnen so attraktiv?

Mahler zum Beispiel, dieser strenge asketische Mann. Thomas Mann hat ihn zum Urbild Aschenbachs im „Tod in Venedig“ gemacht und auch im „Doktor Faustus“ ist sein Bild kenntlich. Kunst als kompromisslose Selbstzucht, als vorsätzliches Eremitentum, als freiwillige Menschenferne. Mahler geht fast nie aus, andere Menschen sind ihm ein Gräuel, Gesellschaften eine Strapaze. Aber einmal ist er doch in Gesellschaft, dort trifft er auf die 21-jährige Alma. Bald wird es laut im Zimmer. Almas Kompositionslehrer hatte beim Leiter der Wiener Hofoper Gustav Mahler ein Ballett eingereicht und seit einem Jahr keine Antwort bekommen. Alma erklärt Mahler, dass es eine Frechheit sei, ihrem Kompositionslehrer nicht zu antworten. Mahler wehrt sich, das Ballett ist schlecht, sagt er. Alma schaut Mahler streng prüfend an. Ein solches Urteil komme ihm nicht zu, da er es ja nicht gelesen habe und im übrigen könne ein Ballett ihres Kompositionslehrers gar nicht schlecht sein. Jedoch ist sie durchaus bereit, dem Hofoperndirektor den Symbolgehalt des Librettos „Triumph der Zeit“ zu erklären.

Mahler lädt seine Kritikerin für den nächsten Vormittag zur Opernprobe ein. Wie haben Sie geschlafen, fragt er. – Ausgezeichnet, antwortet sie. – Ich gar nicht, sagt Mahler. Etwas später erhält sie ein anonymes Gedicht. Es fängt an: „Das kam so über Nacht ...“ Das anonyme Gedicht ist vom Hofoperndirektor persönlich. Er schreibt ihr Briefe, mitunter zwei Mal täglich. Manchmal schreibt sie zurück. Und in ihr Tagebuch schreibt sie: „Ein Gedanke quält mich. Wird mich Mahler bei meiner Arbeit ermutigen? Wird er meine Kunst unterstützen? Wird er sie so lieben, wie Alex sie liebt, um ihrer selbst willen?“ Alex ist Alexander von Zemlinsky, Kompositionslehrer Almas und Verfasser des geschmähten Balletts „Triumph der Zeit“. Aber bald hält Alma Schindler eine 20-seitige (!) Antwort in den Händen.

Mahler schreibt am 20. Dezember 1901 aus dem Hotel Bellevue in Dresden: „Mein liebstes Almschi! Heute, meine geliebte Alma, setze ich mich mit etwas schwerem Herzen zu einem Briefe. – Denn ich weiß, ich muss Dir heut weh tun und doch kann ich nicht anders.“ Und Mahler beginnt, seiner Alma auf 20 Seiten zu erklären, dass die Frage, ob er ihre Kunst unterstütze, Humbug sei, denn so etwas Komisches existiere gar nicht. Schon darum nicht, weil Kunst Individualität voraussetze, also ein völlig in sich begründetes Sein.

Adorno wird dieselben Überlegungen später auf die Kurzformel bringen: Bei den meisten Menschen ist es schon eine Frechheit, wenn sie „Ich“ sagen. Auch Mahler beweist seiner Braut, dass sie gar keine Individualität besitzen kann, was zu behaupten sie unvorsichtig genug gewesen war. Aber er hat eine gute Idee zum Ausgleich für sein kunstloses, individualitätsloses Almschi: „Ist es Dir nicht möglich, von nun an meine Musik als die Deine anzusehen?“ Und am Ende der 20 Seiten fasst Mahler zusammen: „Du musst Dich mir bedingungslos zu Eigen geben – die Gestaltung Deines zukünftigen Lebens in allen Einzelheiten innerlich von meinen Bedürfnissen abhängig machen und nichts dafür wünschen, als meine Liebe!“

Wenn einer das Recht hat, so zu schreiben, dann Mahler. Es ist das Recht des Genies. Dennoch ist es Seelenmord.

Jungsein bedeutet zu glauben, dass man gemeint ist. Alma glaubt das. So komponiert sie, so probiert sie Männer aus (Klimt, Zemlinsky ...). Manche nennen sie das schönste Mädchen Wiens. Natürlich ist sie eine Sonne. Und dieser Mahler will sie einfach vom Himmel abhängen und aus ihr einen kleinen Trabanten machen in seinem eigenen Sonnensystem? – Alma ist entsetzt, ihre Mutter auch. Sie verlangt von der Tochter sofortige Trennung. Aber Alma kann nichts tun, was ihre Mutter gut findet. Also heiratet sie Mahler. Und sagen nicht alle, dass Heiraten etwas sehr Schönes ist?

Alma Mahler lernt jetzt nicht mehr Komponieren, sondern nach welcher Geometrie Mahlers Koffer gepackt werden muss, damit er alles sofort findet. Sie lernt, wann das Essen auf dem Tisch zu stehen hat und dass dabei nicht gesprochen werden darf, um die Gedanken ihres Mannes nicht zu stören. Sie ist eine abgestürzte Sonne. Sie hat Schuldgefühle, weil es sie nicht glücklich genug macht, ihren Mann glücklich zu machen. Der liest ihr bei der ersten Geburt während der Wehen Kant vor. Zur Stärkung. Sich bloß nicht herunterziehen lassen ins Naturhafte! Alma Mahler ist nicht glücklich bei der Geburt ihrer Kinder. Sie ist depressiv. Denn sie ist nur noch Mittel, niemals mehr Zweck. Oder wie der Biograf, der Buchhalter ihres Lebens sagen würde: Sie ist hysterisch.

Hysterikerinnen schickt man damals oft zur Kur, um ihre vielen hysterischen Scheinleiden behandeln zu lassen. Auch Alma Mahler hat schon mehrere Kuren hinter sich, und eine in Tobelbad zeigt wirklich durchschlagenden Erfolg. Die Kurbehandlungen finden vor allem nachts statt, in Almas Bett. Der Therapeut heißt Walter Gropius, auch ein Kurgast, groß, schön, späterer Begründer des Bauhauses, im Augenblick aber Wiederbegründer von Almas erstaunlicher Gesundheit. Sie dachte, sie sei längst tot und nun das!

Aber täusche sich keiner in den Funktionalisten. Sie sagen, sie hassen jedes Ornament, jede Arabeske und gehen immer die direktesten Wege. Aber was für Wege! Walter Gropius konnte bis an sein Lebensende keine befriedigende Erklärung dafür abgeben, warum er einen brennenden Liebesbrief an Alma an ihren Mann adressierte. Bloße Zerstreutheit?

Es lohnt noch immer, Alma Mahler-Werfels Autobiografie „Mein Leben“ zu lesen, nicht nur weil sie sprachlich reicher ist als die aktuelle Biografie, doch über all dies und das Folgende sagt sie kein Wort. Gropius taucht bei ihr später und ganz nebenbei als guter Bekannter auf.

Mahler steht also da mit dem Brief in der Hand, und Alma gibt alles zu. Da bekommt ihr Mann genau das, was man einen monatelangen hysterischen Anfall nennen könnte. Er bedeckt die Partitur seiner 10. Sinfonie mit Verzweiflungsschreien, spielt die Kompositionen seiner Frau und will sie auf der Stelle drucken lassen, ja, er reist Freud in den Urlaub hinterher, um sich sofort analysieren zu lassen.

Während Freud bei Mahler einen Marienkomplex diagnostiziert, haben Gropius und Alma keine Komplexe mehr. Sie lieben sich im Orient-Express oder während Mahler Proben hat. Zwischendurch lieben sie sich postlagernd per Brief. Nur als Mahler dann tot ist – er stirbt an Walter Gropius’ 28. Geburtstag, aber nicht an Alma und Walter, sondern an den Streptokokken in seinem Herzen – machen beide eine Liebespause. Vielleicht vor Erschöpfung. Und Alma wird endgültig Alma.

Ab jetzt ist sie die Sonne, und viele Männer auf ihren Umlaufbahnen sind ihr sicherer als eine Gegensonne. Schon wegen der Gravitationskräfte. Auch wird sie künftig in jeder Beziehung die Stärkere sein. Das ist nicht Hysterie, nur Lebenserfahrung. Kokoschka ist sehr eifersüchtig, vor allem auf Mahler. Der ist zwar tot, aber das kann seine Eifersucht nicht mindern. Als Kokoschka heimlich das Aufgebot bestellt und sie davon erfährt, reist Alma einfach ab. Sie lässt sich nicht mehr heiraten, wenn, dann heiratet sie selbst. Also zur Sicherheit vor Kokoschka, der Gegensonne, erst einmal Gropius.

Kokoschka reagiert auf seine Art. Er lässt sich eine lebensgroße Alma-Puppe nähen, und es heißt, er lebe nun mit einer Puppe zusammen. Er nennt sie „die stille Frau“, bis eines Morgens die Polizei vor seiner Tür steht und Oskar Kokoschka festnehmen will wegen der Leiche in seinem Garten. Passanten hätten ein Massaker beobachtet. In Kokoschkas Garten liegt kopflos „die stille Frau“ in einer Lache aus Rotwein. Kokoschka hatte sie – Höhepunkt seines nächtlichen Festes – geköpft, Almas Überreste steckt er nun in die Mülltonne.

Sein wahrer Konkurrent heißt da schon nicht mehr Gropius, sondern längst Franz Werfel. Zuerst hat sie sich in ein Werfel-Gedicht verliebt, dann in ihn selber, den „hässlichen Juden“. Das konnte sie: durch alle äußeren Hüllen hindurch den Genius eines Menschen lieben. Vielleicht sahen die Männer in ihrem Spiegel sich selbst, genauer: das, was aus ihnen werden könnte. Solche Spiegel-Gesichter haben nicht viele. „Das Wandern in Seelen war nun meine Lust geworden“, sagte sie nach Mahlers Tod. Es wurde ihr Leben. Werfel nennt sie eine der „ganz wenigen Zauberfrauen, die es gibt“.

Da beginnt sie schon, immer größere Ähnlichkeit mit dem „Benediktiner“ anzunehmen, ihrem Lieblingslikör, den sie flaschenweise trinkt.

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