Zeitung Heute : Die Kur als Erlebnis

HENRY STEINHAU

CD-Rom: Kyberkur in Bad LuxHENRY STEINHAUEine komische CD-ROM.Ja, komisch, und zwar in des Wortes doppelter Bedeutung: seltsam und lustig.Generell geht es um eine Kur.Naja, eigentlich eine virtuelle Kur, aber auch ein Stück weit richtige Kur ­ wenn man die erforderliche Muße mitbringt, ist Entspannung drin.Es ist eine Kur für alle Müden, Abgespannten, Gestreßten ­ für Erwachsene eben.Genau genommen geht es aber nicht um eine medizinische Kur, um das Gesamtkunstwerk Kur-Ort, um das Gesamterlebnis Kur-Reise.Und an Ihrem PC geht das so: Wer die "Kyberkur in Bad Lux" ­ tja, was eigentlich? Spielt? Benutzt? Anwendet? ­ der muß zu Beginn eine richtig amtliche Anmeldung ausfüllen und seinen Streßzustand prüfen lassen.Eigens dafür wird ein der Packung beigelegter Meßfühler an den Computer angeschlossen, den man an den Puls hält.Nach der Anmeldung folgt die Anreise, darauf die Ankunft.Und dann das Kur-Leben. Dies alles setzt die vorliegende Multimedia-Produktion höchst ungewöhnlich um: optisch mit auf den Computermonitor applizierten Postkarten, akustisch mit "aus dem Off" gesprochenen Texten.Interaktiv darf man auch sein ­ der Kurort und seine Gebäude sind frei "explorierbar" ­ aber wie bei jeder richtigen Kur hat man sich schon an die Vorgaben zu halten (sonst muß man abreisen).Filme oder Animationen gibt es auch, und bei einer sogenannten Lichtkur wird der User mit schnell wechselnden Farbkreisen traktiert ­ wer weiß, ob diese "Behandlung" überhaupt für irgendetwas gut ist.Aber, wie gesagt, darum geht es ja eigentlich nicht.Es geht ja um das einzigartige Erlebnis Kur.Die erwähnten, zur Illustration von Ambiente und Atmosphäre ausgewählten Postkartenmotive sind meistens so schrill, daß sie schon wieder schön sind.Man sieht ihnen die kräftig farb-retuschierte Künstlichkeit an, wie sie in den Fünfziger, Sechziger und Siebziger Jahren üblich war.Während man also die unzähligen, aber wohl entzückendsten Exemplare der Spezies "Kurort-Postkarte" goutiert ­ und sie anklickt ­ erklärt eine nicht minder ausgesuchte Lyrik das Geschehen.Was die auf das Thema entsprechend "eingestimmten" Sprecherinnen und Sprecher hierbei von sich geben, reicht von fein ziseliertem Hinterwitz über trocken-schwarzen Humor bis zum totalen Schwachsinn.Um dies zu genießen, sollte man allerdings dem Humor von Max Goldt oder Eckhard Henscheid, aber auch von Gerhard Polt oder Helge Schneider etwas abgewinnen können. Kyberkur in Bad Lux, Systhema, rund 50 DM.Systemvoraussetzungen: Multimedia-PC ab 486er DX und Windows 3.1/95 oder vergleichbarer Mac ab 68040.

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