Zeitung Heute : Die längste elektronische Wandtafel Berlins Der Laserstift ersetzt die klassische Kreide

Felicitas von Aretin

Ein Vorlesungssaal der Informatik wirkt auffallend gestreckt: Schmale, lange Tische dominieren den Raum, Stühle zu beiden Seiten. Hier hat der Dozent die Wahl zwischen der klassischen Wandtafel oder einer sechs Meter langen und anderthalb Meter hohen elektronischen Kreidetafel, die das Team um den mexikanischen Informatiker und FU-Professor Rául Rojas entwickelt hat. „Berlinweit besitzen wir den größten, berührungsempfindlichen Computerbildschirm. Er ist an einen Computer angeschlossen und wird von einer in Java geschriebenen Software gesteuert“, erläutert Rojas. „Die elektronische Tafel ist das Kernstück unseres neuen Hörsaals“. Eingeweiht wurde der neue „intelligente Hörsaal“ des Instituts für Informatik vor wenigen Wochen, doch das E-Kreide-Projekt läuft bereits seit fast fünf Jahren und hat europaweit mehrere Preise gewonnen.

Die elektronische Kreidetafel (E-Kreide) vereint die Vorteile der klassischen Kreidetafel mit denen multimedialer Teleteaching-Systeme. Bilder und interaktive Dienste können entweder von der Festplatte eines Computers oder direkt aus dem Internet auf die Tafeloberfläche geladen werden. Anstelle von Kreide benutzt der Dozent einen Laserstift, dessen Farben und Linienstärken er aus einem Menü auswählen kann. Rojas schreibt in grüner Farbe eine mathematische Formel an die E-Tafel und während er noch erklärt, baut sich auf der Plasmaoberfläche langsam der zugehörige dreidimensionale Graph auf. „Hierzu benutzen wir einen kommerziellen algebraischen Server“, sagt der Informatik-Professor. Wer wissen möchte, was das Wort „Kreide“ auf Englisch heißt, braucht es ebenfalls nur auf die Tafel zu schreiben und schon erscheint der englische Begriff „chalk“ – allerdings ebenfalls nur, wenn über ein Script eine Verbindung zum Internet besteht und der Dozent zuvor ein „bookmark“ zu der entsprechenden Seite gesetzt hat.

Die Vorteile der elektronischen Methode werden noch deutlicher, wenn sich der Lehrende intensiv auf seine Stunde vorbereitet hat: Wie von Zauberhand geschrieben, erscheinen für die Studierenden Formeln oder Definitionen in langsamem oder schnellem Rhythmus auf der Tafel, die der Dozent zuvor gespeichert hatte. Auch Bilder kann der Dozent so mühelos auf die Tafel zaubern. Mathematische Formeln können erkannt und berechnet werden. Die Dozenten sind durch ihre „geheimen Helfer“ im Hintergrund entlastet, die Studierenden können sich durch die ungewohnte Animation besser auf den Unterricht konzentrieren. Und noch einen Vorteil hat die E-Tafel: Auch Langschläfer haben eine Chance den Lehrstoff vermittelt zu bekommen, denn mit einem normalen Browser ausgestattet, können sie sich den Verlauf der Vorlesung auf ihrem Laptop zu Hause ansehen. Gerade üben die Informatiker auch die Person des Dozenten – zumindest schemenhaft – in die Vorlesungsperformance zu integrieren. „Natürlich braucht niemand mehr das Tafelbild abzuschreiben“, erläutert ein Assistent von Rául Rojas, „selbstverständlich stellen wir das Tafelbild als PDF-Datei zur Verfügung“.

Weiteres im Internet:

www.inf.fu-berlin.de

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