Zeitung Heute : Die längsten 15 Sekunden der Welt

Die Angst vorm Terror herrscht auf Washingtons Flughafen, und Einreisende mit Visum müssen jetzt auch noch ihre Fingerabdrücke abliefern. Schnell soll das gehen, sagt Heimatschutz-Minister Tom Ridge. Doch bei Gästen aus bestimmten Ländern dauert es lange. Ein Selbstversuch.

Robert von Rimscha

Amerikaner messen Entfernungen in Zeit. New York zum Beispiel ist nicht 230 Meilen von Washington entfernt, sondern fünf Stunden. So lange braucht man mit dem Auto. Am Flughafen von Washington war die Schlange vor den Einwanderungsschaltern bisher immer zehn bis 20 Minuten lang.

Am 5. Januar hatte Tom Ridge, der Heimatschutzminister höchstpersönlich, hinter einem nervösen Einwanderungsbeamten im Flughafen von Atlanta gestanden und 15 Sekunden versprochen. Sein Beamter musste zum ersten Mal das neue Programm „US-Visit“ umsetzen. Das verlangt Fingerabdrücke und ein Digitalfoto von all jenen, die mit Visum nach Amerika einreisen. Die Prozedur werde nur 15 Sekunden dauern, das Reisen also nicht erschweren, versicherte Ridge und blickte ernst in die Kamera. Ernst – weil es um Terrorismus geht. Deshalb die neuen Regeln. Machen wir also den Selbstversuch – einmal Amerika und zurück in den Zeiten von US-Visit.

Tatsächlich ist die Schlange in Washington jetzt länger geworden. Nach 65 Minuten stehe ich vor dem Einwanderungsbeamten. Zwei knappe Fragen stellt er – Routine. Dann kommt die neue Prozedur. Da ich mit Journalistenvisum einreise, gilt sie auch für mich. Deutsche Touristen ohne Visum brauchen sie nicht über sich ergehen zu lassen. Linker Zeigefinger, „kräftig drücken!“, rechter Zeigefinger, „und jetzt in die Kamera blicken“. Es dauert wirklich kaum eine halbe Minute. Tom Ridge hat Recht. Für sich genommen ist eine gute Stunde Wartezeit, wenn sie denn der Sicherheit dient, wohl hinnehmbar.

Und wie alt ist ihre Mutter?

Der Beamte ist derselbe, der mich schon bei der letzten Einreise verwaltete, damals noch ohne Fingerabdruck und Foto. Er erkennt mich und traut sich zu sagen: „Wenn alles klappt, ist das neue System kein Problem. Heute hat es meistens nicht geklappt. Schrecklicher Tag heute.“

Ich bin in Washington, um an einer Konferenz teilzunehmen. Ein anderer Redner, Herr al Jamal aus Jemen, lebt in Deutschland. Wir kennen uns. Herr al Jamal, als Bürger eines terrortechnischen Problemlandes, hätte fast kein Visum erhalten. Mein freundlich-depressiver Beamter legt Herrn al Jamals Pass in einen grellgelben Umschlag, mit diesem muss der Einreisende sich zur „Secondary Inspection“ bemühen, einem niedrigen Büro, in dem vier Beamte hinter einem Holztresen sitzen. Er wird dort fotografiert und fingerabdrucktechnisch erfasst. Doch bevor es so weit ist, muss er warten. Vor dem „Secondary Inspection“-Büro sitzt eine Kontrolleurin, die ich nach der Wartedauer frage. „Weiß ich nicht, kann 15 Minuten dauern, kann zwei Stunden dauern“, sagt sie. Mit Herrn al Jamal warten, in ihre Stühle gefläzt, acht andere Einreisewillige. Alle sind Männer, alle jung, alle mit dunkler Hautfarbe.

Herr al Jamal muss ein zusätzliches Formular ausfüllen, in dem nach dem Namen und dem Geburtstag seiner Mutter gefragt wird. Die Wartezeit, bis er seine Fingerabdrücke in 15 Sekunden abgeben darf, beträgt nochmals 55 Minuten. Unser gemeinsames Flugzeug landete um 15 Uhr 35. Um 18 Uhr 15 sind wir erfolgreich eingereist. Immerhin hat irgendeine gute Seele das dauerrotierende Gepäck unseres Fluges brav vom Fließband genommen und zur Seite gestellt.

Vier Tage später, am Sonntag, folgt die Ausreise. Herr al Jamal hatte ein dickes Papierbündel in die Hand gedrückt bekommen, in dem seine Pflichten aufgelistet sind. Er muss sich bei den Einwanderungsbehörden abmelden. Daher fahren wir früh zurück zum Flughafen. Wir haben das Papierpaket aufmerksam studiert und wissen, dass wir erst die Bordkarten besorgen müssen, ehe die Abmeldung erfolgen kann. In der Schlange vor dem Schalter der Scandinavian Airlines steht ein Mann, der die Pässe der Ausreisewilligen in seinen Laptop eingibt. Dann reißt er das „I 94“ aus den Pässen, den unteren Teil jenes Einreiseformulars, das in die Pässe getackert wird.

Weil Herr al Jamal seine Pflichten kennt, sagt er dem Passkontrolleur, dass er sein I 94 für die Abmeldung bei den Behörden noch braucht: „Bitte lassen Sie es drin!“ Der junge Mann sagt: „Ich bin hier, um die Dinger rauszunehmen, das ist mein Job!“ Herr al Jamal erklärt erneut, ich nicke dazu heftig aus dem Hintergrund. „Meinetwegen“, sagt der junge Mann, „aber das hatte ich noch nie!“ Der Kampf um das I 94 dauert zwei Minuten.

Mit dem geretteten I 94 und der Bordkarte gehen wir in den Keller. Herr al Jamal aus Pflichtbewusstsein, ich aus Neugier. Wir finden das zuständige Büro rasch. Es ist am Wochenende geschlossen. Auch für diesen Fall ist Herr al Jamal gewappnet. In seinem Papierpacken steht die Telefonnummer, unter der er sich 24 Stunden am Tag melden kann, um einen Privattermin mit einem Ausreisebeamten zu arrangieren. Da mein Englisch besser ist, rufe ich an – dankbar, dass das Handy hier unten in den Eingeweiden des Flughafens überhaupt funktioniert.

Bei den ersten sieben Anrufen ist besetzt. Beim achten Mal meldet sich ein Einwanderungsbeamter. Dem Papierpaket habe ich den Titel des Zuständigen entnommen, „Supervisor on Duty“ heißt er, „Diensthabender Aufseher“. Den verlange ich. Ich werde verbunden. Er ist dran. „Ich habe hier einen Ausreisewilligen, der sich abmelden möchte“, beginne ich. „Sie brauchen zuerst den Boarding Pass“, sagt der Supervisor on Duty. „Wissen wir, hat er schon“, sage ich. „Und Sie brauchen Ihr I 94“, sagt der Supervisor on Duty. „Haben wir!“, gebe ich kund. „Und Sie brauchen Ihren Pass“, sagt der Supervisor on Duty. „Klar, haben wir“, sage ich. „Aber das Büro ist zu. Wo müssen wir hin?“, frage ich. „Sie brauchen Pass, I 94 und Boarding Pass“, sagt der Supervisor on Duty. „Wissen wir, haben wir alles, nur: Wo sollen wir warten?“, frage ich. Der Supervisor on Duty antwortet: „Jetzt seien Sie mal ruhig und hören mir gefälligst zu, okay!“ Dann legt er auf.

Eine Tür geht auf

Erkundigungen unter den anderen ratlos Herumstehenden ergeben, dass offenbar periodisch eine entlegene Tür am Ende des Ganges aufgeht und ein Beamter Ausreisewillige abholt. Wir warten also. Tatsächlich erscheint nach zehn Minuten eine Beamtin, die die drei Nächsten zu sich bittet. Herr al Jamal hatte sich intuitiv in die richtige Richtung geschoben und wird als einer der drei Nächsten anerkannt. Er wartet die folgenden zwölf Minuten darauf, dass ein Beamter ihm eine „Ausreisebestätigung“ sowohl in den Pass als auch auf sein gerettetes I 94 stempelt. Fragen werden keine gestellt, erneute Fingerabdrücke gibt es auch nicht. Da ich die neuen Regeln aufmerksam gelesen habe, kann ich Herrn al Jamal versichern, dass die Fingerabdrücke und das Fotografieren später kommen müssen. Denn ich muss da ja auch durch. Die Plakate über US-Visit waren eindeutig: Die Prozedur von der Einreise wird bei der Ausreise wiederholt. Sie dient ja der Bestätigung, dass die Identität des Einreisenden mit der des Ausreisenden übereinstimmt.

Inklusive des Telefonats hat die Abmeldung des Risikobürgers eine gute halbe Stunde gedauert. An und für sich ist das erträglich. Daher bin ich aufklärerischer Stimmung und berichte der Beamtin, die Herrn al Jamal hinaus geleitet, von dem jungen Mann oben, der das I 94 rauben wollte. „Das sind die Fluggesellschaftsleute, da haben wir ein Kommunikationsproblem“, sagt sie.

Jetzt müssen wir in den Sicherheitsbereich vordringen. In der Mitte des Terminals tritt eine Monsterschlange von 300 Metern auf der Stelle, im Seitenflügel aber eine von nur 20 Metern vor den mäandernden Absperrungen. Die nehmen wir. Auf dem Weg dahin kommen wir am Eincheck-Schalter vorbei, wo wir dem jungen Mann bestätigen, dass er richtig lag, als er kopfschüttelnd Herrn al Jamals I 94 im Pass beließ. Jetzt, mit dem Ausreise-Stempel, kriegt er es.

Vor der Sicherheitskontrolle steht ein Schild. Terrorwarnstufe orange, die zweithöchste. Eigentlich hatten die USA die Gefahr auf Gelb reduziert, nachdem über die Feiertage nichts passiert war. Aber Tom Ridge hatte auch gesagt, dass manche Orte weiter orange seien. Der Flughafen beispielsweise. Auf einer anderen Hinweistafel steht, dass man seinen Boarding Pass und zwei Ausweise bereithalten möge.

Schuhe aus und durch!

Die Schlange schiebt sich rasch vorwärts, dennoch warten wir 50 Minuten, ehe wir an den Durchleuchtungsgeräten sind. Unmittelbar davor will eine Beamtin den Boarding Pass und einen Ausweis sehen. Den zweiten winkt sie weg. Dann bin ich dran. 50 Minuten – für sich genommen ist das nicht empörend. Jetzt also Mantel und Jackett in die Plastikwanne, Hosentaschen leeren, Routine eben. Warum einige Reisende aber besockt und andere in Schuhen durch die Detektoren-Schleuse treten, bleibt ein Geheimnis. Mein Sicherheitsmensch sagt mir, ich solle die Schuhe ausziehen. Folgsam bücke ich mich. Natürlich verknoten sich die Schnürsenkel. Das Entwirren dauert so lang wie das Fingerabdrücke- und Foto-Machen. Dann werde ich angewiesen, auch den Gürtel abzulegen.

Auf dem Schild mit dem Hinweis, dass am Flughafen noch immer „Code orange“ gelte, werden alle Reisenden aufgefordert, misstrauisch zu sein und sich sofort an das Sicherheitspersonal zu wenden. Mir schießt durch den Kopf: Nervös verknotete Schnürsenkel – macht das misstrauisch? Haben wir auch keine Bomben-Witze gerissen?

Um 15 Uhr 30 waren wir am Flughafen, jetzt ist es 17 Uhr 30. Wir sind durch. Eigentlich war’s das jetzt. Doch wo werden die Ausreise-Fingerabdrücke abgenommen? Haben wir eine Warteschlange übersprungen? Wird mich bei der nächsten Einreise in die USA jemand fragen: „Sie wussten doch, dass Sie bei der Ausreise Fingerabdrücke abgeben müssen. Dieser Pflicht haben Sie sich entzogen! Und Sie wollen einreisen?“ Dann folgt ein höhnisches Lachen, und der Beamte hinter seinem Pult wird immer größer. Man malt sich ja zuweilen Situationen kafkaesker Ungerechtigkeit der Mächtigen aus. Aber dafür ist jetzt keine Zeit. Der Lautsprecher sagt mit aufgeregter Stimme: „Dies ist der letzte Aufruf für die Passagiere al Jamal und Rimscha. Begeben Sie sich sofort zum Flugsteig B 39!“

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