Zeitung Heute : Die langen Nächte von Berlin

HARALD MARTENSTEIN

Die meisten werden in beschwingter Laune mit Bussen von einem Museum zum anderen fahren, und in fast jedem Museum wird eine Party stattfinden oder ein Konzert oder eine Performance, flankiert von Häppchen und moussierenden Getränken.Vom Museum selbst und seinen interessanten Ausstellungsstücken wird man in dieser Nacht nicht viel mitkriegen.Es ist zu voll.Das ist das Verrückte an der Sache.

Die Museen sind in der "langen Nacht" Kulisse für ein gesellschaftliches Großereignis, bei dem mehrere Bedürfnisse gestillt werden: einerseits der immerwährende Hunger des Berliners nach Gedränge und Remmidemmi.Andererseits der Drang, das Altgewohnte in neuem Licht zu sehen.Die Menschen lieben es nun einmal, zu ungewöhnlichen Zeiten ungewöhnliche Orte aufzusuchen.Vor allem aber gehört die "lange Nacht der Museen" in die Kategorie "Event".Event, das englische Wort für "Ereignis": Typische Event-Kultur sind sommerliche Opernabende in Freiluftarenen oder auf großen Plätzen, bei denen die Musik wegen der laut knallenden Champagnerkorken manchmal nur mit Mühe zu hören ist, oder die vielen Filmfestivals, bei denen Tausende von Besuchern sich plötzlich um Eintrittskarten für Filme balgen, die sie sich normalerweise im Kino niemals anschauen würden.Warum? Wegen der festlichen Stimmung.

Auf das jeweilige Werk kommt es bei der Event-Kultur nicht so an, das Drumherum ist viel wichtiger.Event-Kultur stiftet ein Gemeinschaftserlebnis, wie Fußball.Überall auf der Welt gewinnt die Event-Kultur an Bedeutung, seit es kaum noch Streit über ästhetische und ideologische Fragen gibt.

Man kann das leicht ins Kulturkritische wenden.Die meisten Intellektuellen mögen die Event-Kultur nicht sonderlich.Denn Event-Kultur ist, auf den ersten Blick jedenfalls, affirmativ.Das heißt: Die Leute fühlen sich wohl, sie scheinen mit dem Bestehenden rundum einverstanden zu sein.Kunst, so sagten die Alten, soll belehren oder ergötzen.Kunst ist praktizierte Weltverbesserung.In der Event-Kultur aber vermischt sich das Volksfest mit dem Kulturereignis, und die Menschen feiern sich selbst, ihr eigenes, positives Lebensgefühl.

Trotzdem ist die "lange Nacht der Museen" längst nicht so affirmativ, wie es auf den ersten Blick aussieht.Denn in solchen Veranstaltungen macht sich eine Sehnsucht bemerkbar - die Sehnsucht nach Gemeinschaft und nach dem einmaligen, unwiederholbaren Ereignis.Beides ist in unserer Welt recht selten geworden, nicht nur wegen des Fernsehens und der zahlreichen Ein-Personen-Haushalte.Offensichtlich rücken die Leute immer wieder gerne zusammen, obwohl sie heutzutage fast alles alleine tun könnten, sogar das Kinderzeugen, dank moderner Labortechnik.Offensichtlich wollen sie selber dabeisein, wenn etwas passiert, obwohl ihnen sämtliche Informationen ins Haus geliefert werden.Noch so viele Fußball-Live-Übertragungen können sie nicht davon abhalten, ins Stadion zu gehen.Dichtes Gedränge im Museum? Um so besser.

Die Event-Kultur ist auch älter, als es scheint.Schon in der höfischen Welt des 18.Jahrhunderts verschmolzen die Selbstinszenierung der Gesellschaft, das Partywesen und die Kunst zu einer untrennbaren Einheit.Molière und seine Truppe traten mit ihren Komödien am Hofe des Königs auf, dazu gab es Musik und Tanz und das, was die damalige Epoche unter "Häppchen" verstand.Die Veranstaltung gehorchte einem ähnlichen Prinzip wie die "lange Nacht der Museen".Allerdings war das Volk ausgeschlossen.

Und heute? Das Berliner Bürgertum war fast verschwunden.Jetzt erschafft es sich neu, neue Rituale entstehen.Das Besondere an der Museumsnacht ist die Bewegung, Besucherströme, die von einem Haus zum anderen fließen, ein bürgerliches Publikum, das sich in seiner Stadt bewegt wie in einer großen Wohnung.An keinen Ort paßt diese Kulturvölkerwanderung besser als nach Berlin.Die Berliner müssen sich ihre Stadt, die sich täglich ändert, immer wieder symbolisch aneignen.In der Museumsnacht spielen die Bewohner der Hauptstadt einen Nomadenstamm, der seine künftigen Weidegründe inspiziert.

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