Zeitung Heute : Die Lauf-Masche

Das neue Jahr hat begonnen – Lust auf ein bisschen Fitness? Wie wär’s mit Nordic Walking?

Christine-Felice Röhrs

Sogar Männer mögen Nordic Walking. Normalerweise, sagt Bundestrainer Peter Suarez, dürfe man Männern mit Sportarten, die das „Walken“, also das Gehen im Namen tragen, ja gar nicht kommen. Klinge ja so… unmännlich. Nach trödelnden Freizeitsportlern, meist redselig und weiblich, die echten Kerlen den Parkweg versperren und komisch mit den Hüften wackeln. Aber nordisch, das Ganze – da hält Mann vorm inneren Auge doch wieder den Speer in der Hand. Eigentlich sogar zwei.

Nordic Walking ist in diesem Jahr zum Inbegriff gesunden Sports geworden. Immer öfter sieht man seltsame Gestalten, die Skilanglauf üben, wo gar kein Schnee ist – und ohne Skier. Mit Stöcken in den Händen, die sie taktfest in den Boden rammen, marschieren sie zügig über Waldwege und Wiesen, meist in Gruppen, denn Nordic Walker sind gesellig. Es hat das Zeug zum Breitensport, sagt Peter Suarez. In Finnland, wo Sportverbände das Nordic Walking 1997 zusammen mit Sportartikelherstellern aggressiv vermarktet und ihm weltweit zum Durchbruch verholfen hatten, gehen regelmäßig eine Million Menschen am Stock. In Deutschland walken 100 000 organisiert.

Peter Suarez sagt gerne, Nordic Walking sei kein Trendsport – es sei ein Gesundheitssport. Natürlich ist im Prinzip jede Art von Sport gesund. Schnelles Gehen an der frischen Luft allemal. Aber auf nordisch bewegt man sich so schonend wie möglich.

Die Diplom-Sportwissenschaftlerin Simone Becker, die am Institut für Sportmedizin der Sporthochschule Köln eine Studie zum Nordic Walking leitet, erklärt die Vorzüge so: Der Mensch werde mit den Stöcken in der Hand wieder zum Vierfüßer – was zur Folge hat, dass sich das Körpergewicht besser verteile. Durch die Stützwirkung der Stöcke werden Wirbelsäule, Knie und Hüften um bis zu 30 Prozent entlastet. Fünf Kilo weniger müsse der Bewegungsapparat pro Schritt (er)tragen.

Allrad-Antrieb für den Menschen

Nordic Walking sei aber nicht nur was für Fußlahme oder Rückenkranke, sagt Simone Becker. Für junge Leute oder sogar Leistungssportler lasse es sich beliebig aufpeppen: mit Sprüngen oder Sprints oder Krafttrainings-Einheiten. Der Vorteil für ältere Menschen: Die Stöcke geben ihnen mehr Trittsicherheit – vorausgesetzt jedoch, es sind die richtigen. Herkömmliche Wander- oder Skistöcke taugen nicht zum Nordic Walking. Besser – weil vibrationsärmer, leichter und stabiler – sind die Spezialstöcke mit einem höheren Carbonanteil, die man zudem auf die Körpermaße einstellen kann (50 bis 100 Euro). Sich mit den Stöcken vorwärtszuschieben, sagen Sportler, fühle sich ein bisschen so an, als wäre man ein Mensch mit Allradantrieb.

Der Muskelpump-Effekt

Der Armeinsatz wirkt sich aber auch an anderer Stelle positiv aus, sagt Simone Becker. Weil die Hände in ihren Schlaufen an den Stöcken im Schritttakt schließen und öffnen, entsteht ein so genannter Muskelpumpeffekt, der die Durchblutung im Schulterbereich stark anregt. Studien der Fakultät für Gesundheitswesen des Polytechnikums in Helsinki haben ergeben, dass bei 50 Prozent der Probanden Nackenverspannungen völlig verschwanden. Zum anderen – nachgewiesen vom Cooper Institut in Dallas, Texas – verbraucht der Körper beim Nordic Walking gegenüber dem normalen Walken durch die Armbewegungen durchschnittlich 20 Prozent mehr Kalorien. Nordic Walker nehmen also schneller ab. Insgesamt arbeiten 90 Prozent der Muskeln. So werden nicht nur die Bein-, sondern auch die Brust-, Arm- und Bauchmuskeln gekräftigt. Deshalb nutzen Skilangläufer Nordic Walking fürs Sommertraining.

Eigentlich gibt es keine schlechten Nachrichten über diesen Sport – außer, dass er ein bisschen albern aussieht und Nordic Walker sich seelisch gegen Lästerer wappnen sollten. Die Infrastruktur ist gleichwohl noch dünn. In Süddeutschland ist Nordic Walking weiter verbreitet als rund um Berlin. Dort kooperieren sogar städtische Sportämter mit Krankenkassen und Sportgeschäften, um den Bürgern auf die Sprünge zu helfen, und die Landessportverbände bieten Zusatzkurse für Sportlehrer an. Im Naturpark Südschwarzwald ist in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Skiverband Deutschlands größtes Nordic-Walking-Zentrum entstanden, mit Routen, die wie Skipisten nach Schwierigkeitsgrad farblich gekennzeichnet sind.

Berlin hat dafür Peter Suarez. Für den internationalen Verband „Nordic Walking Coach Association“ bildet Suarez Trainer aus, die sogar aus der Schweiz und aus Österreich kommen – mehr als 700 bisher. Mehrere Laufstrecken rund um Berlin hat er mit initiiert. Außerdem bietet er Kurse und Lauftreffs an (siehe Servicekasten). Seit neuestem trainiert er Experten für Krankenkassen, die nun auch aufs Nordic Walking aufmerksam werden. Die Devise: „Besser präventieren als (teuer) therapieren.“

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