Zeitung Heute : Die lauten Schwestern

Ein IRA-Mann tötet einen Menschen, keiner der 70 Zeugen geht zur Polizei. Bis jetzt war das immer so in Belfast

Martin Alioth[Belfast]

Die Messingglocke an der dunklen Holzbar schweigt. Die „Snugs“, die altmodisch verschalten, hölzernen Abteile für die Gäste, sind leer. Am frühen Nachmittag ist es ruhig in Magennis’s Bar. Auf einem Bildschirm wird ein Golfturnier aus Los Angeles übertragen, ein blonder junger Mann drückt an einem Spielautomaten herum.

In dieser Bar direkt gegenüber vom Gerichtsgebäude im Belfaster Stadtzentrum wurde am 30. Januar ein junger Mann getötet, ein anderer schwer verletzt. Das Verbrechen geschah, obwohl die Bar an jenem Sonntagabend gut besucht war, man spricht von etwa 70 Gästen. Bisher hat noch kein Zeuge der Polizei brauchbare Angaben gemacht, und die Bar selbst wurde unmittelbar nach der Untat von Grund auf gereinigt, so dass keine Spuren zurückblieben. Die Überwachungskameras wurden demontiert.

Seit diesem Verbrechen gibt es eine Kraftprobe in Belfast, wie es sie noch nicht gegeben hat: zwischen der Irisch-Republikanischen Armee und fünf Frauen aus der katholischen Minderheit. Diese fünf Frauen sind die Schwestern von Robert McCartney, 33, gelernter Koch und Gabelstaplerfahrer. Er ist derjenige der beiden Männer, der das Blutbad nicht überlebt hat.

„Es ging um Eifersüchteleien“, sagt Paula McCartney, eine der Schwestern des Ermordeten. Der IRA-Kommandant des Stadtviertels, in dem McCartney lebte, sei mit seinem Gefolge in angetrunkenem Zustand in der Bar aufgetaucht. Sie hatten in Derry an der Gedenkveranstaltung für den „Bloody Sunday“ teilgenommen. Damals, vor 33 Jahren, im Geburtsjahr des ermordeten Robert McCartney, hatten britische Soldaten dort 14 unbewaffnete katholische Demonstranten erschossen. Der IRA-Kommandant soll McCartney, der hier mit seinem Freund Brendan Devine ein Bier trank, im Laufe des Abends aufgefordert haben, sich für irgendetwas, eine Nichtigkeit offenbar, zu entschuldigen. McCartney, von hünenhafter Gestalt, ließ sich nicht einschüchtern. Da habe der IRA-Mann seine Schergen auf die beiden Freunde gehetzt. Mit Küchenmessern und zerschlagenen Flaschen, mit Stahlruten und Fußtritten wurden sie traktiert. Man schnitt ihnen die Kehlen durch, und die Anwesenden wurden mit Drohungen zum Stillschweigen verpflichtet, während die beiden Opfer draußen auf dem Bürgersteig lagen und verbluten sollten. Eine Polizeistreife fand sie durch Zufall.

Robert McCartney starb acht Stunden später. Brendan Devine liegt noch immer im Krankenhaus. Er kommt nicht aus dem Short-Strand-Viertel im Osten Belfasts, der Heimat der McCartneys wie auch der IRA-Schläger. Wird er die Täter identifizieren können?

Paula McCartney sagt: „Das Bizarre an der Sache ist: Da wird einem Mann in einer vollen Bar die Kehle durchschnitten. Da ging es nicht um Mann gegen Mann, das war eine ganze Meute, ein großes Spektakel. Überall war Blut. Und niemand ist angeklagt worden. Dabei weiß die Polizei, wer es war. Die Einheimischen wissen, wer es war, und wir wissen, wer es war. Und doch ist niemand angeklagt.“ Paula McCartney ist 40 Jahre alt, sie ist Mutter von fünf Kindern und will das alles nicht auf sich beruhen lassen. Sie will, dass die Mörder vor Gericht gestellt werden und fordert damit die IRA heraus. Sie tut das sehr beherrscht, lässt keine Gefühle nach außen. Sie betet zweimal am Morgen, das gibt ihr die Kraft dazu, sagt sie.

Joe O’Donnell streicht auf seinem winzigen Schreibtisch eine detaillierte Karte glatt. Er hat mit einem grünen Filzstift die Ausdehnung des Short Strand umfahren. 900 Häuser, mehr nicht. „Das Viertel ist klein und isoliert, im Allgemeinen katholisch-nationalistisch-republikanisch“, erläutert der Stadtrat der Sinn-Féin-Partei, die nicht nur für die Wiedervereinigung Irlands einsteht, sondern zu diesem Zweck auch Gewalt befürwortet. Zahlreiche führende Sinn-Féin- Politiker haben Haftstrafen für IRA-Delikte abgesessen.

Die grüne Filzstiftlinie markiert auch den Verlauf von Stahlzäunen und Backsteinmauern. Alle Straßen des winzigen Viertels sind Sackgassen. Ummauert wie ein Wehrdorf liegt es in Ost-Belfast, umgeben von 90000 Protestanten. Die zweisprachigen Straßenschilder – auf Englisch und auf Gälisch – künden trotzig von der Zugehörigkeit dieser Insel zur irischen Nation.

O’Donnell wurde 2000 in den Stadtrat gewählt: Der graue Mann mit der fleckigen Gesichtshaut ist der erste Katholik und Nationalist, der je im Ostteil der Stadt gewählt wurde. Stolz verweist er beim Rundgang durch das Viertel darauf, dass hier keine irischen Fahnen wehen, die Randsteine sind nicht provokativ in den irischen Farben Grün, Weiß und Orange bepinselt, die Häuser liebevoll unterhalten, die Bürgersteige gefegt. Doch dann deutet er verlegen auf die hohen Sträucher: „In Belfast nennt man das eine Natursperre“, sagt O’Donnell. Die Sträucher verbergen einen doppelten Stahlzaun, gleich jenseits liegt die Newtownards Road, das Kernland der Protestanten. „Die Dachziegel hier sind aus Stahl, damit die Brandbomben kein Feuer auslösen“, sagt O’Donnell. Vor den Häuserfenstern aus verstärktem Doppelglas ist bombensicheres Glas montiert, und gelegentlich wird sogar noch ein Maschengitter davor geschraubt. Diese Verteidigungsanlagen wurden nach dem erbärmlichen Sommer 2002 errichtet, als das Short-Strand-Viertel von den umliegenden Banden der protestantischen Untergrundverbände regelrecht belagert worden war.

Paula McCartneys kleines Reihenhaus, das zur Zentrale dieser heiklen Aufklärungskampagne geworden ist, liegt am Rande des Short-Strand-Viertels. Die etwa 3000 Bewohner des Quartiers sind seit 100 Jahren Blitzableiter für politische Spannungen. In der nächsten Nachbarschaft liegen die Stammlande der Loyalisten, der militanten Protestanten-Verbände, die oft wahllos Katholiken umgebracht haben. Entsprechend respektiert wird seither die IRA, deren zweifelhafter Anspruch, die Katholiken zu beschützen, hier einen wahren Kern enthielt. Schon während des irischen Unabhängigkeitskrieges vor über 80 Jahren habe Michael Collins, der irische Rebellenführer, die Protestanten davor gewarnt, ihr Mütchen an den exponierten Bewohnern des Short Strand zu kühlen, berichtet O’Donnell.

Das Wohnzimmer von Paula McCartney ist immer voll tobender Kinder, darunter sind auch die beiden Halbwaisen ihres ermordeten Bruders. Deren Mutter und Paulas vier Schwestern Gemma, Catherine, Claire und Donna fangen die Wilden gleich wieder ein, um das Gespräch nicht zu stören. „Wir sind eine republikanische Familie. Wir haben Sinn Féin gewählt. Deshalb ist die Lage jetzt so einzigartig“, nimmt Paula den Faden wieder auf.

Die McCartneys haben in ihren vielen Interviews immer wieder an die Zeugen appelliert, zur Polizei zu gehen. Das ist ein Tabubruch, denn die Sinn-Féin-Partei lehnt auch die reformierte nordirische Polizei als befangen ab. McCartney sieht das anders, auch vor dem Mord an ihrem Bruder wäre sie bedenkenlos zu den Ordnungshütern gegangen. Aber erst die Geschehnisse der vergangenen Wochen haben ihr deutlich gemacht, wie weit sie sich von vielen in Short Strand entfernt hat. „Ich muss mit geschlossenen Augen und verstopften Ohren gelebt haben“, sagt sie, „ich habe erst jetzt begriffen, was in dieser Gesellschaft vorgeht.“ Haben jene Augenzeugen, mit denen sie gesprochen hat, ihr denn die ganze Wahrheit erzählt? „Da gibt es einen Punkt, wo alle blind und taub werden. An der entscheidenden Stelle scheint niemand was gesehen zu haben“, sagt sie.

„Es war ein Verbrechen. Es war falsch, egal, wer dafür verantwortlich war“, sagt auch Joe O’Donnell. Aber auf die Frage, ob er nicht die Zeugen zur Polizei schicken solle, hat er sich eine seltsame Antwort zurechtgelegt. Mit Rücksicht auf die Empfindlichkeiten dieser Zeugen empfehle er ihnen, zu einem Anwalt oder einer anderen Vertrauensperson zu gehen. Denn Sinn Féin stehe voll und ganz hinter der Familie. Aber warum sollen die Leute nicht zur Polizei gehen? „Ich selbst traue der Polizei nicht“, präzisiert er endlich, „ich habe die Leute noch nie zu Dingen aufgefordert, die ich selbst nicht tun würde.“ Paula McCartney, die unablässig betont, ihre Kampagne richte sich nicht gegen die IRA oder Sinn Féin, will den Ausschluss der Schuldigen aus der IRA. „Es hatte ja nichts mit dem Kampf um Gerechtigkeit in Nordirland zu tun, es war bloß der Ausdruck psychopathischen Verhaltens“, sagt Paula mit eisiger Klarheit. „Jedermann sollte sich bedroht fühlen, so lange diese Psychopathen noch frei herumlaufen.“ Und das tun sie offenbar noch immer.

Eigentlich herrscht Waffenstillstand in Nordirland. 1998, mit dem Karfreitags-Abkommen, haben sich Irland, Großbritannien, die Katholiken und die Protestanten darauf geeinigt, Frieden zu halten. Die IRA hat einmal sogar angekündigt, ihre Waffen abzugeben. Anfang Februar nahm sie dies aber wieder zurück, in einer Erklärung hieß es, sie wolle sich nicht demütigen lassen, aber in Wirklichkeit ist es wohl so, dass sie sie noch braucht. Die IRA finanziert sich durch Drogengeschäfte und Einbrüche, die Indizien sprechen dafür, dass sie auch hinter dem spektakulären Belfaster Bankraub steckt. Vor Weihnachten war das, die Beute: 26 Millionen Pfund.

Die Verbrechen der Beteiligten am Mord in der Magennis’s Bar sollen von Vergewaltigung über Kindesmissbrauch bis zu schwerer Misshandlung reichen. „Einer von denen braucht nicht mal den Mund aufzumachen, um die Zeugen einzuschüchtern“, sagt McCartney. Die Männer sind Mitglieder der IRA und damit fast unangreifbar. Und genau das macht sie so gefährlich. Ohne diesen Schutz würden sie ihre Taten anders kalkulieren. „Ich sehe keinen anderen Grund für das Schweigen der Zeugen als Angst. Diese Angst muss weg“, sagt McCartney. Sie kennt die Mentalität der Menschen hier.

Short Strand ist eine kleine enge Welt, wo fast jeder von jedem weiß. Ist es Zufall, dass ihr Haus an der Grenze des Viertels steht? Hinter ihrer Haustür und ihrem Fenster beginnt das Niemandsland und dahinter die Stadt der Protestanten. „Ich lebe am Rande“, sagt McCartney. Und dann sagt sie etwas, das nach ein bisschen Hoffnung klingt: „Ich glaube, ich habe Wahlmöglichkeiten.“

Übers Wochenende beugte sich die IRA der unwiderstehlichen Logik der McCartney-Frauen: Sie schloss drei ihrer Mitglieder nach einem „Kriegsgericht“ aus und verbot allen anderen, die Zeugen einzuschüchtern. Sinn- Féin-Präsident Gerry Adams sagte, er würde sich „den Gerichten überantworten“, wenn er in der Lage der Täter oder der Zeugen wäre. Und er rang sich sogar zur Empfehlung durch, jene, die keine Probleme mit der Befangenheit der Polizei hätten, sollten genau dorthin gehen.

Mitten in Short Strand liegt der Polizeistützpunkt Mountpottinger. Die Fenster des hohen alten Backsteinhauses sind bis in den vierten Stock hinauf vermauert, das ganze Gebäude ist mit Stacheldrahtverhauen geschützt, deren Höhe Auskunft über die athletischen Fähigkeiten von Bombenwerfern gibt. Auf die Außenmauer hat ein Sprayer geschrieben: „Disband now! No justice. No peace.“ Natürlich bezog sich die Aufforderung, sich aufzulösen, ursprünglich auf die Polizei. Aber jetzt wird vielleicht mancher hier das Graffito auf die IRA beziehen. Wie hatte Margaret Quinn, die Tante des ermordeten Robert, im Radio gesagt? „Die Justiz der Polizei ist mir noch hundertmal lieber als die Justiz von Psychopathen.“

Vielleicht gelingt es tatsächlich, das Schweigen zu beenden. „Es ist ein simpler Fall von Gut und Böse“, sagt Paula McCartney. Sie erwägt, im Mai für den Stadtrat zu kandidieren. Sie begrüßt die jüngste IRA- Erklärung, aber sie und ihre Schwestern werden nicht ruhen, bis ein rechtmäßiger Prozess stattgefunden hat und die Täter hinter Schloss und Riegel sitzen. Am Mord in der Magennis’s Bar waren nicht bloß die drei jetzt Ausgeschlossenen, sondern bis zu 15 beteiligt. Paula McCartney will nämlich nicht, dass die frühere Angst vor protestantischen Killern und der Willkür der Polizei einfach durch eine andere ersetzt wird: die Angst vor den unantastbaren Kriminellen der IRA.

Hunderte Menschen nahmen gestern an einer Protestveranstaltung der McCartney-Schwestern in Short Strand teil. Eamonn McCann, einer der Organisatoren jener Demonstration in Derry vor 33 Jahren, teilte der Versammlung mit, die IRA sei mittlerweile auf das Niveau der britischen Fallschirmjäger abgesunken. Schmerzhafter können die Vergleiche kaum werden.

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