Zeitung Heute : Die lautlose Katastrophe

Harald Maass

Die Kälte ist überall. In den dunklen Hotelgängen, deren Lampen aus Strommangel schon vor Jahren abgeschaltet wurden. In dem unbeheizten staatlichen Restaurant, wo die Köche versuchen, den ausländischen Gästen aus braunen Kohlblättern und trockenem Brot eine Mahlzeit zu servieren. Die eisige Kälte kriecht unter die Kleidung, in die Schuhe, in das Herz. Sie hat auch das Kinderheim von Anbyon außerhalb der Stadt Wonsan erfasst. Der Boden, die Wände - alles ist gefroren. In dünnen Jacken sitzen die Babys auf dem Boden, blicken stumm vor sich hin. Die kleinen Hände sind dunkelrot und klamm. Keines der Kinder weint. Sie sind gewohnt zu frieren. Und zu hungern.

"Wir haben keine Kohle und keinen Strom", sagt die Leiterin Kim Bobae. Im Gesicht der Frau liegen tiefe Falten, die dunklen Haare hängen struppig vom Kopf, Kim ist gezeichnet vom Kampf ums Überleben. Seit Jahren essen die 150 Kleinkinder in dem Tagesheim nur noch dünne Suppe mit winzigen Mengen Gemüse. Einmal im Monat gibt es Fleisch - 50 Gramm, rechnet Kim vor. "Jetzt wird es uns etwas besser gehen, dafür sind wir dankbar", sagt Kim. 150 Kilogramm deutsches Rindfleisch hat das Tagesheim bekommen - fünf Kartons. In der unbeheizten Küche schneidet eine Frau das Fleisch in winzige Stückchen, legt es vorsichtig auf Teller. 33,3 Gramm pro Woche werden die Kinder bekommen. "Damit kommen wir über den Winter", sagt Frau Kim.

Die Kinder von Anbyon verdanken ihr Glück dem Rinderwahnsinn. Und einer ungewöhnlichen deutschen Hilfsaktion. Anfang Dezember wurde in Nordkorea die erste Lieferung von deutschem Rindfleisch ausgeteilt. Ingesamt 6000 Tonnen Fleisch - das Gewicht von 20 000 Rindern - brachte ein Kühlschiff aus Deutschland in das hungernde Land. Das Fleisch war im vergangenen Jahr während der BSE-Krise, als in Deutschland niemand mehr Rindfleisch aß, von der Regierung aufgekauft worden, um den Markt zu unterstützen. "Jedes Tier ist auf BSE getestet", sagt Ulrich Popp vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Mit klapprigen Lastwagen aus der Sowjetzeit wurde das Fleisch in die Provinzen gekarrt - zu Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern. Mit der deutschen Rindfleischlieferung hat Nordkoreas Regierung jetzt erstmals ausländischen Journalisten den Blick auf das Leben im Hinterland gestattet. Einen Blick auf ein ausgezehrtes Land.

Ein Dezembermorgen in Wonsan, einem ehemaligen Badeort an der Ostküste. Auf den Straßen liegt eine dünne Schneeschicht. 380 000 Menschen leben hier. Über den grauen Dächern der sozialistischen Plattenbauten ist kein Rauch zu sehen. Die letzte Kohle ist schon längst verfeuert. Um sich gegen die Winterkälte zu schützen, haben manche Plastikfolie vor die Fenster geklebt. Auf den Straßen fahren keine Autos mehr - es gibt weder Ersatzteile noch genügend Benzin. Mit starrem Blick laufen die Menschen auf den breiten Alleen, ihre Kleidung ist abgetragen und ausgebleicht. Vor einer Wohnanlage graben Frauen die Straße um. Zu Hunderten kratzen sie mit bloßen Händen die festgefrorene Erde auf, tragen mit kleinen Plastikschüsseln Steine weg. "Das sind Hausfrauen, die sich am Straßenbau beteiligen", sagt unser nordkoreanischer Begleiter Kim. Fotografieren ist nicht erlaubt.

Landwirtschaft der Verzweiflung

Die Menschen in Nordkorea leben in einer lautlosen Katastrophe. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks blieben die Nahrungs- und Energielieferungen aus Moskau aus. Das Land schottete sich völlig ab, die Fabriken verfielen langsam. Nordkorea ist auch nicht in der Lage, selbst genügend Nahrungsmittel zu produzieren. Heute mangelt es an allem: Öl, Kohle, Getreide, Medikamente, warme Kleidung. Allein in diesem Jahr fehlen 1,5 Millionen Tonnen Getreide. Nordkorea betreibe eine "Landwirtschaft der Verzweiflung", sagt ein deutscher Agrarexperte in der Hauptstadt Pjöngjang. Mindestens zwei Millionen Menschen seien seit 1994 in Folge der Mangelernährung gestorben, schätzt das Welternährungprogamm der Vereinten Nationen. Die Not der 23 Millionen Nordkoreaner soll ein Geheimnis bleiben. Das Regime, das dem Volk ein sozialistisches Paradies vorgaukelt, hat die Grenzen geschlossen. Außer einer Hand voll Mitarbeiter der Hilfsorganisationen, Diplomaten und jetzt einigen Journalisten darf niemand einreisen.

Die 70-jährige Song Gwanggyu sitzt mit ihrem Enkel auf dem Boden ihrer Apartmentwohnung. Zu fünft bewohnt die Familie zwei winzige Zimmer. Besuche in Privatwohnungen waren in Nordkorea bisher immer tabu - manche Diplomaten waren Jahre in Pjöngjang stationiert, ohne je ein Wohnhaus von innen gesehen zu haben. An der Wand der Familienwohnung hängt ein alter Lautsprecher. "U Bang" - "Drahtradio" nennen Nordkoreaner die Volksempfänger, die angeblich in alle Wohnungen des Landes eingebaut sind. Über die Lautsprecher berieselt das Regime das Volk mit Propaganda. "Wir haben keinen Strom, deshalb funktioniert er nicht", sagt Song. An ihrer Strickjacke ist ein Anstecker von Kim Il Sung befestigt - wie jeder Bewohner in Nordkorea muss die Großmutter das Bild des "Großen Führers" tragen.

Song war einst Bäuerin bei Wonsan. "Damals hatten wir immer genug zu essen", erzählt sie. Heute bekommen die beiden Kinder ihr Essen von den Vereinten Nationen in der Schule. Manchmal bringt die Schwiegertochter etwas Gemüse von ihrer Arbeitsstelle mit. Drei Kilo von dem deutschen Rindfleisch hat die Familie zugeteilt bekommen. Mit Sojasauce und Salz hat sie das Fleisch eingelegt. Dankbar nimmt die alte Frau die Hand eines deutschen Helfers.

Kim Kebo erinnert sich noch an den Tag, als sie das letzte Mal Rindfleisch aß. "Es war bei der Geburt meiner Tochter. Meine Schwiegereltern brachten mir damals etwas Fleischsuppe zur Stärkung", erzählt die Hausfrau. Ihre Tochter ist heute elf Jahre alt. Mit einer Plastikschüssel steht die 35-Jährige in der Warteschlange der örtlichen Verteilstelle, um sich zwei Kilo von dem deutschen Rindfleisch abzuholen. Kim ist aufgeregt. Aus dem müden Gesicht leuchten wache Augen. "Heute Morgen haben sie mir gesagt, dass es Fleisch gibt", erzählt sie. "Sogogi Guk" wolle sie damit kochen - eine Rindersuppe mit Kohl. "Die Hauptsache ist, dass meine beiden Kinder etwas zu essen bekommen."

In den Regalen der Verteilstation stapeln sich ein paar rostige Dosen mit Früchten. Die Brauseflaschen sind eingestaubt. Über der leeren Theke steht ein Propagandaspruch geschrieben: "Dem Volk dienen!" Daneben hängt das Bild des verstorbenen Diktators Kim Il Sung. Früher versorgte das Geschäft mehrere Tausend Familien in Wonsan. Kleidung, Nahrungsmittel, Seife, Medizin - alles gab es hier. Die Verteilungszentren waren die Nervenbahnen der nordkoreanischen Planwirtschaft. Heute sind sie stumme Zeugen eines hungernden Volkes. "Wir haben nichts mehr, was wir verteilen könnten", sagt eine Angestellte. Unsere nordkoreanischen Aufpasser drängen zum Ausgang.

Die Fleischlieferung nach Nordkorea war in Deutschland umstritten. Entwicklungshelfer verteilen selten Rindfleisch an Notleidende, weil es teuer ist und man damit den örtlichen Verteilstellen einen Anreiz bietet, die Hilfslieferungen zu unterschlagen. "Das ist, als ob man eine Hand voll Goldmünzen in die Menge schmeißt", sagt Popp. Doch Nordkorea sei ein Sonderfall. Die planwirtschaftlichen Strukturen ermöglichten eine geordnete Verteilung des Fleisches. Im Gegensatz zu anderen Staaten gebe es auch keinen lokalen Fleischmarkt mehr, der durch die Lieferung kaputtgemacht werde. "Das Fleisch gibt den Leuten einfach eine Atempause, eine kurzfristige bessere Versorgung", sagt Christoph Bürk von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die den Transport organisierte.

Kalt wie eine Gefriertruhe

Die schwierigste Aufgabe sei die Überwachung der Verteilung gewesen. "Unser Albtraum war, dass das Fleisch in den Kantinen der Armee oder der Regierung landet", sagt Popp. Berlin machte deshalb zur Bedingung, dass deutsche Experten die Verteilung kontrollieren durften. Als Zielgruppe hatte Deutschland Kinder, Kranke und Alte bestimmt - ein Kilogramm pro Empfänger. Teams der GTZ reisten wochenlang den Fleischlastern hinterher, besuchten Dutzende Kinderheime und Schulen. Der größte Teil des Fleisches sei wohl bei den Empfängern angekommen, sagt die GTZ. Ob vielleicht ein paar Lastwagen beim Militär gelandet sind, kann niemand völlig ausschließen. Vielleicht ist es auch egal. Längst hungern auch die Familien des Militärs.

Die Genossenschaftsfarm Chon Sam außerhalb von Wonsan ist die letzte Station der deutschen Besucher. Im Tagesheim sitzen die Kinder vor dampfenden Schüsseln mit Rindfleischsuppe. Sieben und acht Jahre seien sie alt, sagt man uns. Ihre Körper sind so klein wie die Vierjähriger in Deutschland. Die Kinder blicken ängstlich, manche zittern. In dem Heim ist es kalt wie in einer Gefriertruhe. Hastig löffeln sie jetzt die warme Suppe. Keiner spricht ein Wort, kein Lächeln. Dann sitzen die Kinder wieder stumm auf ihren Hockern, die kleinen Füße nur mit Socken bekleidet. Ihre Nasen sind gerötet. Bald wird sich wieder die Kälte durch ihre Kleider fressen. Und schmerzen, wie der Hunger.

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