Zeitung Heute : Die Leere der Menschen

FRANK NOACK

Ein Meister des Melodrams: Der Regisseur Douglas Sirk wurde vor 100 Jahren geboren Im November 1973, als das Fernsehprogramm noch übersichtlich war, erlebte der 76jährige Regisseur Douglas Sirk dank einer kleinen Filmreihe seinen Durchbruch in Deutschland.Innerhalb der Branche genoß er seit den dreißiger Jahren einen guten Ruf, doch das Publikum achtete nur auf die Stars - von Zarah Leander bis hin zu Rock Hudson und Lana Turner -, während die Kritiker Sirk nicht einmal verachteten: sie übersahen ihn schlichtweg.William Faulkner, Jean-Luc Godard und Francois Truffaut hatten zwar in den späten fünfziger Jahren Loblieder auf ihn gesungen, aber bei uns brachte erst 1971 ein Aufsatz von Rainer Werner Fassbinder den Stein ins Rollen. Sirk arbeitete in einem Genre, das noch heute nicht so richtig ernstgenommen wird: dem Melodram.Das schmerzvolle Gefühl, einen Menschen zu lieben, für den man sich schämt, hat Sirk eindringlich wie kein anderer behandelt.In "Was der Himmel erlaubt" (1955) verliebt sich eine Witwe in einen stattlichen jüngeren Mann, zu dem sie sich nicht bekennen will, da ihr guter Ruf innerhalb der Kleinstadtgemeinde auf dem Spiel steht (Fassbinder drehte mit "Angst essen Seele auf" ein Remake).In "Solange es Menschen gibt" (1959) schämt sich ein hellhäutiges schwarzes Mädchen für seine dunkelhäutige Mutter.Gute und schlechte Menschen gibt es bei diesen Konflikten nicht.Alle Personen sind gefangen in den Rollen, die die Gesellschaft ihnen zugewiesen hat.Daher kommt es auch nur zu einem traurigen Happy-End. Rückblickend erscheint Sirk als der wichtigste Chronist der fünfziger Jahre.Seine Filme spielen in einer unnatürlich heilen Welt, jede Einstellung wie aus einem Schöner-Wohnen-Katalog, aber statt in den teuren Interieurs zu schwelgen, betont Sirk die Leere der Menschen.Lana Turners unbezahlbare Garderobe in "Solange es Menschen gibt" wirkt wie ein Panzer, der keine Nähe zuläßt.Fassbinder nannte Sirks Filme die zärtlichsten auf der Welt, doch eigentlich waren sie weder zärtlich noch sadistisch.Sirk war kein Instinktmensch oder Mystiker wie so manch anderer Meister des Melodrams.Ein Sinn für Ordnung blieb sein auffälligstes Stilmerkmal.Nicht Weichzeichner und Nebel bestimmten seine Bilder, sondern hartes Licht und klare Konturen.Wenn er heftige Gefühle behandelte, tat er dies mit Verstand.So etwas muß für Irritation sorgen in einer Kultur, die Gefühl von Verstand zu trennen pflegt. Für Irritation sorgte Sirk auch mit seiner Biographie.Als er zu Beginn des Zweiten Weltkrieges nach Hollywood kam, gab er sich als 1900 geborener Däne aus: um als Mann dieses Jahrhunderts zu gelten, und weil er als spät emigrierter Deutscher Verdacht erregt hätte.Die späte Emigration ist, neben der Hinwendung zum Melodram, ein weiterer Grund für die Schwierigkeiten deutscher Filmwissenschaftler mit Sirk.An ihm zeigt sich, wie schwer es ist, zwischen den 1933 emigrierten und den nicht emigrierten Künstlern eine Trennlinie zu ziehen.Sirk hat als Detlef Sierck systemkonforme Filme für die Ufa gedreht; einer davon, "Zu neuen Ufern" (1937) mit Zarah Leander, lief erfolgreich in New York und ebnete dem Regisseur den Weg nach Hollywood.Als Mitläufer und Exilant in einem paßt Sirk in keine Schublade. Der Mann hinter den Filmen ist ein Geheimnis geblieben: keine Anekdoten, keine lebhaften Erinnerungen sind überliefert, nur Fakten.Der gebürtige Hamburger, der Jura, Philosophie und Kunstgeschichte studiert, Vorlesungen von Albert Einstein besucht, ein Jahrzehnt Theater- und drei Jahrzehnte Filmgeschichte mitgeschrieben hat, war kein Selbstdarsteller.Aufwühlende Geschichten erzählte er mit kritischer Distanz.Ein Grund mehr, sich wieder verstärkt mit ihm zu befassen.FRANK NOACKArsenal und das Zeughaus-Kino zeigen ab 1.Mai umfangreiche Sirk-Retrospektiven.

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