Zeitung Heute : Die Legende von Notting Hill

Drei Dinge haben diesen Stadtteil im Londoner Westen berühmt gemacht: Die Portobello Road, ein Film mit Hugh Grant und Julia Roberts – und der Karneval, der heute wieder beginnt.

Ein Wunder.“ Chris Thackery ist kein Mann der großen Worte, aller Pathos ist ihm fremd. Der Pfarrer spricht das Wort mit der gleichen selbstverständlichen Freundlichkeit aus, mit der er alle begrüßt, die an diesem Morgen in die Kirche kommen: den Obdachlosen, der sich ein paar Stunden auf dem Ledersofa ausruht, mal eine draußen rauchen geht und sich dann einen Kaffee in der Teeküche holt; die gut gekleideten Männer und Frauen, die den Weg schon kennen: die Treppe hoch zur Selbsthilfegruppe für Süchtige; den alten Mann, der aufgeregt von seinen Problemen mit der Wohnungsbaugesellschaft erzählt: die Frau, die im Internet surfen und später duschen will; den Touristen, der dringend aufs Klo muss und sich anschließend erstaunt umguckt angesichts der hellen, modernen Architektur in dem alten Gemäuer: Eben jenem Wunder, von dem Thackeray spricht.

Wie jeden Montag sitzt der Pfarrer in dem angenehm kühlen Foyer und heißt alle willkommen. Eigentlich ist der 48-Jährige gar kein Theologe, früher hat er im Finanzministerium im Controlling gearbeitet; als aktives Gemeindemitglied ist er Anfang der 90er Jahre in sein Amt hineingewachsen. Damals war die Westbourne Grove Church eine schäbige alte behindertenunfreundliche Kirche, die, nach dem Krieg irgendwie zusammengeflickt, immer mehr verfiel.

Als sie 1853 gebaut wurde, war Notting Hill noch ganz ländlich – was sich innerhalb weniger Jahre änderte. Immobilienentwickler bauten ganze Straßenzüge eleganter Reihenhäuser, mit denen sie die reichen Londoner anlocken wollten. Nach einer kurzen Phase des Booms ging es mit dem Viertel im Westen von London allmählich wieder bergab – bis es Mitte der 1980er Jahre plötzlich schick wurde.

Mit den Beiträgen der kaum mehr als 20 Gemeindemitglieder hätte die Kirche nie modernisiert werden können. Und so ging man einen Pakt mit der Manhattan Loft Company ein. Die finanzierte die gesamte Renovierung nach den Vorstellungen der Kirche, setzte ins und aufs Dach zehn teure Eigentumswohnungen sowie die beiden Kirchtürme, die nach dem Krieg verschwunden waren. An der Seite wurden zwei edle Boutiquen untergebracht, deren Mietzahlungen den laufenden Gemeindebetrieb zu einem nicht unerheblichen Teil finanzieren.

Die nicht nur ästhetisch gelungene Symbiose der Extreme, von Arm und Reich, von weltlichen und geistlichen Interessen, ein öffentlicher Ort der Begegnung mitten in Notting Hill: Das ist in der Tat ein Wunder. Auch wenn es nicht vom Himmel fiel, mit viel Arbeit und Debatten verbunden war.

An zwei der drei Ecken gegenüber der Kirche liegen Maklerbüros, da wird ein Zweizimmer-Souterrain-Apartment für 399 000 Pfund (483 000 Euro) angeboten, eine Vierzimmerwohnung mit Dachterrasse kostet 2,25 Millionen Pfund (2 839 224 Euro). An der dritten Ecke ist ein Schuhladen, in dem war Madonna auch schon shoppen. Westbourne Grove ist eine der angesagtesten Straßen der Stadt – selbst Oxfam, der wohltätige Second Hand-Laden, sieht hier aus wie eine Luxusboutique. „Es ist eine der unwiderstehlichsten Einkaufsstraßen von ganz London“, schreibt Rachel Johnson (die Schwester von Londons Bürgermeister Boris Johnson) in ihrem satirischen Roman „Notting Hell“. Neulich, erklärt eine der NHMs (Notting Hill Mummies) im Buch, sei sie losgezogen, einen Kohlkopf zu kaufen, um dann mit einem flauschigen Kostümchen zurückzukommen, das sie ein Monatsgehalt gekostet hatte.

Früher sind Londoner nach Notting Hill gereist, um auf der Portobello Road Obst und Gemüse zu kaufen. Ein täglicher Markt, das war was Besonderes in der großen Stadt. Heute klagen die Händler in der Portobello Road über steigende Standmieten und die Konkurrenz der Supermärkte, die sich in letzter Zeit hier angesiedelt haben. Irgendwann wird man hier Kohl nur noch in Bio-Sushi gepackt bekommen. Auf einem zehnminütigen Spaziergang hat ein Reporter des Stadtmagazins „Time Out“ drei Starbucks, etliche Szene-Restaurants – und 19 Makler gezählt. Und die lassen sich nicht in Büros, sondern in Ladenlokalen nieder. Wieder ein Zeitungsladen weg. Einen Brief aufzugeben, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Trotz heftigster Proteste wurde vor drei Jahren das Postamt in Westbourne Grove geschlossen, das einzige weit und breit.

An diesem Wochenende wird es voll werden in der Straße. Obwohl alle Geschäfte, auch die Kirche, geschlossen sind, einige sich sogar verbarrikadieren. Sehr voll. Denn wie jedes Jahr Ende August tobt dann der Notting Hill Carnival durch Westbourne Grove. Am Samstag treten die Steel Bands auf, am Sonntag ist Kinderkarneval, am Montag, einem Feiertag, die große Parade. Anderthalb Millionen Menschen werden erwartet zu dem wohl größten Straßenfest Europas.

Entschieden zu viele für so ein kleines Viertel, fand Londons Ex-Bürgermeister Ken Livingstone – und wollte das explosive Festival, bei dem es auch immer mal zu Gewalttaten, gar Todesfällen kommt, vor ein paar Jahren in den nahe gelegenen Hyde Park verlegen. Mit dem Vorschlag stieß er auf heftigen Widerstand. Schließlich findet der karibische Karneval nicht zufällig seit 1966 in Notting Hill statt.

Hier wohnten einmal besonders viele Einwanderer aus Westindien, die nach dem Krieg in Scharen nach Großbritannien zogen, wo sie nicht unbedingt willkommen waren. In Notting Hill aber gab es Vermieter, die die heruntergekommenen Häuser billig aufkauften, in winzige Wohnungen aufteilten, meist ohne Bad, nur mit Außenklo, und in die sie, zu Wucherpreisen, die Leute stopften, an die sonst niemand vermieten wollte: Prostituierte, Dealer, Schwarze. „Das Londoner Napoli“ nennt Colin Macinnes den Stadtteil von damals in seinem Roman „Absolute Beginners“: mit „Häuserfassaden, um die sich kein Aas kümmert, so dass sie nie angestrichen werden, dazu wie Schnee die Splitter zerschlagener Milchflaschen auf aufgerissenem Pflaster und überall Wagen, die auf den Straßen parken und aussehen, als seien sie gestohlen oder einfach stehengelassen worden, und komisch viele Pissoirs…“

Der berüchtigtste unter den Miethaien hieß Peter Rachman, der schließlich auch Weiße der Unterschicht aus ihren mietgeschützten Wohnungen vertrieb und noch mehr Westinder zu unverschämten Preisen reinquetschte. „Rachmanism“ nannte man solche Methoden bald. Das führte schließlich, vor genau 50 Jahren, zum Clash der Kulturen und zum „heftigsten Ausbruch von Gewalt, den London im 20. Jahrhundert erlebte“, so der London-Experte Ed Glinert. Aufgepeitscht vom Faschistenführer Oswald Mosley (Vater des durch seine Sexspiele kürzlich in die Schlagzeilen gekommenen Formel-1-Chefs Max Mosley) und seinen Anhängern, zogen junge Männer im August 1958 in Scharen durch die Straßen: „nigger hunting“. Mit Flaschen und Eisenstangen gingen sie auf Häuser und Menschen los. Dass niemand ums Leben kam, war pures Glück.

Der Karneval war ein Versuch, dem Rassismus eine stolze Demonstration karibischer Kultur entgegenzusetzen, ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. Und eine Zeit lang war Notting Hill tatsächlich ein multikultureller Ort, wo – davon lebt die Legende Notting Hill – Studenten, Hippies, Künstler und Linke, kurzum die Bohème zu Hause war. Hier hatte David Hockney sein Atelier, hier spielte Pink Floyd im Gemeindesaal, hier starb Jimi Hendrix, hier wurden Teile von „Blow Up“ gefilmt, eine legendäre Freie Schule gegründet.

Auch Richard Curtis lebte hier, der Drehbuchautor von „Notting Hill“. „Ich wohne in Notting Hill – und Du in Beverly Hills“, erklärt Hugh Grant als kleiner Buchhändler Julia Roberts die Unmöglichkeit ihrer Liebe. Ein Satz, über den die Londoner schon damals nur lachten – und der seitdem endgültig zum Witz geworden ist. Als der Film 1999 herauskam, waren die Preise längst explodiert, Notting Hill hip, das Künstlerlokal „Pharmacy“ der Hot Spot der Stadt. Der Film gab dem Viertel den Rest. Heute wird kaum noch über schöne Literatur geredet, nur noch über Immobilienpreise.

Heute sind hier nicht mehr Linke und Alternative zu Hause, sondern Werbeleute, Modedesigner, Banker, mit der Steigerung „amerikanische Banker“ (deren Arbeitgeber wohl jede Miete zahlen). Und die Konservativen. „The Notting Hill Set“ wurde die Gruppe junger Tories um deren heutigen Chef David Cameron getauft, die vor ein paar Jahren die Macht in der Partei übernahmen.

Erst die Armen, dann die Künstler und schließlich die Reichen: Klassischer, ja, langweiliger könnte der Prozess der Gentrification kaum verlaufen. Und doch ist etwas anders in Notting Hill. Das Viertel ist weniger ein reines Ghetto als eine Art Patchworkdecke. Zwischen den renovierten und wieder zu Einfamilienhäusern umgebauten alten Gebäuden liegen lauter Sozialwohnungsblöcke der Nachkriegszeit. Und die werden nicht verschwinden, denn jeder Zentimeter bezahlbarer Wohnraum ist in London eine große Kostbarkeit. So kann es passieren, dass jemand drei, vier Millionen Pfund für ein schmales Reihenhäuschen ausgibt – mit Blick auf sozialen Wohnungsbau.

Überhaupt müssen die feinen „Notting Hillbillies“ einiges aushalten. Wer aus der U-Bahnstation Notting Hill Gate rauskommt, einer der schäbigsten Ecken der Gegend, scheint ein anderes Zeitalter zu betreten: Als wäre die Flower Power Zeit nie verblüht. Ein Second Hand Plattenladen nach dem anderen, Hippie-Kleider schaukeln im Wind, die Häuser der Portobello Road tragen Bonbonfarben. Jeden Samstag schieben sich hier sämtliche Touristen der Stadt über den Trödelmarkt. Die Jungen sind froh, in einer Stadt, in der eigentlich alles unerschwinglich ist, endlich was kaufen zu können, zwischen Briefmarken, Pelzjacken und silbernen Zuckerzangen eine Sonnenbrille für fünf, ein Sommerkleidchen für zehn Pfund zu entdecken. Wenn sie bis zum Ende der langen Straße laufen, stehen sie vor den Hochhäusern der Armen.

Das Erstaunliche an dem Nebeneinander der Extreme ist, dass es offenbar nicht zum Ausbruch von Hass kommt, zu Übergriffen wie einst in Kreuzberg, wo feine Restaurants mit Stinkbomben beworfen wurden. Die Kriminalität scheint sich sehr in Grenzen zu halten: Als dem Chef der Konservativen, David Cameron, vor ein paar Wochen das Fahrrad vor dem Supermarkt in der Portobello Road geklaut wurde, füllte das tagelang die Seiten der überregionalen Zeitungen.

So blöd wäre Christian Rutherford auch nie: sein Rad auf der Straße abzustellen. Er parkt seins im Hinterzimmer der kleinen Buchhandlung, deren Manager er ist. Nicht irgendeiner, sondern der Buchhandlung, dem Travel Bookshop, der das Vorbild zu Hugh Grants Arbeitsplatz in „Notting Hill“ war. Seit seiner Gründung 1979 scheint der Laden sich wenig verändert zu haben.

Der Markt, der Film, der Karneval: Das sind die drei Gründe, warum die ganze Welt Notting Hill kennt. Einen Einheimischen wie Rutherford interessieren die drei nicht, auch wenn das Geschäft davon profitiert. Früher, als er noch in Notting Hill lebte (was der 36-Jährige sich heute ebenso wenig leisten kann wie Pfarrer Thackeray mit seiner Familie), hat er am Karnevalswochenende immer die Flucht ergriffen. Wie die meisten Anwohner hier. „Das ist ein Albtraum.“

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