Zeitung Heute : Die Lehre von Sarajevo

MARKO MARTIN

Dzevad Karahasan, SchriftstellerMARKO MARTIN"Wenn die Welt zersplittert, hat man kein Recht mehr, einfache Geschichten zu erzählen." Die Welt ist in diesem Fall die belagerte Stadt Sarajevo, und die Geschichte, die nun zwangsläufig eine mehrdeutige sein wird, der 400-Seiten-Roman "Schahrijârs Ring".Ursprünglich hatte sein Autor, der 1953 gegeborene Dzevad Karahasan, lediglich die Absicht, eine Liebesgeschichte aus dem alten Mesapotamien zu erzählen, die mit einer Kriminalstory aus dem mittelalterlichen Istanbul verbunden werden sollte.Bis das Mittelalter in Gestalt serbischer Freischärler im Jahre 1992 bis in die multikulturelle Metropole Sarajevo vordrang und Karahasan, bis dato Professor für Dramenkunde an der dortigen Universität, seine Heimat in Richtung Deutschland verlassen mußte.Und so kam es, daß der Roman, der jetzt in deutscher Übersetzung bei Rowohlt Berlin erschienen ist, noch eine dritte Erzählebene erhielt, die nun mit der anrührenden Liebesgeschichte zwischen Azra und Faruk bis in die jüngste Gegenwart hineinreicht."Was das Wichtigste ist, ich habe erfahren, daß der Brunnen unterhalb Bistriks noch Wasser führt; von nun an werde ich tagsüber meine Kräfte schonen, damit ich abends Wasser holen kann", schreibt die in Sarajevo verbliebene Azra an ihren fernen Geliebten; archaische Realität im Mitteleuropa des ausgehenden 20.Jahrhunderts. Inzwischen lebt Karahasan wieder daheim, und wenn man ihn fragt, ob denn nach all den Kriegsgreueln ein Neuanfang überhaupt noch möglich sei, dann fährt sein Zeigefinger in die Luft, dann zittert der buschige Schnurrbart vor Empörung."Und ob, mein junger Freund! Kultur ist per definitionem Kontinuität, und wer von einer Stunde Null faselt, der ist entweder ein Barbar oder schlicht ein Schurke, der nur zuerst am Platz sein will, um die anderen zu verdrängen." Karahasan, der das Jahr 1995 als DAAD-Stipendiat in Berlin verbrachte, hat gelernt, den wohlfeilen Erklärungsmustern zu mißtrauen: "Nehmen Sie nur die Ignoranz der westeuropäischen Regierungen - in atemberaubender Schnelligkeit haben diese Burschen damals die rassistische Definition der serbischen Faschisten übernommen und sprachen plötzlich von den sogenannten drei ethnischen Gruppen in Bosnien, ganz so, als ob es plötzlich keine bosnischen Bürger mehr gäbe.Verstehen Sie, Bürger!" Dzevad Karahasan zieht eine bittere Grimasse und hebt die Stimme, so daß einige Gaste im Bahnhofs-Café am Zoo verwundert herüberschauen.Glückliches Land, wo man nicht erst darauf insistieren muß, ein Bürger sein zu dürfen. In seinem 1994 erschienenen "Tagebuch der Aussiedlung" sowie in Essays für "Lettre" und "Kommune" hatte der bosnische Autor mit hochfahrenden Balkan-"Experten" wie Enzensberger oder Peter Glotz bereits polemisch abgerechnet, aber der Zorn, in seiner Identität als Citoyen einfach nicht wahrgenommen zu werden, ist noch immer vorhanden."Vor einiger Zeit hatte man mich zu einer Veranstaltung der Friedensbewegung in die Nähe von Hannover eingeladen.Da meldete sich plötzlich ein Mann, der forderte, daß man endlich zwischen den Volksgruppen vermitteln müsse.Na prima, habe ich gesagt, fangen Sie bei mir an: Ich bin Muslim, meine Frau ist Serbin, mein Trauzeuge und bester Freund ist Franziskaner, aber allesamt sind wir Balkan-Wilde, die der Vermittlung durch die deutsche Friedensbewegung bedürfen." Zur Zeit inszeniert Karahasan - zusammen mit Manfred Weber, dem Intendanten des Kleist-Theaters Frankfurt/Oder - im Nationaltheater von Sarajevo Georg Büchners Stück "Leonce und Lena", dem gerade jetzt besondere Bedeutung zukomme."Ich bin ja kein Schwärmer, wenn ich von der Kontinuität der Kultur spreche.Aber ich weiß sehr genau, daß die Leute bei uns reagieren, wenn Büchner Leonce ausrufen läßt, daß gerade ein Esel die Staatsgrenze überquert habe.Wie könnte sich denn dieser furchtbare Wahn von der ethnischen Reinheit deutlicher karikieren lassen?" Dzevad Karahasan liest heute, 20 Uhr, im Berliner Literaturhaus aus seinem Roman "Schahrijârs Ring".

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