Zeitung Heute : Die letzte Bombe?

ALBRECHT MEIER

Wenige Tage, nachdem Terroristen der nordirischen Splittergruppe mit dem verwegenen Namen "Wahre IRA" in der Kleinstadt Omagh eine Autobombe zündeten und 28 Menschen in den Tod rissen, entschuldigten sich die Killer für die Bluttat und verkündeten einen vorläufigen Waffenstillstand.Die unbegreifliche Abfolge von Terrorakt und anschließender Reue scheint auf den ersten Blick ebenso paradox wie das, was sich im Rahmen der "großen Politik" in den vergangenen Tagen auf der irischen Insel abgespielt hat: Das vom Terror heimgesuchte Städtchen Omagh ist für US-Präsident Bill Clinton zur Bühne für eine neuerliche Friedensmission geworden.Die Botschaft, die Clinton mitbrachte und die auch von Nordirlands Politikern einhellig geteilt wird, ist so einfach wie gewagt: Der Terrorakt von Omagh, der verheerendste Anschlag in den 30 Jahren des Bürgerkrieges, muß auch der letzte sein.

Auch wenn niemand ausschließen will, daß sich die in immer neue Grüppchen zerfallende Terrorszene demnächst mit einer weiteren Verzweiflungstat in Erinnerung ruft, verknüpfen sich mit dem Besuch des US-Präsidenten und dem Fahrplan für die unmittelbare politische Entwicklung in Nordirland doch echte Hoffnungen.Anders als während seiner Visite in Moskau konnte Clinton auf der irischen Insel wieder so in Erscheinung treten, wie man es von dem angeblich mächtigsten Mann der Welt im internationalen Geschäft allgemein erwartet: Als Initiator, Vermittler und Versöhner.Monicagate hin, Oral Office her: Selbst die größten Zyniker werden mit Blick auf Clintons persönliches Engagement für Nordirland einräumen müssen, daß seine Visite in der Unruheprovinz mehr darstellte als eine Ablenkung von seinen Schwierigkeiten an der heimischen Medienfront.Schließlich war es Clinton selbst gewesen, der den Sinn-Fein-Präsidenten Gerry Adams 1995 ins Weiße Haus einlud und damit auch das gesamte pro-irische Lager in den aufkeimenden Dialog einbezog.Auch seine Berufung des ehemaligen Senators George Mitchell zum Vermittler zwischen den Konfliktparteien sollte sich als ein Glücksgriff erweisen, wie sich in diesem Frühjahr mit dem Abschluß der Karfreitags-Abkommens herausstellte.Angesichts außenpolitischer Rückschläge auf dem Balkan, der bedrohlichen Konfrontation mit dem islamistischen Terror und der jüngsten Demonstration der Ratlosigkeit im Verhältnis zu Moskau könnte der nordirische Friedensprozeß zum einzigen uneingeschränkten außenpolitischen Erfolg der Clinton-Ära werden.Der Mann im Weißen Haus hat allen Grund, sich auch persönlich um die zarte Pflanze in Belfast zu kümmern.

Dort tritt am 14.September wieder die nordirischen Regionalversammlung zusammen, die aus ihrer Mitte ein Kabinett bestimmen soll.Nach der Bombenexplosion von Omagh und vor diesem entscheidenden Termin gibt es zahlreiche ermutigende Signale.In der nächsten Woche schon, so wird gemunkelt, könnte es zu einem direkten Treffen von Gerry Adams und dessen Erzfeind, dem pro-britischen Unionistenchefs David Trimble, kommen.Martin McGuinness, eine der entscheidenden Figuren auf der pro-irischen Seite, hat Sondierungsgespräche mit dem kanadischen General de Chastelain über die Entwaffnung der IRA begonnen.Schon im Oktober könnte die IRA die ersten Packungen mit Semtex-Sprengstoff abliefern.

Angesichts dieser Hoffnungen will die nun in London und Dublin beschlossene Verschärfung der Anti-Terror-Gesetze allerdings nicht mehr so recht in die Landschaft passen.Nach dem grauenerregenden Anschlag von Omagh mag diese Reaktion der Politik verständlich sein - aber in London und Dublin täte man gut daran, weiter auf Versöhnung zu setzen statt auf drakonische Strafen.

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