Zeitung Heute : Die letzte Stufe

Der Azoren-Gipfel sollte der Diplomatie eine letzte Chance geben. Er sollte klären, wieviel Zeit Saddam Hussein noch bekommt. Und ob überhaupt. Die Koalition der Willigen hat dem Irak nicht den Krieg erklärt. Sie hält sich an das alte Ultimatum zur Abrüstung – und das läuft heute ab.

Matthias B. Krause[New York]

GIPFELTREFFEN AUF DEN AZOREN

Von Matthias B. Krause,

New York

Die Kolumnistin der „New York Times“ hatte eine genaue Vorstellung davon, wie das Gipfeltreffen der drei Staatschefs auf den Azoren ablaufen würde, lange bevor George W. Bush, Tony Blair und Jose Aznar ihre Flugzeuge bestiegen: Die drei Kumpel werden um ein Lagerfeuer herumsitzen und „Kumbaya“ anstimmen, einen Gospelsong, der um den Beistand Gottes bittet. Derweil werden die Truppen am Persischen Golf in Stellung gebracht und Details für eine irakische Interimsregierung beschlossen. Das ganze sei dann der „Triumph der Undiplomatie“.

So ähnlich kam es dann auch. Zwar sah man keine hemdsärmeligen Cowboys am Feuer, als Bush, Blair und Aznar um 19.30 Uhr (MEZ) vor die Journalisten traten. Aber das, was sie sagten, war deutlich: Der Krieg könnte schon heute beginnen. Denn am heutigen Montag läuft das Ultimatum an Saddam Hussein ab, und es wird nicht verlängert. Die Welt müsse dem „Moment der Wahrheit“ ins Auge sehen, sagte Bush.

Schon vor dieser Verkündung glaubte auch in Amerika niemand, dass der amerikanische Präsident auf dem Eiland im Atlantik tatsächlich „die Extra-Meile der Diplomatie“ gehen wollte. Wenn er wirklich versuchen wollte, in letzter Minute eine Mehrheit hinter sich zubringen, wenn er wirklich versuchte, eine diplomatische Lösung zu finden, die auch die Kriegsgegner zufrieden stellt – warum traf er sich dann mit den einzigen Verbündeten, die ihm noch geblieben sind, statt mit jenen, die es zu überzeugen galt? Wenn es um diplomatische Sachfragen gegangen wäre, hätte Bush tun können, was er schon die vergangene Woche über getan hat: zum Telefon greifen.

Wem und wozu diente also dieses Treffen? George W. Bush benötigte es weniger für die Strategie seiner Außenpolitik als mehr für die Innenpolitik. Denn in den USA müssen die Bilder der drei Willigen als Beweis dienen, dass sich Washington nicht in die Isolation manövriert hat. Auch Blair und Aznar brauchten dringend Nachrichten, die die Opposition in der Heimat beschwichtigen könnten.

Im Vorfeld des Gipfeltreffens zählten amerikanische Reporter Tag für Tag, mit wem und wann Bush gerade wieder telefoniert hatte. Unterm Strich war die Bilanz niederschmetternd: Neben den Briten und den Spaniern waren nur die Bulgaren bereit, im Weltsicherheitsrat für eine Resolution zu stimmen, weswegen vermutet wurde, dass es gar nicht erst eine geben werde.

Schon während des Hinflugs hatten spanische Regierungsbeamte verlauten lassen, es werde keine zweite UN-Resolution geben. Offenbar hat das Gespräch mit dem Amerikaner und dem Briten etwas anderes ergeben. Heute „ist der Tag, an dem wir entscheiden, ob die Diplomatie funktioniert oder nicht“, sagte Bush. Und Blair forderte von den UN ein „klares Ultimatum“ für einen Krieg.

Die diplomatische Niederlage hatte sich in der vergangenen Woche in Amerika abgezeichnet. Bush hatte überall vergeblich an Türen geklopft; sein Verteidigungsminister Donald Rumsfeld verärgerte den britischen Partner; sein Außenminister Colin Powell beteuerte, es fehle im Sicherheitsrat nur ein Verbündeter, um auf die erforderlichen neun Stimmen zu kommen. Das wirkte schon hilflos. Das Weiße Haus hatte darauf mit einem Stufenplan reagiert. Zunächst rückte Bush von seiner Ankündigung ab, man werde im UN-Sicherheitsrat auf jeden Fall eine Abstimmung erzwingen. Stattdessen gab das Weiße Haus die neue Sprachregelung aus, Bush brauche von niemandem eine Erlaubnis, um seine Truppen in Marsch zu setzen. Und dann zog der Präsident den Plan für den Nahen Osten aus der Schublade, der dort fest verschlossen bleiben sollte, bis die palästinensischen Selbstmordattentate aufgehört haben und ein Politiker nach Washingtons Geschmack Jassir Arafat beerbt.

Doch der Versuch, den Verdacht auszuräumen, den Amerikanern gehe es im Irak eigentlich nur um die Entmachtung Saddam Husseins und die Kontrolle über das Öl, lief ins Leere. Zu oft schon hat die Bush-Administration kurzfristig ihre öffentlich verkündeten Ziele geändert: Entwaffnung, Regimewechsel, Neustrukturierung des Mittleren Ostens? Im Namen der Menschenrechte oder des Kampfes gegen den Terrorismus?

275000 amerikanische und britische Soldaten sind bereits am Persischen Golf zusammengezogen worden . Jede Stunde der Untätigkeit kostet die USA viele Millionen Dollar. Nur wenige Stunden kamen die drei Staatsmänner zusammen, über das weitere werden sie sich telefonisch verständigen. Oder schon verständigt haben: auf dem Rückflug. Der irakische Diktator Saddam Hussein hat jetzt die Wahl: Exil oder Krieg, das wurde auf den Azoren bestimmt. Was das bedeutet, liegt auf der Hand.

Und jetzt wartet die Welt auf den „Moment der Wahrheit“.

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