Zeitung Heute : Die letzte Warteschleife

SIMONE MAHRENHOLZ

Life according to Melrose Place: "The 92 Minutes of Mr.Baum"VON SIMONE MAHRENHOLZJedem von uns ist wohl klar, daß er sein Leben erst dann richtig zu führen weiß, wenn es zu spät ist.Erst wenn er fällt, der berühmte Satz "Sie haben nur noch ...Monate zu leben", kommt die Klarsicht.Mr.Baum allerdings (Assi Dayan), Sonnenbrillenimporteur, hat von den Segnungen eines angekündigten Todes nicht mehr viel: Sein Arzt prognostiziert ihm exakt noch 92 Minuten.Nach erster Auflehnung beschließt Baum, seine Angelegenheiten zu ordnen. Diese Versuche eines Abschieds werden zur kritisch enthemmten Parodie auf den modernen Alltag im heutigen Israel.Baums Gattin arbeitet als Fernsehredakteurin, prompt zerinnen seine kostbare Minuten am Autotelefon in der Warteschleife bei synthetischem Mozart.Mozart in Sinustönen - das ist das 20.Jahrhundert.Dann die phantasierte Geliebte: Wird Baum sich der blutjungen Supermarkt-Kassiererin endlich nähern? Was immer er tut, Regisseur und Hauptdarsteller Dayan skizziert es mit strategisch begründeter, optimierter Geschmacklosigkeit.Der Quickie im Supermarkt vor laufender Überwachungskamera, der Blow-Job auf dem Highway, die überkandidelten militärischen Übungen in der Wüste, die gnadenlosen Lügen der Werbung und die vollendete Verblödung der Jugend in Gestalt von Baums Pizza-, Sex- und "Melrose-Place" süchtiger Tochter - sie sind nur einige der Absurditäten in diesem filmischen Gruselkabinett.Nebenher natürlich Baums Phantasien: seine Frau, Kinder, Geliebten, Kollegen schluchzend am Sarg - sich geißelnd da sie Baum nicht zu Lebzeiten... Leider erkennt man in dieser nur mäßig witzigen, tendenziell unter "Easy Humor" firmierenden Phantasie den Regisseur der weit brillianteren Gesellschaftsstudie "Life According to AGFA" von 1993 nicht wieder.Jener Film war hinter seiner Komik bitter ernst - dieser ist sowohl galliger als auch flacher.Auch geht die Konstruktion nicht völlig auf: Mal wird der Film aus der Retro-Perspektive einer Ausstellungs-Dokumentation über den Toten gezeigt, mal aus der Perspektive von dessen eigenen Phantasien.Die dabei abfallende Karikatur des Ausstellungs- und Dokumentationswesens zündet nicht recht.Der Film funktioniert als greller, todtrauriger Rundumschlag, der alles, und damit nichts richtig trifft. Heute 19 Uhr (Royal), morgen 13 Uhr (Atelier), 22.Februar (International)

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