Zeitung Heute : Die letzten Zeugen

Ein Anruf aus Lhasa: „Können wir reden?“ Der Mann ist aufgeregt, er verhaspelt sich. Es ist der Moment, in dem Chinas berüchtigte Sicherheitspolizei die Altstadt durchkämmt

Harald Maass

Die Email aus Lhasa ist nur wenige Sätze lang. „Die Situation ist schrecklich. Überall gibt es Tote, überall wird gekämpft. Wir haben Informationen, dass am Dienstag die Sicherheitskräfte zuschlagen werden.“ Der Absender ist ein tibetischer Bekannter in Lhasa, Tsering soll er für diese Geschichte heißen. Sein wirklicher Name darf hier nicht stehen. Wer als Tibeter in diesen Tagen mit ausländischen Journalisten spricht, riskiert alles. Solchen Informanten wird in China regelmäßig wegen „Geheimnisverrats“ der Prozess gemacht. Tsering schreibt auch: „Wir müssen telefonieren.“

Seit dem Wochenende gleichen der Platz vor dem Jokhang-Tempel, seit 1300 Jahren das religiöse und kulturelle Zentrum Tibets, und die angrenzenden Straßen einem Schlachtfeld. Normalerweise ziehen jeden Tag Tausende buddhistische Pilger in Gebete versunken um das Heiligtum. Die Luft riecht dann nach Weihrauch und ranziger Yak-Butter. Aber in den vergangenen Tagen kam es hier in der Altstadt von Lhasa zu blutigen Unruhen. Mehr als 300 Geschäfte gingen in Flammen auf. Auf einem Foto sieht man ein brennendes Polizeiauto vor dem Eingang zum Tempel. Bilder im chinesischen Staatsfernsehen zeigen dicke Rauchschwaden.

Am Montag ist die Gegend um den Jokhang gespenstisch leer, bewacht nur von Militärpolizei. Die meisten Menschen in Lhasa sind zu ängstlich, um auf die Straße zu gehen. In vielen Familien werden die Essensvorräte knapp. Am Freitag, auf dem Höhepunkt der Unruhen, als Häuser brannten und aufgebrachte Tibeter chinesische Polizisten und Händler durch die Straßen trieben, erließen die chinesischen Behörden die „Mitteilung Nummer 1“ – ein Ultimatum für die Aufständischen: Wer sich bis Montag um Mitternacht den Sicherheitskräften stelle, dürfe mit einer „leichten Strafe“ rechnen.

Tsering meldet sich per Telefon. „Können wir reden? Ist es sicher, wenn wir reden?“ Er klingt atemlos, er verhaspelt sich. Er berichtet von den Ausschreitungen der vergangenen Tage. „Viele Demonstranten sind sehr jung, das sind Studenten und Schüler.“ Er erzählt von Toten und Verstümmelten. Und: „Die Behörden weisen alle Ausländer aus der Stadt aus, auch die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen.“ Viele meinen, sobald keine ausländischen Zeugen mehr in Lhasa sind, holt China zum großen Schlag aus.

Einen Moment ist die Leitung still, es ist eine zerbrechliche Verbindung in ein abgeschottetes Land. In diesen Minuten durchsuchen die „Wujing“, Chinas berüchtigte paramilitärische Sicherheitspolizisten, die Altstadt von Lhasa. Vieles deutet darauf hin, dass der Gegenschlag vorbereitet wird. Die chinesischen Medien rufen zu einem „Volkskrieg gegen den Separatismus“ in Tibet auf. „Wir sollten sofortige und entschlossene Maßnahmen ergreifen, um den feindlichen Amoklauf zu stoppen“, titelt die wichtigste von China kontrollierte Zeitung in Tibet, die „Xizang Ribao“. Die Frage, welche Ursachen der plötzliche Gewaltausbruch der Tibeter gehabt haben könnte, wird gar nicht erst gestellt. Um die Öffentlichkeit hinter die Führung zu scharen, sind die Zeitungen voll mit Berichten über die Gräueltaten von Tibetern. Augenzeugen werden mit „Ich habe niemals zuvor eine solche Brutalität gesehen“ oder „Diese Leute sind verrückt“ zitiert, was die unter Chinesen weit verbreiteten Stereotypen nur stärkt, nach denen die Tibeter „wild“ und „unzivilisiert“ sind.

Tsering sagt, er befürchte Massenverhaftungen. Möglicherweise ein Massaker durch das Militär. Rache der chinesischen Staatsmacht für den Gesichtsverlust, den die Tibeter den KP-Mächtigen zugefügt haben. Weltweit ist nun eine Debatte darüber im Gang, ob die Olympischen Spiele in Peking boykottiert werden sollen. Noch sind es einige Stunden bis Mitternacht.

Lhasa, eine Stadt, die so anders ist als die Metropolen im chinesischen Hinterland. In der Altstadt östlich des Potala-Palastes, in dem einst der Dalai Lama residiert hat, sind die Häuser noch niedrig, gebaut im traditionellen Stil: dicke Steinmauern und Holzdächer. Es gibt wenig Autoverkehr. Mönche und Nonnen in roten Roben, Gemüsehändler und Nomaden in tibetischer Tracht bestimmen das Stadtbild. Es ist diese Ruhe im Schatten des Himalajas, die die Reisenden magisch anzieht, Rucksackreisende und Abenteurer, die hier Yak-Burger essen. Das ist das eine Gesicht Tibets.

Das andere Gesicht des seit einem halben Jahrhundert von China besetzten Hochlandes sieht so aus: Tibetische Lehrer erzählen vom Aussterben der tibetischen Sprache, weil auf den Schulen Chinesisch unterrichtet wird. Mönche berichten von Umerziehungskampagnen, Gefängnisstrafen und Misshandlungen. Die Geschäftsleute beklagen, dass chinesische Händler sie verdrängen. Für die Chinesen sind wir nur Menschen zweiter Klasse, sagen die Tibeter.

Es musste irgendwann zu einer gewaltsamen Entladung der Unzufriedenheit kommen. Die Unruhen begannen am Montag vergangener Woche, am Jahrestag der Niederschlagung des Volksaufstandes von 1959. In Klöstern am Stadtrand versammelten sich Mönche zu einem friedlichen Protestzug, um gegen Umerziehungsmaßnahmen zu protestieren, bei denen Mönche dem Dalai Lama abschwören müssen. Die Proteste sprangen rasch auf andere Klöster über, und als die Sicherheitskräfte Mönche festnahmen, wurde der Ruf nach ihrer Freilassung lauter. Plötzlich flatterte überall die verbotene tibetische Fahne.

Bis zum Freitag hatten sich die Demonstrationen zu einem gewalttätigen Massenprotest ausgeweitet. Die politischen Ziele wurden von ethnischem Hass überdeckt. Tibeter machten offen Jagd auf Han-Chinesen und Hui-Muslime, zerstörten Moscheen und Geschäfte. Am Anfang hielten sich die Polizisten noch zurück. Ab Samstag aber tauschten sie ihre Schlagstöcke gegen Gewehre, und Schüsse hallten durch die Straßen.

Wie viele Menschen bei diesen Unruhen ums Leben gekommen sind, wird die Welt vermutlich nie erfahren. Menschenrechtsorganisationen und Exilgruppen sprachen am Wochenende von mindestens 80 Toten, am Montag hieß es, es seien 100 oder mehrere Hundert. Und es werden vermutlich schnell mehr. So schnell, wie sich die Proteste ausbreiten. Auch in anderen chinesischen Provinzen mit tibetischen Minderheiten gingen die Menschen am Montag auf die Straße.

Aus Tibet selbst gibt es mit jedem Tag weniger verlässliche Informationen. Internetverbindungen wurden gekappt, ebenso viele Telefonverbindungen. Die chinesische Regierung hat Lhasa zu einer Stadt ohne Zeugen gemacht.

Bald Mitternacht. Tsering meldet sich noch einmal am Telefon. „Das Schlimme ist der Hass, den ich in den Augen gesehen habe“, sagt er. „Die Tibeter sind durch die Unterdrückung so verzweifelt, dass sie nur noch Hass spüren.“ Er hofft auf einen Dialog zwischen dem Dalai Lama und der chinesischen Regierung über mehr Autonomie. Aber er glaubt nicht recht daran. „Die Proteste sind vorbei, jetzt kommt die Rache.“ In einer Stunde läuft Pekings Ultimatum aus.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben