Zeitung Heute : Die Liebe des Asketen

Tische zum Falten, Regale zum Spannen, Küchen zum Aufhängen: Nils Holger Moormann wird als Möbelerfinder gefeiert. Doch statt zu expandieren, radelt er im Liegen um die Welt.

Susanne Kippenberger

Sieht so ein Designer aus? Die Jacke rechtsgestrickt, an den Füßen Bergschuhe. Das Zuhause chaotisch-marode, die Wände von Künstlerfreunden vollgemalt, die Fenster so undicht, dass man nicht mehr lüften muss. Und einmal im Jahr entflieht der Chef der Firma, macht fünf Wochen Ferien am Stück: mit Liegerad und Zelt, ohne Handy und Internet. So ist Nils Holger Moormann um die halbe Welt gereist, von Patagonien bis Vietnam. „Eine kathartische Übung.“

Seine Firma – Moormann Möbel Produktions- und Handelsgesellschaft –, die er vor 25 Jahren gegründet hat, sitzt in Aschau, im tiefsten Bayern. In ehemaligen Pferdeställen. Die Adresse: Festhalle. Zum nächsten Flughafen sind es zwei Stunden. Da fährt der 54-Jährige lieber gleich mit dem Auto zu den Kunden, „dahin, wo man das Gras wachsen hört“ – sein eigener Vertreter ist Nils Holger Moormann nämlich inzwischen auch. Dabei empfindet er Termine als Dornen im Leben: Er hasst es, festgelegt zu sein. Seinen Renault Espace hat er für diese Reisen zum Mini-Wohnmobil umgebaut, darin kann er sogar duschen, zwar nur im Sitzen und kalt, „aber als Asket macht mir das nichts“. Nudeln kochen kann er im Auto auch, „das brauch ich“. Nach den vielen Gesprächen beruhigt das Kochen ihn.

„Cool“ ist das Wort, mit dem man Designer gerne beschreibt. Moormann nennt sich dünnhäutig und emotional. Als ihn der Künstler und Designer Florian Borkenhagen unlängst auf den Hocker aus dem Gartenhaus Goethes aufmerksam machte, hat der „ihn sofort ins Herz getroffen“. Ein Sitz, der die Idee des Sitzens umdreht: Man hockt rittlings drauf, „wie auf einem Reitesel“. Jetzt hat Moormann ihn neu aufgelegt, so hoch, dass er ans Stehpult passt, an dem der 1,91 Meter große Mann arbeitet. Im Stehen tut der kaputte Rücken nicht so weh, „und man ist agiler. Ich bin ein Bewegungstier.“

Er ist, das sagt er selber, verrückt. Moormann macht alles anders und das mit Erfolg. Nicht nur seine Möbel, die so originell wie praktisch, so minimalistisch wie, ja: gemütlich sind, auch seine Kataloge werden mit Designpreisen überschüttet; selbst die schärfsten Kritiker geraten ins Jubeln und Schwärmen.

Er selber redet auch über seine Krisen mit großer Offenheit. Über das wirtschaftliche Tief im Jahr 2003, das Ergebnis, so glaubt er, nicht nur von der Konsumflaute nach dem 11. September, sondern auch von Führungsschwäche und personellen Fehlentscheidungen. Oder sein Kampf gegen Ikea: Die schwedische Firma hatte er verklagt, weil sie die Schreibtischböcke „Taurus“ einfach abgekupfert und für 50 Euro verkaufte – das Original kostet fast zehn Mal so viel. Mehrere Jahre hat sich der Urheberrechtskampf hingezogen, auch wenn ihm der Bundesgerichtshof Recht gegeben hat, er würde diesen Nervenkrieg nicht noch einmal durchmachen wollen. Hätte er verloren, wäre auch der Betrieb weg gewesen.

Und jetzt: die schlimmste Tragödie. Im Dezember, auf ihrer Radreise durch Kenia, ist seine Lebensgefährtin tödlich verunglückt. Die Landschaftsarchitektin hat auch im Betrieb gearbeitet – „sie war die Seele des Hauses“.

Nils Holger Moormann ist kein Designer. Er ist Möbelerfinder und Möbelverleger, abgebrochener Jurastudent und seit neuestem Herbergsvater, vielleicht sitzt er demnächst auch im Gemeinderat und wettert gegen „die Pommes-und-Schnitzel-Architektur“ auf dem Land, so wie er in der Möbelbranche das „Crème-fraîche-Design“ bekämpft: „Da macht man sich’s als Designer zu leicht, wie beim Kochen – wenn man noch was Crème fraîche reintut, dann schmeckt’s immer.“ Gute Gestaltung aber, findet er, sollte gerade nicht fett sein, „die nimmt sich zurück“. Moormann-Möbel haben immer eine besondere Leichtigkeit.

„Ich bin ein bisschen weltverbesserisch unterwegs“, bekennt der Unternehmer. Deswegen lässt er die Möbel seiner Firma auch von Handwerkern in der Region produzieren statt in asiatischen Billigländern und gibt jungen Designern die Chance, zwischen Stars wie Axel Kufus und Konstantin Grcic aufzutreten.

Als Quereinsteiger ein Querdenker, ist der Schwabe immer für eine Überraschung gut. Gerade auf den Möbelmessen. Im vergangenen Jahr in Köln ist Moormann mit seinem Gartenhaus „Walden“ vor den Kunstverein gezogen – eine Laube, flach wie eine Streichholzschachtel, die wie in einem Setzkasten alles enthält, was man sich von einem Gartenmöbel nur wünschen kann, von der Feuerstelle über den Gießkannenverschlag bis zum Blick in den Sternenhimmel. „Walden“ war mit 39 500 Euro so teuer, dass es nie in Serie gegangen ist, aber der PR-Effekt war gewaltig. In Mailand hat er 2007 seinen Bookinisten aufgestellt: ein Sessel wie eine Schubkarre, nach eigenen Bedürfnissen erfunden, mit integrierter Arbeitsplatte, Leuchte, Regal, einem Fach für Schreibutensilien.

Moormann ist leidenschaftlicher Leser, was die Vielzahl von Leselampen und -möbeln in seinem Programm erklärt, liebt vor allem Bücher über Geschichte und zeitgenössische Literatur. Gerade hat er H.G. Sebald entdeckt, „kennen Sie den, der ist der Hammer, der Hammer!“

Auch wenn jedes Gramm bei den Rad-Reisen zählt: eine Tasche Lesestoff ist immer dabei. Seinen Fernseher hat er schon vor Jahren abgeschafft – weil er das Glotzen so exzessiv wie alles andere tat und den Konsum nicht kontrollieren konnte.

Zur diesjährigen Möbelmesse, die morgen in Köln eröffnet wird, kommt Moormann als Ehrengast. Eine Woche lang darf er sich im Museum für Angewandte Kunst präsentieren: „Heute Besichtigung kein Verkauf“ heißt die Schau. Dort wird er 42 „Markenmöbel“ zeigen. Wenn die ganze Stadt schon voll mit Möbelstücken ist, präsentiert er seine schönsten Stücke eben als Briefmarken. Aber auf rotem Samt. Auf dem Titelbild des begleitenden Büchleins sind Kühe abgebildet. Das Lesebändchen kommt wie ein Schwanz aus dem Hintern. Das einzige dreidimensionale Teil wird der neue Goethe-Hocker sein: „Johann Wolfgang von“.

Der „Jacques Tati der Möbelbranche“ ist der Stuttgarter genannt worden. Der Name gefällt ihm, Moormann liebt den Filmemacher, seinen leisen, scharfen Witz. Als Regisseur bezeichnet er, der in Bildern denkt, sich selber, nicht nur weil er Messe-, Internet- und Katalogauftritte regelrecht inszeniert. Detailbesessen arbeitet er mit Designern so lange an ihren Entwürfen, bis alles passt. „Ein Entwurf ist wie eine Essenz, aber noch nicht das fertige Gericht. Im Idealfall kocht man das zusammen.“ Ein langer Prozess. „Es klebt Schweiß dran und Liebe zu den Sachen“: Das Brecht-Zitat steht in einem Moormann-Katalog. Am Ende hat jedes Stück seinen besonderen Pfiff. Schuhschränke zum Kippen, Tische zum Falten, Regale zum Spannen, eine Küche zum an die Wand hängen. Beim Schreibtisch „Kant“ von Patrick Frey und Markus Boge ist die Kante so gefaltet, dass man Bücher hineinstellen kann. 5000 verschiedene Artikel hat Moormann im Programm, weil er eher Systeme als Einzelteile verkauft, mit unzähligen Variationsmöglichkeiten und Modulen.

Worauf der erfolgreiche Unternehmer aber besonders stolz ist: dass er sich genau wie Tatis Monsieur Hulot das Kindliche bewahrt hat, die Neugier und das Spielerische, den Humor und Blödsinn, das Staunen und Sichfreuenkönnen. In den letzten Jahren hat er sich neben dem Kochen und Gärtnern auch noch ins Basteln mit Leidenschaft gestürzt.

Vielleicht macht Moormann auch deswegen so rasend viel, weil er so viel nachzuholen hat: 29 Jahre, um genau zu sein. So lange wusste er nämlich nicht, was er an Kreativität in sich hat. Seine Eltern hatten ihn auf ein mathematisch-technisches Gymnasium geschickt, irgendwie hat er sich da durchgequält, ist mit 17 von zu Hause weg, und als er die Schule dann zur eigenen Überraschung endlich geschafft hatte, mit 22 Jahren, dachte er, dass er mit dem Abitur dann doch was machen müsste. Also hat er Jura studiert. Und sich wieder gequält. So lange, bis eine zufällige Tramperbegegnung ihn zum Design führte.

Moormann hat der Versuchung widerstanden, zu wachsen, mit rund 20 Mitarbeitern ist es immer noch ein familiärer Betrieb. Einer anderen Versuchung konnte er nicht widerstehen. Ein gescheitertes Immobilienprojekt (ein altes Haus, das er nicht wie geplant als Lager nutzen durfte, wegen heftigen Widerstands aus dem Dorf) wird jetzt zur Herberge, „berge“ genannt: weil er doch die Berge so liebt, ihretwegen überhaupt hierhergezogen ist. Zusammen mit seinen Mitarbeitern („tolle Leute!“) baut er es um und aus und richtet es ein, „eine Mörderarbeit“, nichts ist von der Stange, die Bettwäsche zum Beispiel, langgekämmte Baumwolle, mit Bändchen verschlossen, kommt von der Schwäbischen Alb, ein Betrieb, der noch nicht mal Computer hat. Wenn er keinen Tisch findet, der ihm passt, eine lange Tafel soll es sein, an dem sich die Kreativen, die er immer wieder zu Aktionen und Wanderungen einlädt, zusammensitzen können, dann entwirft er ihn eben selber: in seinem Bookinisten.

Vielleicht wird das eine oder andere Stück irgendwann in Serie gehen; aber erst mal geht es darum, mit der Herberge einen Ort zu schaffen, an dem sich Leute, die etwas mit Kultur, mit Architektur oder Musik zu tun haben, begegnen können. „Ein Haus der Halbstille“, ohne Fernseher, aber mit Bibliothek. Ein Designhotel soll es nicht sein, manchmal sind der Chef und sein Team schon erschrocken, dass das Ganze zu schön aussieht. Dass es dann doch nicht zu idyllisch wird, dafür sorgt die Lage: „Ganz beschissen. Direkt an der Straße.“

www.moormann.de. Die Ausstellung im Kölner Museum für Angewandte Kunst läuft parallel zur Messe vom 15. bis 20. Januar. In Berlin gibt es Moormann-Möbel u.a. bei Kollwitz 45, Kollwitzstraße 45.

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