Zeitung Heute : Die Lindenstraße

Sie hieß schon immer so. Und wenn Berlin eine Hauptstraße hat, dann ist es Unter den Linden. Der Schriftsteller Günter de Bruyn erklärt, warum die Berliner stolz auf diese Allee sind – und sich hier trotzdem nicht zu Hause fühlen.

Günter de Bruyn

Begonnen hatte die Geschichte der Straße Unter den Linden schon unter den Kurfürsten, aber geprägt wurde sie von den ersten vier preußischen Königen. Vom Schloss ausgehend, wuchs die Allee gemeinsam mit dem Anwachsen des Königreiches, um gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als Preußen seine größte Ausdehnung nach Osten hatte, mit dem Brandenburger Tor ihren Abschluss zu finden. Die baulichen Veränderungen, die ihr das folgende Jahrhundert brachte, betrafen vor allem ihre jüngere, also die westliche Hälfte, nahmen ihr aber weder das Repräsentative noch ihre Vornehmheit. Auch im bürgerlichen Zeitalter und als Promenade der Müßiggänger behielt sie ihren Charakter als Staatsstraße. Sie repräsentierte Preußen, und zwar sowohl das militärische, das sich im Zeughaus in aller Pracht zeigte, als auch das geistig-künstlerische, für das schon früh das Opernhaus stand.

Beide Seiten verkörpern sich auch in dem ersten Gebäude, das in der Straße Unter den Linden errichtet wurde, in dem Haus nämlich, das Johann Gregor Memhardt, der Städte- und Festungsbaumeister des Großen Kurfürsten, für sich selbst gebaut hatte und das deshalb heute den Namen Memhardt-Haus tragen könnte, wäre es nicht später vom Staat erworben und zum Sitz des Berliner Militärbefehlshabers erkoren worden, weshalb es seit 1800 etwa in den Stadtplänen als Kommandantenhaus oder Kommandantur erscheint.

Der Dualismus von Geist und Macht wurde auch noch im 20. Jahrhundert Unter den Linden deutlich: Da wohnte an einem Ende, im Schloss, Wilhelm II., am anderen, am Pariser Platz, ein Berliner Künstler, den der Kaiser vielleicht auch deshalb nicht mochte, weil in seinem Werk die Hohenzollernverherrlichung fehlt und der doch so gut wie der Herrscher zu dieser preußischen Straße gehörte – der Maler Max Liebermann.

Heute hat kein Berliner mehr am Pariser Platz seine Wohnung, und die Straße Unter den Linden schmückt zwar Berlin und bildet sein Zentrum, hebt sich aber von allem Städtischen ab. Nie ist jemand auf den Gedanken gekommen, das Rathaus oder die Parlamente zwischen die Paläste zu setzen. Die Bürger der Stadt fühlen sich in ihr dem Alltag enthoben. Sie sind stolz darauf, eine so weltberühmte Straße zu haben, aber heimisch sind sie in ihr so wenig, wie man es in Kirchen oder Museen ist. Keinem ihrer Besucher können sie eine Besichtigung ihrer Prachtstraße erlassen, fühlen sich aber im Strom der Touristen selbst ein wenig als Gäste, weil sie doch eigentlich in Pankow, im Wedding oder in Dahlem zu Hause sind. Hier sind sie zwar nicht in der Fremde, aber doch außerhalb des Gewohnten.

In ihrem Empfinden liegt die Straße nicht im Verwaltungsbezirk Mitte, sondern außerhalb aller Wohnquartiere und behördlichen Einteilung. In ihr wird der wie ein Kleinstädter an seinen Ortsteil gebundene Großstädter zum Hauptstädter. Sie beschert den Bewohnern der weiträumigen, aus konturlos ineinanderlaufenden Ortschaften bestehenden, von Parks, Seen und Wäldern durchsetzten Gegend, die sich als Berlin bezeichnet, eine gemeinsame Identität. Dass sich der Name der Straße über alle Regimewechsel hinweg unverändert erhalten konnte, ist sicherlich auch der politisch neutralen Baumart zu danken, hat aber wohl auch etwas mit der Macht von Traditionen zu schaffen, die weder die monarchischen und demokratischen noch die auf Umbenennungen besonders versessenen diktatorischen Regierungen zu verletzen wagten – was für die Berliner den großen Vorteil hatte, dass ihre sprachliche Inbesitznahme der Straße konstant bleiben konnte. Seit vielen Generationen nennen sie sie einfach nur „Die Linden“, und neben der Absicht, es sich sprachlich bequem zu machen, schwingen in dieser Kurzform auch andere, nur dem Eingeweihten merkbare Informationen mit.

An die Stelle des feierlichen „Unter den Linden“, das ein wenig an Dorfidylle erinnert, das burschikose „Die Linden“ zu setzen, heißt erstens, den poetischen Namen der eigenen Nüchternheit anzupassen, und zweitens, diskret anzudeuten, dass man, bei aller Verehrung der Kurfürsten, Könige, Kaiser und Präsidenten, sich von dem Glanz, den sie auszustrahlen meinen, nicht so leicht imponieren lässt. Die Respektierung der Regierenden folgt eigenem Willen und vergisst dabei nicht den Respekt vor sich selber, zeigt also auch vor kunstvollstem Herrschaftsgepränge so etwas wie Bürgerstolz. So wie der märkische Uradel gern auf seine fragwürdige Herkunft aus altem slawischem Adel pochte, um den Hohenzollern bedeuten zu können, dass sie erst später als die Quitzows und Bredows zu Märkern geworden waren, so legen auch die Berliner Wert auf die Feststellung, schon immer vor den Regierenden dagewesen zu sein. Besonders stark war dieses Empfinden im 20. Jahrhundert, als nach dem Kaiser in kurzer Folge die Spitzenleute aus Heidelberg, Ostpreußen, Österreich, Sachsen und sogar aus dem Saarland kamen und teilweise auch die Linden zur Schaustellung ihrer Triumphe nutzten. Da fand sich zwar auch immer die obligatorische jubelnde Menge, doch untergründig war auch die Überlegenheit dessen zu spüren, der immer schon da war und nicht, wie der Bejubelte, heute kommt und morgen schon wieder geht.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Unter den Linden“, das in wenigen Tagen im Siedler Verlag erscheint. Der Autor wurde 1926 in Berlin geboren. Zuletzt erschien „Preußens Luise“, ausgezeichnet mit dem deutschen Literatur-Preis 2002.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben