Zeitung Heute : Die lokalen Pioniere kommen wieder ins Spiel

Der Neue Berliner Kunstverein feiert das 25jährige Bestehen seines VideoforumsNoch in den 70er Jahren waren Video-Filme Kultgebilde für Insider.Jetzt sind sie so populär, daß sogar Maler sich dieses Mediums bedienen, um auf der neuen Welle mitzureiten.Seit Kunst-Werke Berlin vor drei Jahren Robert Smithsons auf Video überspielten Film "Spiral Jetty" von 1970 aus dem Archiv hob, das Künstlerhaus Bethanien mit einer Video-Serie großer Namen nachzog und wenig später die Galerie neugerriemschneider mit 43 Clips junger Künstler eine Videothek auf Zeit einrichtete, gehört das Medium auch in Berlin zum Bestandteil des Kunstgeschehens. Höhepunkt bislang war die nun im Art Forum präsentierte Videothek von Katrin Becker und Klara Wallner.Sie genoß Popularität bei denjenigen, die etwa so alt wie die Video-Technik selbst sind, verzichtete jedoch auf qualitative Auswahl.Die Video-Künstler mußten nur jung sein.Becker und Wallner stellten eine Info-Schau zusammen und führten eine Hitliste der meistverlangten Tapes (Gewinnerin: Pipilotti Rist).Nun wird die Schau eine Tournee durch mehrere Städte antreten. Der Erfolg des Mediums bringt auch die lokalen Pioniere wieder ins Spiel.Das Video-Forum des Neuen Berliner Kunst Vereins (NBK) existiert seit 25 Jahren.In Berlin hießen die Vorreiter Wolf Kahlen und Wolf Vostell, die 1972 nicht mit Videos, sondern mit 16-Millimeter-Filmen hantierten.Es folgten Kooperationen mit dem DAAD und Künstlern wie Vito Acconci, Richard Hamilton, Rebecca Horn, Alan Kaprow, Nam June Paik.Denn der NBK stellt Filme nicht nur zum Anschauen zur Verfügung, sondern produziert mit Künstlern kontinuierlich neue.Heute wird das Video-Forum mit knapp 600 Titeln seinem Namen gerecht.Mit einem Ankaufsetat von 12 000 Mark pro Jahr steht das Video-Forum nicht schlecht da.Man müßte aber eine Null dranhängen, um die herausragenden Produktionen erwerben zu können.Die hausinterne Jury einigt sich jährlich auf etwa 15 neue Tapes.Das ist zu wenig, um zentrale Anlaufstelle zu bleiben, zu viel, um in Sachen Video keine Rolle mehr zu spielen.Zwar war das Forum die erste Institution für das neue Medium in der Bundesrepublik und Westberlin, aber jetzt setzt das Medienzentrum in Karlsruhe die Maßstäbe. Vielleicht ist Beschränkung Stärke.Denn eine Springflut neuer Produktionen schwappt in alle Kunsthäuser.Im Gegensatz zu anderen Moden gleicht diese der Rockmusik: Videos werden bleiben.Sie haben wie Musik festgelegte Wahrnehmungszeiten, mit Video-Installationen etwa Bruce Naumans oder Matthew Barneys, die tatsächlich eine neue Form etablierten, jedoch nichts zu tun.Videos sind verfremdet bewegte Bilder.Ihre besten Ergebnisse kommen seltener von Künstlern als von Regisseuren für MTV-Kanäle, die Mini-Opern inszenieren.In diesen wenigen seltsam zerhackten Minuten kommt das Medium zu sich selbst.Der Bestandskatalog des Video-Forums hält einige davon bereit, ist aber mit seinem Archiv vor allem historisch interessant.Deshalb wird man sich entscheiden müssen: Entweder das Erreichte massiv auszubauen oder zu einer Episode der Anfänge des neuen Mediums zu werden. Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128/129; heute 19 Uhr mit Vortrag und Filmen von Wolf Kahlen und Wolf Vostell. 

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