Zeitung Heute : Die Lustigmacher

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Erinnern Sie sich? An die Sommer der Jugend im Freibad? Daran, wie Sie in der großen Pause ausgebüchst sind, um an der Bude um die Ecke für ein paar Pfennige Brause zu kaufen? An den etwas seichten Geschmack von in Zahnputzbechern aufgegossenem Prickelpulver im Schullandheim? An die mit der Zunge aufgeleckte Brause in der hohlen Hand, das ebenso schmerzliche wie angenehme und explosive Kribbeln in der Mundhöhle?

Natürlich erinnern Sie sich. Nur zu gut. Und das wissen natürlich auch die Damen und Herren in den Marketingabteilungen, die jedes Jahr wieder auf der Suche nach Neuerungen und Trends einen Blick in die Schatzkiste der vergangenen Jahrzehnte werfen. Langnese hat den „Braunen Bär“ und das „Dolomiti“ ausgegraben, AfriCola gibt es wieder, Tritop, der knallbunte Fruchtsirup, steht erneut in den Supermarktregalen und auch der Brausehersteller Frigeo macht sich die geschmackliche Suche nach der verlorenen Zeit der Jugend zu Nutze. Natürlich kennen auch Sie den blauen Matrosen mit dem Wimpel, der immer dabei war, wenn irgendwo Brause getrunken, geleckt oder in kleinen Blöcken in den Mund geschoben wurde. Denn der kleine Seemann ist seit Anbeginn der Schutzheilige der Brause, die vor genau 80 Jahren im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt erfunden wurde.

Limonade, echte Limonade, war damals, 1925, etwas, nach dem sich zwar an heißen Tagen alle Kinder den Hals verdrehten, das sich aber nur die Sprösslinge aus wohlhabenden Elternhäusern leisten konnten. Cola war da zwar schon über 30 Jahre erfunden, hatte ihren Weg nach Deutschland aber noch lange nicht gemacht. Eine Marktlücke.

Das wusste auch Theodor Beltle. Der Kaufmann entdeckte bei Experimenten mit Natron und Weinsäure, dass diese beiden Stoffe in Kombination mit Wasser im Handumdrehen Kohlensäure entwickeln. Ein ebenso günstiger, wie praktischer Weg, um – zusätzlich mit Aromastoffen und Zucker versetzt – Instant-Limonade herzustellen. Das „Brauselimonaden-Pulver für alle Bevölkerungsschichten“ war erfunden – und Theodor Beltle gründete zusammen mit seinem Schwager Robert Friedel eine Firma unter dessen Namen. Die Brauseproduktion konnte beginnen.

Noch waren es zwei Tabletten – eine mit Natron, eine mit Weinsäure – in dreieckigen Tütchen, die aufgelöst werden mussten, um aus Wasser Frigeo-Brause mit Orangen- oder Zitronengeschmack zu machen. Und noch wurde die „Friedel-Brause“ mit Zeichnungen alpiner Idylle beworben. Aber bald kam auch der kleine Matrose an Bord: Theodor Beltle legte großen Wert auf ansprechende Werbung und Verpackung und entwickelte eine Gedankenkette vom Wasser zur Schifffahrt und von dort zum „Ahoj“ und gab der Brause so nicht nur ihren Namen, sondern fertigte auch die Entwürfe für den Matrosen selbst an.

Anfang der 30er Jahre, das Geschäft mit der zwei Pfennig teuren Limonade florierte auch dank der wirtschaftlich schwierigen Zeit, wurden die zwei Tabletten vom Brausepulver abgelöst. An dieser Mischung hat sich bis heute kaum etwas verändert. Noch immer besteht Brause aus Zucker, Weinsäure, Natriumhydrogencarbonat, Aroma, Süß- und Farbstoffen und Geschmacksverstärkern.

Auf dem Tütchen stand „Naturprodukt – Gesetzlich geschützt – Vor Nässe zu bewahren“, erinnert sich Oskar Matzerath in der „Blechtrommel“ von Günter Grass, der das giftgrüne Pulver („zum Erbrechen grün“, findet Oskar) endgültig in deutsches Kulturgut verwandelte. Der Blechtrommler ließ es nicht mit Wasser, sondern mit eigener Spucke aufschäumen: in der Hand und im Bauchnabel seiner Freundin Maria, wo das Pulver zischt und braust und ausbricht wie ein Vulkan. „Da spielte sich etwas ab, was Maria noch nicht gesehen und wohl noch nie gefühlt hatte, denn ihre Hand zuckte, zitterte, wollte wegfliegen, weil Waldmeister sie biss, weil Waldmeister durch ihre Haut fand, weil Waldmeister sie aufregte, ihr ein Gefühl gab, ein Gefühl, ein Gefühl…“

Seine größten Erfolge feierte Brausepulver, das es in den ersten Jahren als Tütchen nur in Tante-Emma-Läden und am Kiosk zu kaufen gab, bald nach seiner Erfindung nicht mehr als Limonadenpulver, sondern als direkt in den Mund gekippte Süßigkeit. Der „Missbrauch“ des Getränkepulvers wurde derart populär, dass alsbald Brause-Stäbchen, „Glücks-Brause-Taler“, Brause-Lutscher und Brocken auf den Markt kamen. Doch dem Brausepulver den Rang ablaufen konnten sie nicht. Denn wer erst mal am Pulver geleckt hatte, der wollte oftmals kein feineres Prickeln wie bei Brausestäbchen und auch kein heftigeres Schäumen wie bei den Brocken.

Brause, sagen Kenner, muss auch ein wenig schmerzen. „Das Tolle an Brause ist doch: Die reißt so schön die Zunge auf“, sagt Marketta Hagen, eine junge Berlinerin von heute. „Und es erinnert mich immer an meine Kindheit.“ Die Erinnerung an den Kitzel des Prickelns, bestätigt die Bremer Psychologie-Professorin Gisla Gniech, Autorin des Buches „Essen und Psyche“, das sei bei der Brause das Entscheidende: „Wenn das Brausepulver auf der Zunge mit dem Speichel reagiert, ist das ein regelrechter Thrill, ganz ähnlich wie bei Pfeffer.“ Neben dem eigentlichen Geschmack sei es eine „Sensationslust“, die wir empfinden, wenn die Brause im Mund aufschäumt. „Dazu kommt außerdem die Farbe der Brause. Das knallige Grün kommt zum Beispiel so in der Natur beim Essen nicht vor, das ist ein weiterer Anreiz.“

Weniger prickelnd verlief hingegen in jüngster Vergangenheit die Firmengeschichte von Frigeo: Im März 2002 musste die FFH Holding, zu der neben Frigeo auch die Schokoladensparte Friedel und der Confiseriehersteller Heilemann angehörte, Konkurs anmelden. Am Ahoj-Pulver, das den deutschen Markt noch immer mit 90 Prozent Marktanteil beherrscht, lag dies nicht, weshalb sich schnell ein Käufer für den ebenso populären wie gewinnträchtigen Firmenzweig fand: Seit Juni 2002 gehört Frigeo und so auch die Ahoj-Brause zum „Katjes“-Konzern. Mit den neuen Eigentümern kam auch ein neuer, alter Ansatz. Statt sich, vor allem in der Werbung, direkt an Erwachsene und ihre gute Erinnerung zu wenden und das Glück unter anderem mit Cocktail-Brause in den Geschmacksrichtungen Mojito, Caipirinha, Piña Colada und Swimming Pool zu erzwingen, soll Ahoj nun wieder denjenigen verkauft werden, die zum Brausepulver seit seiner Erfindung die innigste Beziehung aufgebaut hatten: den Kindern. Die Produktpalette wurde dazu um Brausebomben und Brausebärchen und die Geschmacksrichtung Cola ergänzt. Am Aussehen der Tütchen hat sich beinahe nichts geändert. Denn so sollen die Eltern und älteren Geschwister der Kinder ins Schwärmen mit einfallen und im Supermarkt zugreifen. Ein Grund mehr, warum die Brausehersteller, die den Umsatz mehr als verdoppelt haben seit der Übernahme – 150 Millionen Tüten werden im Jahr produziert – öffentlich auf Distanz gehen zu Experimenten mit Alkohol und Brause.

Die kann man auf einer Party in Prenzlauer Berg erleben: Die Gastgeber haben neben Bier, Wein und Longdrinks auch einen großen Stapel Brausetütchen in der Küche angehäuft. Daneben steht eine Flasche Wodka. Aus der schenken sich die Gäste in Schnapsgläser ein; die Gläser nehmen sie dann in die rechte Hand. In der Linken halten sie aufgerissene Brausetütchen. Erst kippen sie sich die Brause in den Rachen und lassen sie wild aufsprudeln, dann kippen sie den Wodka hinterher. Das nennt sich „Wodka Ahoj“. Während der Schnaps die Stimmung mit dem Vorschlaghammer lockert, bietet sich das Brausepulver als Aufhänger für verklärte Gespräche über die Jugend an, mit Fragen nach der favorisierten Sorte bricht auch in der Unterhaltung mit Fremden schnell das Eis – zu Brausepulver kann jeder eine Geschichte erzählen. Auch auf Großveranstaltungen oder auf Festivals sieht man zwischen Markenklamotten immer wieder den Matrosen mit seiner Ahoj-Flagge von T-Shirts winken.

Aber nicht allein das Pulver erfreut sich wieder größter Popularität. Vor allem die Brocken, kleine, quadratische Blöcke, kriegt man mittlerweile in den Szenebezirken Berlins als kleinen Nachtisch nach dem Kaffee oder der Suppe serviert. Womit allerdings früher ein ganzer Kindermund gut gefüllt war, prickelt heute nur noch die Zunge. Denn während die Hersteller ihren Rezepten treu blieben, sind die Münder mit dem Alter der Konsumenten gewachsen, haben sich die Geschmacksnerven der Fans verändert.

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