Zeitung Heute : Die Macht blutiger Worte

Inwiefern kann Sprache Gewalt ausüben? Interdisziplinäre Perspektiven auf historische und aktuelle Fragen

Jutta Eming,Claudia Jarzebowski

Wenige Stellungnahmen haben die Weltöffentlichkeit in diesem Jahr mehr bewegt als die Ausführungen Papst Benedikts XVI. zum Verhältnis von Gewalt und Vernunft in Islam und Christentum. Was die Rezeption der Regensburger Rede so brisant machte, war die Frage nach dem Status, der verletzenden – oder vermeintlich verletzenden – Worten beizumessen ist. So wurde die Rede zum einen als Blasphemie und damit als eine Form unmittelbarer Gewalt aufgefasst, zum anderen wurden diese Reaktionen mit Verweis auf das logozentrische, aufklärerische Erbe der westlichen Welt problematisiert. Diesem Aufklärungsgedanken zufolge sind Worte nur Worte, und als solche gar nicht in der Lage, Gewalt auszuüben, vielmehr tragen sie sogar dazu bei, Gewalttätigkeit zu verhindern. Zu Recht wurde zudem kritisiert, dass der Papst sich eines historischen Zitats bedient hatte, ohne dessen Kontext zu klären.

Was tatsächlich können wir aus der Geschichte über das Verhältnis von Sprache und Gewalt lernen? Und welchen Stellenwert nehmen die Kulturtheorien der westlichen Moderne dabei ein, wenn deren Verflechtungen mit den zahlreichen Vormodernen und alternativen Konzepten berücksichtigt werden? So hat es der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Wolf Lepenies, der bis zu seiner Emeritierung im Frühjahr 2006 Soziologie an der Freien Universität Berlin lehrte, jüngst gefordert. Zwei in letzter Zeit an der Freien Universität veranstaltete Tagungen haben sich der Thematik sowohl aus historischer als auch aus systematischer Perspektive angenommen. Anfang September fand in Berlin das mit Historikern und Literaturwissenschaftlern aus den USA, der Schweiz und Deutschland besetzte Symposium „Blutige Worte. Internationales und Interdisziplinäres Symposium zum Verhältnis von Sprache und Gewalt in Mittelalter und Früher Neuzeit“ statt, das von der VW-Stiftung gefördert wurde. Vergangene Woche folgte die Jahrestagung des Sonderforschungsbereichs „Kulturen des Performativen“ an der Freien Universität Berlin unter dem Titel „Gewalt durch Sprache. Rhetoriken verletzenden Sprechens“.

Die Fähigkeit des Menschen, Handeln durch Sprechen zu ersetzen, gilt in einigen Kulturtheorien der Moderne als Antriebskraft für gesellschaftlichen Fortschritt. So findet der Mensch nach Sigmund Freud „in der Sprache ein Surrogat für die Tat, mit dessen Hilfe der Affekt beinahe ebenso ,abreagiert‘ werden kann.“ Die „Kunst“, physische Gewaltfähigkeit historisch zunehmend kontrolliert auszuüben und als legitimes Mittel der Konfliktlösung langfristig durch Sprache zu ersetzen, galt lange als Gradmesser von Zivilisation (Norbert Elias). Eine zentrale Grenzlinie, die den Übergang von Mittelalter und Früher Neuzeit zur Moderne beschreibt, bezieht sich dem entsprechend auf den Verzicht auf körperliche Gewalt in allen Bereichen der Gesellschaft.

Allerdings erheben Kultur- und Geschichtswissenschaftler aus Sicht beider Seiten der Grenze, also der Moderne und Vormoderne, Einwände gegen diese Auffassung. Der Blick in die Geschichte lehrt, dass Sprache in mannigfachen Zusammenhängen nicht als das Gegenstück zu Gewalt fungiert, sondern an ihrer Entstehung beteiligt ist und langfristig nicht einfach an ihre Stelle tritt. Um diese Zusammenhänge historisch-systematisch zu untersuchen, scheint eine performative Perspektive auf Gewalt vielversprechend, der zufolge Sprache nicht nur als Zeichen zu betrachten ist oder als Diskurs, sondern auch als Handlung. Wie kann Sprache Gewalt begründen und Konflikte hervorrufen? Inwiefern und in welchem Maße kann Sprache verletzen? Was sind die Potenziale, was aber auch die Grenzen einer solchen Perspektive auf Gewalt?

In Mittelalter und Früher Neuzeit wurde die Möglichkeit, Gewalt sprachlich auszuüben, gesehen und strategisch genutzt, und dies teils als Ersatz für direkte körperliche Gewalt, teils im Zusammenspiel mit ihr. Rügebräuche, Streitstile, rituelle Beleidigungen und verschiedene Formen verbaler Gewaltausübung, die teilweise vor Gericht einklagbar waren, organisierten die Konfliktpotenziale vormoderner Gesellschaften in erheblichem Maße und wurden in ihren Schriften reflektiert. Der Fluch der Hexe wurde zwar anders bewertet als der Messerhieb des heimgekehrten Söldners, aber nicht unbedingt als weniger schwerwiegend. Damit eine Verleumdung als Hexe wirksam war, bedurfte es zudem bereits eines Klimas der Gewalt und der schlechten sozialen Reputation, die sich im Zusammenhang von Konfliktdynamiken und Eskalationsszenarien teils über Jahre entwickelt hatte. Gewalt entsteht somit auch im Erfahrungs- und Wahrnehmungshorizont der Betroffenen und Ausübenden. Die Geschichtlichkeit und zugleich die Gegenwartsgebundenheit von Gewalt ernst zu nehmen heißt deshalb, sie als relationale Größe, nicht als absolute Setzung und anthropologische Konstante zu verstehen. Historische Spielräume, Geltung und Reichweiten von Gewalt durch Sprache auszuloten, dürfte eine der Hauptaufgaben künftiger literatur- und geschichtswissenschaftlicher Forschung sein.

Die Autorinnen haben im vergangenen September die Tagung „Blutige Worte. Zum Verhältnis von Sprache und Gewalt in Mittelalter und Früher Neuzeit“ organisiert. Dr. Jutta Eming ist Privat-Dozentin für Ältere deutsche Literatur und Sprache am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin. Dr. Claudia Jarzebowski ist wissenschaftliche Assistentin am Friedrich-Meinecke-Institut am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin.

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