Zeitung Heute : Die Macht der Gewöhnung

Wie reagiert man auf die Nachricht vom geplanten Massenmord? In London sehr ruhig. Und in New York überrascht. Anfangs

John F. Jungclaussen[London],Matthias B. Krau

Donnerstag, 10 Uhr 30 auf dem U-Bahnhof Holborn im Zentrum von London. Gerade ertönt der schrille Alarmton, das „Zurückbleibenbitte“, da biegt ein Mann um die Ecke und springt noch auf den Zug auf. Sein Koffer wird von den rauschenden Türen eingequetscht. Mit einem heftigen Ruck zerrt er sein Gepäck in den Waggon und lässt sich auf einem Sitz nieder. Hank Brewer, 44, ist erleichtert. Die erste Etappe einer schwierigen Reise ist geschafft. Als er am Morgen im Hotel aufgewacht war und den Fernseher eingeschaltet hatte, hörte er die Nachricht vom vereitelten Terroranschlag. Von einem Verbrechen, das wohl leicht so viele Opfer hätte fordern können wie der 11. September 2001. Oder mehr.

Zehn Flugzeuge, sagte der Nachrichtensprecher, hätten mit hochexplosivem Flüssigsprengstoff über dem Atlantik in die Luft gesprengt werden sollen. Später am Tag fällt der Satz vom „Massenmord in einem unvorstellbaren Ausmaß“, von „gleichzeitigen Anschlägen auf mehrere Ziele, gerichtet gegen Flugzeuge mit dem Ziel Vereinigte Staaten“. Gegen Flugzeuge amerikanischer Fluggesellschaften .

Aber die Überlegung, dass er selber das Opfer dieser Terroristen hätte werden können, beunruhigt Hank Brewer nicht so sehr. Er ist einer von Tausenden transatlantischen Pendlern, die alle zwei Wochen zwischen den USA und Europa hin- und herfliegen. Zusammen mit seinem Schwager führt der ehemalige Baseball-Spieler eine Agentur für Sportmarketing. „Da muss ich ständig nach Europa“, sagt er. Nein, die Terroristen machten ihm keine Angst. „Ich habe nur Sorge, dass ich heute nicht mehr nach Hause komme. In Heathrow herrscht offenbar der Ausnahmezustand“, sagt er, nimmt seine Ferrari-Kappe ab und kratzt sich den kahlen Kopf.

Notstand auf dem Flughafen Heathrow, die Nachricht hat sich wie eine Welle in der Stadt verbreitet, auch das Bahnhofspersonal hat schon reagiert, als Hank Brewer seine Reise beginnt. Auf dem Bahnhof hängen große Plakate, auf denen bekannt gegeben wird, dass das nationale Warnsystem für mögliche Terroranschläge in Großbritannien die höchste Alarmstufe verkündet: „kritisch“. Das deutet auf einen unmittelbar bevorstehenden Anschlag hin. Man kann den Alarmstatus des Landes auf der Internetseite des Inlandsgeheimdiensts MI 5 ablesen. Dort hatte bisher gestanden, das Risiko eines Terroranschlags sei „schwerwiegend“.

Für die Fluggäste bedeutet der neue Alarm: Sie dürfen fast nichts mit an Bord nehmen. Statt Handtaschen sind im Flugzeug nur durchsichtige Plastiktüten erlaubt, und weil der Sprengstoff offenbar flüssig war, mit dem die Anschläge ausgeführt werden sollten, darf auch nichts Flüssiges mehr mit an Bord. Auch Reinigungslösung für Kontaktlinsen nicht. Während die Piccadilly-Line langsam unter der Londoner Innenstadt in Richtung Heathrow schaukelt, fangen einige Reisende schon mal an, ihr Gepäck umzusortieren.

Zum ersten Mal seit dem Bombenanschlag auf ihre U-Bahn am 7. Juli 2005 reden die Londoner wieder über den Terror. Aber genau wie in den Stunden nach den Explosionen vor einem Jahr, bei denen 52 Menschen starben, weigert sich die Stadt, in Panik zu geraten. Bomben und Terror, das kennen die Londoner, seit die IRA vor 20 Jahren ihre politische Kampagne gewaltsam in die Hauptstadt trug. Seither ist man gerüstet, und auch Touristen lassen sich von dem Mantel der Gelassenheit gerne einhüllen.

Um 11 Uhr 40 rollt der Zug am Bahnhof Heathrow ein. Die Türen gehen auf, und die Reisenden treten ins Chaos. Auf dem Bahnsteig wimmelt es von Sicherheitsbeamten, Spürhunden und Flughafenpersonal, das geduldig alle Fragen beantwortet. Auf endlosen Laufbändern marschiert Hank Brewer zielsicher auf Terminal drei zu. Dort erhält er die Nachricht, auf die er gehofft hat: Der Virgin-Atlantic-Flug nach Philadelphia ist nicht gestrichen. „Allerdings wird es wohl ein wenig dauern“, erklärt ihm eine Stewardess im roten Kostüm. „Wenn Sie sich bitte hier anstellen wollen.“

Wenn Terminal drei der Eingang zu Disneyland wäre, dann würde an jeder Biegung die verbleibende Wartezeit bis zum Spektakel angezeigt. Aber hier ist das Spektakel überall, und die erste Warteschlange reicht schon quer durch die Hallen bis nach draußen. Keiner kann sagen, wie lange es dauern wird. Kleine Polizeitrupps schreiten durch die Menge, jeweils drei Bobbys mit kugelsicherer Weste und schweren Maschinenpistolen, den Lauf nach oben gerichtet. Kollegen mit Spürhunden picken immer wieder Menschen aus der Menge, um Koffer zu untersuchen. Einige Passagiere stehen schon seit Stunden hier. So kann Hank Brewer nur schätzen. „Also, mir wurde gerade gesagt, dass ich innerhalb der nächsten zwei Stunden meine Bordkarte bekommen müsste.“ Das wäre dann die nächste Etappe. Und danach kommt dann wieder eine Schlange.

Vor den Sicherheitskontrollen haben sich gleich zwei Wartereihen gebildet, die jeweils rund 200 Meter lang sind und sich willkürlich durch das viel zu kleine Terminalgebäude winden, Mütter mit krakeelenden Kindern, Businessleute, die ohne ihr Handy ganz verloren scheinen, und Rucksacktouristen, die müde in die Menge starren. Von dieser Schlange aus wollen sie in alle Welt fliegen: nach Honolulu, Addis Abeba, Schanghai oder Rio de Janeiro.

Es ist offensichtlich, dass die Flughafenbetreiber gut vorbereitet sind und dass die Reisenden verstehen, dass es sich hier um höhere Gewalt handelt. Die durchsichtigen Plastiktüten rascheln überall. Jeder scheint eine in der Hand zu haben, die Menschen knien auf dem Boden und packen um: Der Pass darf rein, aber die Handcreme nicht und schon gar keine elektronischen Geräte, denn als Zünder für ihre Sprengsätze, so hatten die Behörden schon verlauten lassen, hätten die Terroristen elektronische Wecker, Laptops und Taschenrechner vorgesehen. Oder waren es doch Gameboys? Selbst elektrische Autoschlüssel müssen aufgegeben werden.

An der Spitze der Schlange spielen sich absurde Szenen ab. Mütter kleiner Kinder stehen da und kosten vor den wachsamen Augen der Sicherheitsleute die Fläschchenmilch, um zu beweisen, dass sie kein flüssiger Sprengstoff ist, bevor sie sie mit an Bord nehmen dürfen. Außerdem scheinen sich die Behörden auch an vergangene Anschlagsversuche zu erinnern. Nur wenige Monate nach dem 11. September 2001 hatte der Engländer Richard Reid eine Bombe im Absatz seines Schuhs versteckt und damit ein Flugzeug von Paris nach Miami bestiegen. Als er hoch über dem Atlantik versuchte, die Bombe zu zünden, wurde er von Mitreisenden überwältigt. Die Passagiere in Terminal drei müssen nun nicht nur Babymilch vorkosten, sondern auch ihre Schuhe durchleuchten lassen. Jeder Einzelne.

Das Chaos ist ein gut erzogenes, ruhiges Chaos, aber immerhin: Es sind an diesem Tag rund 22 000 Fluggäste durch Streichungen und Verspätungen betroffen, in ganz England sind es nach offiziellen Angaben sogar rund 400 000 Menschen. British Airways sagt weltweit 300 Flüge ab und wird erst am Abend den Flugbetrieb wieder aufnehmen, der Flughafen ist für aus Europa kommende Flüge weitgehend gesperrt, Flüge mit einer Dauer von drei Stunden oder weniger dürfen in Heathrow vorerst nicht mehr landen. Normalerweise starten und landen auf dem Londoner Flughafen, weltweit drittgrößtes Drehkreuz, täglich 1250 Maschinen.

Aber Hank Brewer hat immer noch Glück. Eine halbe Stunde später erfährt er, dass seine Maschine nach Philadelphia um 18 Uhr starten soll. „Na, also“, sagt er und grinst. „Hauptsache, ich komme nach Hause zu meiner Frau und meinen Jungs.“

Auf der anderen Seite des Atlantiks, am John-F.-Kennedy-Flughafen von New York, haben sie an diesem Morgen eilig Schilder gemalt. Auch in den Vereinigten Staaten ist die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen worden, „rot“, sie gilt nun für alle Flüge von Großbritannien in die USA. Für alle anderen Flüge gilt die zweithöchste Warnstufe, „orange“, wie auch an den anderen beiden Flughäfen der Stadt. Auf den Schildern steht das Gleiche wie in London. Keine Flüssigkeiten ins Handgepäck, keine Sonnenmilch, kein Wasser, kein Shampoo. Nur Babymilch und Medikamente sind erlaubt, so deren Besitzer nachweisen können, dass sie sind, was sie sind.

An den Sicherheitskontrollen bilden sich auch hier lange Schlangen, die großen Abfalleimer, die extra aufgestellt worden sind, füllen sich schnell. Durch die Lautsprecher dröhnen Ansagen, die die Fluggäste auf die neuen Sicherheitsbestimmungen hinweisen. Viele berichten, sie seien zuerst sehr irritiert gewesen und hätten gedacht, ihr Flug sei gestrichen worden, nur um dann später festzustellen, dass er pünktlich starte.

Wer es angesichts der verschärften Sicherheitskontrollen nicht rechtzeitig bis zum Abflugschalter schafft, hat Pech gehabt. American Airlines, eine der von den Terrorplanungen betroffenen Fluglinien, streicht am Morgen einige Flüge nach London, weil dort der Verkehr in der Luft einfach zu dicht sei.

Normalerweise dauert es mehrere Wochen, um so umfangreiche Änderungen im Sicherheitssystem vorzunehmen, doch man habe versucht, es in wenigen Stunden zu bewältigen, sagt Kip Hawley, Vizechef der Transportation Security Administration (TSA), einem Teil des US-Heimatschutzministeriums. Dort hatte man morgens um vier Uhr Alarm geschlagen. „Die Nachrichten aus Großbritannien haben uns überrascht“, sagt Kip Hawley.

Am Morgen tritt dann US-Heimatschutzminister Michael Chertoff gemeinsam mit Justizminister Alberto Gonzales und FBI-Chef Robert Mueller vor die Fernsehkameras. Die in Großbritannien bekannt gewordenen Terrorpläne trügen „die Fingerabdrücke von Al Qaida“, sagt Chertoff. Sie seien weit fortgeschritten gewesen, es sei eine ganze Reihe von Tätern beteiligt gewesen und der Plan habe „eine internationale Dimension“ gehabt. Und Gonzales wird noch deutlicher. Die geplanten Anschläge hätten „Hunderte unschuldiger Menschen töten können“, sagt er. Er erinnert daran, dass sich die USA im Krieg befänden. „Diese Menschen wachen jeden Morgen auf und denken darüber nach, wie sie Hunderte unschuldige Männer, Frauen und Kinder umbringen können.“ Nach Informationen aus dem Pentagon habe es bei wenigstens drei Flügen aus Großbritannien in die USA akute Sicherheitsbedenken gegeben, möglicherweise auch bei einem halben Dutzend.

Nur Präsident George W. Bush, der Urlaub macht auf seiner Ranch in Crawford, Texas, zeigt sich an diesem Tag zunächst nicht in der Öffentlichkeit. Sein Sprecher Tony Snow lässt eine Erklärung verbreiten, wonach der Präsident ständig über die Lage informiert werde. Es handle sich nach seiner Einschätzung um „eine direkte Bedrohung der Vereinigten Staaten“. Bush, so erfahren die Amerikaner, will später an diesem Tag, an dem plötzlich jede Kleinigkeit mit Bedeutung aufgeladen ist, mit der Air Force One in den Bundesstaat Wisconsin fliegen, um an einer Wahlveranstaltung der Republikaner teilzunehmen und eine Stahlfabrik zu besuchen. Er habe nicht vor, seine Pläne zu ändern, sagt Snow. In Green Bay, Wisconsin, sagt Bush aber dann doch noch etwas. Das Erwartbare: „ … islamistische Faschisten …“

Und die Lawine rollt. So kurz vor dem fünften Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 liegen die Nerven der Amerikaner blank. In Washington unterrichtet Heimatschutzminister Chertoff auch die Mitglieder des Komitees für Heimatsicherheit über die Lage. Sie sei „sehr, sehr ernst“, sagt der Kongressabgeordnete Peter King hinterher, „so besorgt habe ich Chertoff noch nie gesehen“. Und auf den Nachrichtensendern interviewen die Moderatoren die Terrorismusexperten reihenweise, auch wenn das an diesem Tag nicht erhellend ist. Al Qaida wolle unbedingt ein deutliches Statement abgeben, sagte Terrorexperte Peter Bergen dem Nachrichtensender CNN, „sie planen auf jeden Fall irgendetwas“.

In den vergangenen Tagen hatten bereits elf ägyptische Studenten Schlagzeilen gemacht, die in die USA eingereist waren, sich aber bei ihrem College in Montana nie eingeschrieben hatten. Drei von ihnen hat das FBI mittlerweile gefunden und verhaftet. Weder sie noch die weiterhin Vermissten stellten eine Terrorgefahr dar, ließ die Bundespolizei wissen. Trotzdem werden sie wegen Verstoßes gegen die Visabestimmungen sofort des Landes verwiesen.

Es geht wieder los.

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