Zeitung Heute : Die Macht der Moggis

Hintergründe des Fußballskandals in Italien

Paul Kreiner[Rom]

Einmal werden sie noch wach, heißa, dann ist – womöglich alles im Eimer. Juventus Turin, Italiens Rekordmeister, steht vor seinem 29. Titel; schon ein Unentschieden genügt morgen gegen Reggio Calabria. Doch gleich danach droht der Sturz ins Leere. Der Zwangsabstieg. Juve, die Alte Dame, verbannt in die B-Liga? Das hat es in 109 Jahren Vereinsgeschichte nicht gegeben. Doch in Italiens Profifußball ist neuerdings alles möglich.

Auf einmal greift die Polizei sich Unangreifbare: Vereinsvorstände und Liga-Manager, Schiedsrichter, Journalisten, sogar eigene Kollegen. Gleich fünf Staatsanwaltschaften ermitteln gegen mehr als 50 Personen. Carabinieri durchwühlen die Büros des Italienischen Fußballbundes und des Schiedsrichterverbandes. Neun Spitzenklubs stehen im Verdacht unlauterer Machenschaften, und Massimo De Santis, der italienische Top-Schiedsrichter, muss um seine Zulassung für die WM bangen. Der Skandal greift derart um sich, dass sich Kommentatoren schon an den Zusammenbruch der Ersten Republik erinnert fühlen – als, vor zwölf Jahren, Spitzenpolitiker wegen dubioser Geldgeschenke zu Hunderten ins Gefängnis wanderten und ein über Jahrzehnte verwuchertes Parteiensystem über Nacht praktisch brandgerodet wurde.

Wie damals in der Politik so wussten auch jetzt im Fußball alle, dass es dieses Gestrüpp gab. Etliche Fäden zogen Luciano und Alessandro Moggi, Vater und Sohn, Generaldirektor bei Juventus Turin der eine, der andere Inhaber von „GEA World“, Italiens größter Agentur zur Spieler- und Trainervermittlung. Eigentlich hatte die Polizei ihre Telefongespräche mitgeschrieben, um einer angeblichen Dopingaffäre bei Juventus Turin näher zu kommen. Erst bei der Zweitauswertung stellte sich heraus, dass das System Moggi den Profifußball seit zwölf Jahren womöglich so krakenartig umschlungen hält wie die Mafia die sizilianische Gesellschaft.

Da gab es Telefonate mit den Schiedsrichter-Einteilern des Italienischen Fußballbundes, um genehme „Unparteiische“ zu bekommen – im Gegenzug ist die Rede von Rolex-Uhren und einem Ferrari. Ferner gab es offenbar Bitten an Schiedsrichter, ausgesuchten Spielern die Gelbe oder Rote Karte zu zeigen, um sie für die womöglich entscheidende Partie unschädlich zu machen. Polizisten sollen mit begehrten Klubsouvenirs ruhig gestellt worden sein. 29 von 38 Juventus-Spielen in der Saison 2004/2005 seien auf diese Weise beeinflusst worden, heißt es. Am Donnerstagabend ist der gesamte Vorstand von Juventus Turin zurückgetreten.

Dabei ist die Affäre Juventus nur ein Teil des Skandals. Der andere dreht sich um GEA World, die Agentur von Moggis Sohn, die Italiens Spielermarkt unlauter beherrscht haben soll. Dazu gehörten Schachereien, die es im schnellen An- und Verkauf von Spielern einzelnen Vereinen erlaubten, beachtliche Buchgewinne zu erzielen. Lazio, Parma, Florenz, auch Rom und sogar Silvio Berlusconis AC Milan sollen in Moggis Geschäftsnetz eingebunden gewesen sein. Das wiederum war über Familienbande verknüpft mit dem Bankchef Cesare Geronzi, zu dessen Banca di Roma/Capitalia eine Geschäftsbank gehört, die ein gewisser Franco Carraro leitet – Chef des Fußballbundes.

Aber die Rettung ist nahe. Adriano Galliani hat sie ersonnen, der Geschäftsführer von AC Milan und gleichzeitig Chef der italienischen Spitzenliga. Einen „Moralkodex“ verlangt er: „Nötig sind klare Regeln für alle und Strafen für die, die sich nicht daran halten.“ Während der Sommerpause würden diese Normen zu Papier gebracht. Von der nächsten Saison an wird in Italiens Fußball also alles ganz anders. Bis dahin, so das jüngste Gerücht, könnte der italienische Fußballbund sogar unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt werden. Und wen könnte sich Romano Prodi, der künftige Regierungschef, als Fußball-Kommissar vorstellen? Gianni Letta, den bisherigen Staatssekretär von Ministerpräsident Berlusconi. Wenn sich da nicht ein Kreis schließt …

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