Zeitung Heute : Die Macht der Symbole

NAME

TRIALOG

Mich hat gestört, dass der neue Verteidigungsminister das feierliche Gelöbnis von Rekruten abnahm, noch ehe er selbst den Amtseid abgelegt hatte. Gewiss, der Bundestag war nicht zu Sitzungen anwesend, als der plötzliche Wechsel im Amt des Verteidigungsministers erfolgte, und bis eine Sondersitzung einberufen ist, braucht es ein paar Tage. Aber Minister müssen sich häufig vertreten lassen, und schon gar nicht ist ein Verteidigungsminister jemals bei jedem Rekrutengelöbnis persönlich anwesend. Ein sachlicher Grund, sich über die Norm des Grundgesetzes hinwegzusetzen, war also nicht gegeben. Sind das nur juristische Spitzfindigkeiten?

Die Frage führt zur Bedeutung von Formen, Symbolen und Institutionen. Warum gibt es überhaupt einen Amtseid? Und warum ein feierliches Gelöbnis? Die Antwort darauf hat mit dem Verhältnis von Einzelnem und politisch verfasster Gemeinschaft zu tun, mit Rechten und Pflichten – so altmodisch das klingen mag – auch mit zumindest Restbeständen von Hingabe und Treue oder Einsatzbereitschaft und Moral. Auf die bleibt jede Gemeinschaft angewiesen. Unter den Vorzeichen von Freiheit und Pluralismus wird über die Frage diskutiert, was die Gemeinschaft zusammenhält. In Zeiten von Globalisierung, weltumspannender Kommunikation und beschleunigten Veränderungen werden Antworten darauf dringlicher. Ohne Gemeinschaft geht es nicht. Kein Mensch lebt für sich allein. Die Organisation menschlichen Zusammenlebens wird nicht einfacher. Aber auf Regeln bleiben wir angewiesen, und ohne Grenzen zerstört Freiheit sich selbst. Die Übertreibungen der Shareholder-Value-Theorie nicht nur in den USA haben die alte Einsicht, dass Egoismus allein keine dauerhafte Ordnung begründen kann, mit neuer Aktualität versehen.

Es geht nicht ohne Zusammengehörigkeit. Die Aufregungen der Leitkulturdebatte sind wieder in den Hintergrund getreten. Aber der Kern bleibt: Worauf gründet sich Zusammengehörigkeit als Grundlage und Voraussetzung freiheitlicher Ordnung? Auf gemeinsamen Erfahrungen, auf Erinnerungen und dem Willen, die Probleme der Zukunft gemeinsam zu bewältigen. Das vermittelt sich nicht nur durch Normen, sondern oft eindringlicher durch Symbole. Und nicht alles ist durch Gesetze vollständig erfasst. Man sollte manches nicht tun, auch wenn es nicht ausdrücklich verboten ist. Auch wenn zuzugeben ist, dass wir Menschen – jeder – auch gegen Gesetze wie moralische Normen gelegentlich verstoßen, so wissen wir auch, dass es Maßstäbe braucht, nach denen wir uns in der Regel zu richten suchen.

Und deshalb bleibt unsere Ordnung auf Symbole angewiesen. Das gilt am meisten für diejenigen, die Verantwortung tragen und Macht und Einfluss ausüben wollen. Vorbild und Symbole hängen zusammen. Sie prägen Einstellungen und Verhaltensweisen. Und sie sollten wichtiger bleiben als die mediengerechte Vermarktung durch noch so clevere PR-Berater.

Wolfgang Schäuble ist CDU-Präsidiumsmitglied und schreibt dieses Kolumne im Wechsel mit Antje Vollmer und Richard Schröder.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar