Zeitung Heute : Die Männer & ich

Der eine will kein Kind, der andere trägt Tattoos. Liebe ist schwierig. Aber unsere Autorin weiß eine Lösung.

-

Von Antje Joel

Das mit der Liebe habe ich noch nicht raus. Ich meine: Ich bin 38, ich habe zwei Ehen gelebt und ein paar Affären. Die Männer, die ich mir fand, waren immer die Falschen. Nicht erst zum Ende hin oder hinterher, wenn es vorbei war. Sie waren schon erkennbar falsch, als ich mich noch zu dem Glauben zwang, sie seien richtig. Der erste zum Beispiel. Sah klasse aus. Klopfte verächtliche Sprüche über „Weiber“. Wollte lieber keine Kinder. Oder doch. Oder nicht. Oder? Noch bevor das erste Jahr um war, war ich mit ihm verheiratet und wir hatten ein Kind. Als im folgenden Jahr in mir das zweite heranwuchs, forderte er, ich müsse mich entscheiden: für ihn. Oder das Kind. Ich wählte das Kind. Als es anderthalb Jahre alt war, wurden wir geschieden. Seine Söhne und ich sahen ihn nie wieder.

Der letzte zum Beispiel. Stand, als ich ihn das erste Mal sah, bierzapfend hinter einem Tresen. In Tigerhose und zerfetzter Jacke. Hatte kaum Haare auf dem Kopf. War nicht „mein Typ“. Zu dem Freund auf dem Barhocker neben mir aber sagte ich: „Das ist der Mann meines Lebens.“ In jenem feierlich postulierenden Tonfall, in dem andere Leute Regierungserklärungen abgeben, an die sie sich später nicht halten. Warum? Später wollte ich glauben, durch sein äußeres Falscherscheinen hindurch sein inneres Richtigsein gespürt zu haben. Als ob es so etwas gäbe. Ist es nicht viel mehr so: Was von dem anderen nach außen dringt, und sei es noch so eine Winzigkeit, erscheint es uns noch so banal, versteht uns zuverlässig vor dem zu warnen, was wir nicht sehen können? Wenn wir die Warnung verstehen wollen. Tigerhose. Fetzenjacke. Der Mann war 30. Und kleidete sich wie ein pubertierendes Kind. Statt Haare auf dem Kopf trug er welche auf der Brust. Und auf der Schulter ein verrutschtes Tattoo. Ich mochte das alles nicht. Statt „melancholisch“ sagte er „melanchonisch“. Ganz gleich, wie oft ich ihm m-e-l-a-n-c-h-o-l-i-s-c-h hinbuchstabierte. Er, immer wieder „melanchonisch“. Jedes Bemühen um Richtigkeit erklärte er für zu viel. Befand trotzig, ob „l“ oder „n“ sei egal. Wer mit ihm über Melanchonie reden wolle, hätte das zu verstehen. Ich verstand’s nicht. Es machte mich rasend. Und als er in unseren ersten gemeinsamen Tagen die Früchtefrau am Marktstand fragte „Wo sind die Äpfel weg?“, fragte ich mich, wie ich diesen Idioten wieder loswerden könnte.

Warum störte mich sein Ungeschick so? Oder: War es sein Ungeschick, das mich störte? Sein lachhafter Revoluzzerlook? Das Zuwenig an Haaren auf seinem Kopf? Das Zuviel an Haaren auf seiner Brust? Oder war mein Missfallen daran nur der Versuch, ein anderswo gründendes, namenloses Unbehagen irgendwie zu benennen? Damals rief ich mich zur Ordnung: „Du bist scheißarrogant! An einem Mann seines unverschuldeten Haarwuchses, seiner Kleidung und seiner Sprachnöte wegen zu zweifeln! Was zählt ist, wie’s in ihm aussieht!“ Ist es nicht wunderlich? Eher sind wir bereit, zu glauben, wir seien falsch, als dass wir uns gestünden, den Richtigen doch wieder nicht gefunden zu haben. Heute ahne ich: Seine Kinderkleidung, seine mangelnde Sprache, sein renitentes Auf-Falschem-Beharren offenbarten sein Inneres zu Genüge. Sie waren meine Indikatoren für seinen Reifegrad. Für seine Intelligenz. Seine Fähigkeit zur Disziplin. Alles in allem erkannte ich ihn frühzeitig als ungenügend. Ich, in Schlauchkleid und Stöckelschuhen, Tattoos verachtend, sprachversessen, perfektionistisch, war für den Tigerfetzenmann so wenig richtig wie er für mich. Ich wette, das hat er gewusst. Hätte es wissen können. Er hat es nicht wissen wollen. Neun Monate später war ich von ihm schwanger, noch einmal vier Monate später war ich seine Frau. In unserer irrwitzigen Angst, da, wo noch nichts zu verlieren ist, etwas zu verlieren, riskieren wir immer noch mehr. Warum? Das muss man ergründen. Damit man es ändern kann. Aber wenn man’s ergründet hat: Kann man es ändern?

Können wir, wenn uns in der Low-Investment-Beginnphase einer Liebschaft ein Unbehagen verstört, jedes weitere Investieren abstellen? Wenn nicht: Was fürchten wir zu verlieren? Den Menschen? Von dem wir längst ahnen, dass wir an ihm nichts zu verlieren haben? Wohl kaum. Ich denke: Es ist das Gefühl, von dem wir nicht lassen wollen. Dieses Kribbeln und Krabbeln, das uns entgegen aller Vernunft befällt. Dieses Nirgend-woanders-mehr-Hindenken, -hinträumen-Wollen als zu jenem Fremden, auf den wir unserem Unbehagen zum Trotz all unsere Sehnsüchte projizieren. Es ist die Hoffnung, die uns gefangen hält. Die müsste sich abstellen lassen. Und wieder anstellen lassen. Dann, wenn unser Verstand befunden hat, dass sich das Hoffen lohnt. Nicht unsere wackligen Knie und der fliegende Magen. Und wenn wir es abstellen könnten: Sollten wir auch? Ich meine: Wenn wir anlässlich jeden daneben gegriffenen Outfits, jedes Bodybildchens, jeder sprachlichen Verirrung, die Flinte ins Korn werfen, werden wir je zum Schuss kommen? Wird so viel Konsequenz nicht den Kreis unserer Kandidaten dermaßen verkleinern, dass uns am Ende keiner bleibt, von dem wir glauben, ihn lieben zu können? Mit dem wir glauben leben zu können? In der letzten Konsequenz: Macht Konsequenz einsam? Kann gut sein. Und vielleicht ist es ja diese Einsamkeit, die wir so fürchten, dass wir bereit sind, mehr Unbehagen hinzunehmen, als wir vernünftigerweise hinnehmen sollten.

Mein Freund Johannes zum Beispiel. Vor sechs Monaten saß er noch mit mir in der Kneipe und weinte über die Liebe. Weil die sich nicht einstellen wollte. Eine Frau hatte er zwar schon gefunden. Die Liebe zu ihr ließ auf sich warten. Schlimmer: Seinerzeit schluchzte Johannes, er sei vor drei Nächten erwacht, habe die schlummernde Freundin betrachtet und denken müssen: „Nee, mit der kannst du nicht leben.“ Weil sie aber bereits bei ihm eingezogen sei, Brot backe, abends,wenn er von des Tages Müh und Plag heimkehre, eine gedeckte Tafel samt Rotwein und Kerzen für ihn bereithalte und er zu all diesem Unglück an der Furcht leide, die Richtige in diesem Leben nicht mehr zu finden, strampele er noch, dem Gedanken nicht zu erliegen. Heute ist die Freundin schwanger. Im fünften Monat. Und Johannes beteuert am Telefon, er sei froh, so unendlich froh, seinem Verstand damals nicht erlegen zu sein. Das heißt: So sagt er es nicht. So sage ich es. Johannes dagegen findet, es sei sein Glück, eine Weile gegen seine unqualifizierte, nächtliche Fühlerei angelebt zu haben. Bis sein Verstand ihn vollständig übernehmen und überzeugen konnte: „Die Frau ist okay.“ Intuition, was ist das? Ein Teil des Verstandes? Oder nur ein weiteres unserer Gefühle, dem nicht zu trauen ist? Gegen das wir anleben, über das wir hinwegleben müssen, damit wir nicht einsam bleiben?

Ich zum Beispiel. Als ich den Tigerfetzenmann traf, hatte ich zwei kleine Kinder. Wähnte mich darum aussichtslos, was eine neue Liebe betraf. Dann aber kam dieser. In Tiger und Fetzen und selbst noch ein Kind. Der hatte nichts gegen mich Frau mit Kindern, na klar. Weil es ihm an Blick fehlte für die Verantwortung, die er mit ihnen übernahm. Und als er, unbedarft wie er war, zu den schon bestehenden zwei Verantwortlichkeiten noch vier hinzugezeugt hatte und schließlich erkannte: Ist mir zu viel!, erklärte er sein Verantwortlichsein für egal, ging, und alle anderen hatten das zu verstehen. Das war nicht schön. Aber ich kann nicht behaupten, ich hätte es nicht gewusst. Hätte das Ende nicht schon am Anfang absehen können. Käse. Es stand ihm bei unserer ersten Begegnung und all die gemeinsamen Jahre über in die Stirne gemeißelt. Ich hab’s willig überlesen. Was uns am Ende befällt: Ist das Bitterkeit? Ist es Klarsicht? Ist es Bitterkeit über die Klarsicht, die uns befällt? War es zu Anfang der Liebschaft so, wie wir damals glaubten, dass es sei? Oder war es so, wie wir jetzt glauben, dass es gewesen ist? Wenn Johannes in fünf oder zehn Jahren geschieden sein wird und sich der frühen nächtlichen Warnungen seiner Intuition erinnert: Wird er der Erinnerung glauben und sie beim nächsten Verliebensversuch für sich nutzen? Oder wird er sich zu einer hasenfüßigen Ordnung rufen: „Quatsch! Du bist verbittert und willst darum alles, was einmal schön war, schlecht gewesen sein lassen.“ Noch einmal wunderlich: Statt uns dem vergangenen Selbstbetrug zu stellen, präparieren wir uns oft genug für den nächsten.

Was mich betrifft: Ich habe beschlossen, dem Jetzt mehr zu trauen als meinem Damals. Um es beim nächsten Mal besser zu machen. Wenn das die Möglichkeit ist. Gibt es eine Liebe, die Ihren Ausgang vom Kopf hernimmt und sich erst dann, wenn der seine Zustimmung nickt, fortsetzt in Magen und Knie? Oder muss alles Lieben in Magen und Knien beginnen und den Kopf mit seinen Bedürfnissen außer Gefecht setzen? Ist dieses Kribbeln und Krabbeln überhaupt Liebe? Ach, bitte nicht. Von der Liebe erwarte ich, dass sie sich mit der größtmöglichen Ruhe und Gelassenheit in mich schleicht. Man kennt sich. Mag sich. Hat Spaß miteinander. Und sitzt ab und an in der schönsten Wortlosigkeit zusammen. Mehr nicht. Über Monate. Vielleicht Jahre. Gut möglich, dass man lange nicht ahnt, dass das, was man für den anderen da empfindet tatsächlich die Liebe sein könnte. Weil sie viel zu sacht daherkommt. Kribbelfrei. Gelassen. Dann aber, eines fernen Tages, macht man eine Bestandsaufnahme seines kollektiven Behagens, zählt eins und eins zusammen und weiß: Das muss sie sein.

Vielleicht fällt das vernünftige Sichverlieben leichter, wenn wir wissen, was wir von der Liebe wollen. Was will ich? Einen Mann, der sich in meinem Kopf so zu Hause fühlt, als sei es sein eigener. Der versteht, ohne dass ich ihm erkläre. Und: Der sich auf der Erde so sicher bewegt wie in der Welt meiner Grübeleien. Ich will einen Sokrates, der ein Feld pflügen kann und ein Pferd zu beschlagen versteht. Ich will einen körperlich hart arbeitenden Intellektuellen. Ich will einen, der es genießt, dass ich ihm gewachsen bin. Und dann? Fahre ich meinen Hund zum Kastrieren und entdecke den frischen Kompagnon meines Tierarztes. Von dem ich nichts weiß als das, was ich von ihm sehe. Dass er nicht wirklich groß ist. Dass er auf dem Kopf ziemlich grau ist. Und dass er karierte Hemden zu Bundeswehrhosen trägt. Von dem, was ich nicht sehen kann, weiß ich natürlich noch, dass er für Geld anderer Leute Haustiere entmannt. Aber das ist auch alles.

Plötzlich werden mir die Knie weich. Mein Magen fliegt. Meine Ohren beginnen zu schwitzen. Und ich denke noch: „Hey, hör sofort auf damit, dämliche Kuh!“ Es ist zu spät. Ich stehe da, glühend, schwitzend, mir beben die Knie, meine Hände wissen nicht wohin, irren über das Hundefell, ich muss aufpassen, dass sie den Händen des Kastrateurs nicht begegnen, ich kann nicht mehr wagen, ihm in die Augen zu sehen. Ich würde gern gehen. Was nicht stimmt. Ich würde gern bleiben. Was auch nicht stimmt. Was will ich? Einen hart arbeitenden Intellektuellen. Und vielleicht bin ich angesichts dieses hemdsärmeligen Hundekastrateurs gerade dabei, ein Opfer meiner Idealfantasien von einem Mann zu werden. Aber so sehr ich das ahne, ich kann es nicht ändern. Über die ganze folgende Woche nicht. In der ich das Objekt meines Irrsinns nicht treffe. Nicht treffen muss. In der es außer Sicht-, Hör-, Fühlweite geraten ist, also: außerhalb jeden vernunftbegabten Erkennens. In der ich mich nach Belieben zu diesem grauschöpfigen Fremden hindenken, hinträumen kann.

Und dann? Fahre ich meinen Hund zum Fädenziehen. Und der Grauschopf ist erstmals allein in der Praxis ohne den Praxischef, und er ist so stolz, so sichtlich und fürchterlich stolz, einmal allein die Fäden ziehen zu dürfen, dass es in mir klar und deutlich denkt: „Nee!“ Und: „Du bist ja ein Kind!“ Und dann! Passiert es. Ich kann das Kribbeln und Krabbeln im Magen, das Beben in meinen Knien, mein ganzes sehnsuchtsbelastetes Hoffen abstellen. Einfach so. Aus. Ich bin erleichtert. Und traurig. Und ein bisschen einsam fühle ich mich auch. Ich denke: „Warum muss ein anderer, eine andere überhaupt sein? Muss er, sie überhaupt sein? Würden wir, wenn wir uns nur ein paar abstinente Monate, besser: Jahre, die Chance gäben, es zu versuchen, schließlich erkennen, dass es durchaus möglich ist, ohne einen anderen bedürfnislos glücklich zu sein? Und wenn wir dieses Stadium einsamen Glücklichseinkönnens erreicht haben, vielleicht sind wir dann erst so weit, es auch zu zweit sein zu können. Wenn der andere keine Notwendigkeit ist. Sondern ein zwangloses Glück.

Ich kannte mal einen, der ließ sich über Jahrzehnte auf keine Frau ein. Und als er mit 56 Jahren zur Überraschung aller die Passende fand und zu seiner Frau machte, passte sie so perfekt, dass sie seine Frau blieb bis er im vergangenen Jahr starb. Da war er 93, sie 73. Das Bewegendste an diesen beiden aber war, dass er über die Jahre des Einsamseins niemals einsam erschien. Er schien glücklich. So glücklich wie schließlich mit ihr. Und sie? Sie hat genossen, dass er ihr gewachsen war.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben