Zeitung Heute : Die Männergruppe

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Von Benjamin Lebert

Ich muss diesmal die Frage stellen. Was ist ein Mann? Sie schwebt unausgesprochen in einem Raum in München-Moosach, wo ich fünf Männer besuche, im Alter von fünfundzwanzig bis fünfundfünfzig, die sich dort einmal im Monat zu einer sogenannten Männer-Gruppe regelmäßig zusammen setzen. Der Raum ist ein Atelier. Weil einer der Teilnehmer ein Hobby-Künstler ist. Es riecht nach Ölfarbe, nach Terpentin und ein wenig nach Staub. An die Wände gelehnt sind große, kleine Bilder, bemalt oder noch mit leerer Leinwand. Gefäße stehen herum mit Pinseln, Lappen… Der Maler hat offensichtlich eine Schwäche für sehr bunte Darstellungen. In der Mitte steht ein kleiner Holztisch, drumherum Stühle, ein alter Sessel, eine etwas fleckige Couch. Auf dem Tisch stehen Weingläser, zwei Weinflaschen. Jeder bringt zusätzlich immer etwas zu essen mit: Brot, Käse, Wurst, Schokolade. Während sich die Männer unterhalten, machen sie sich über das Zeug her, schenken sich gegenseitig Wein ein, schneiden Wurstscheiben ab, lassen eine Schachtel mit Pralinen herumgehen.

Einer der Männer ist Jochen, der Verliebte. Er ist 32 Jahre alt, und Angestellter bei Media-Markt. Er hat schwarzes, lockiges Haar und ein ganz bleiches Gesicht. Grüne Augen. Seine schmalen Augenbrauen sehen wie Pfeile aus, die aufeinander zu sausen. Er guckt böse. Sitzt tief in seinem Sessel, hat die Beine übereinandergeschlagen. Er erzählt, wie widerlich er die Frauen findet. Bei einem Abendessen bei Freunden hat er eine Frau kennengelernt, eine mit roten Haaren und ganz zarten, weißen Händen, und er hat sich auf der Stelle in sie verliebt. Er hat alles versucht, hat sich immer wieder mit ihr getroffen, war charmant, hat ihr Geschenke gemacht. Aber sie hat sich nicht in ihn verliebt.

Wie ich ihn mir angucke, mit seiner Jeans und der offenen, grauen Fliegerjacke, und wie er den Arm über die Sessellehne baumeln lässt, denke ich: eine kolossale Unverschämtheit. Frauen sind das Letzte. Weil sie sich nicht in Jochen verlieben. Oder weil sich speziell diese eine nicht in Jochen verliebt.

Dann gibt es noch Patrick den Verletzten. Er ist 25 Jahre alt, geht auf die Musikhochschule, trägt eine braune Kordhose und einen blauen Wollpullover, darunter ein weißes Hemd. Er hat kurzes braunes, geföntes Haar und liebevoll dreinblickende blaue Augen. Er sitzt auf dem Stuhl, die Hände im Schoß gefaltet. Insgesamt sieht er wahnsinnig lieb und ordentlich aus. Er erzählt, dass er tierisch verletzt ist, weil die Frau, die er über alles liebte, gesagt hat, weißt du, du bist für mich sowas wie meine beste Freundin. Das hat ihn hochgradig in seiner Männlichkeit verletzt. Und dann wäre da noch Kai, der Verständnisvolle. Er ist 45, hat ein breites, kantiges Gesicht mit verquollen Augenlidern. Und eine Glatze. Er hält mit beiden Händen eine Teetasse. Er sagt, man muss doch den Frauen Zeit geben, auf sie eingehen, ihnen zeigen, dass man nicht nur einfach mit ihnen ins Bett will. Bei dem Verständnisvollen gibt es nur ein Problem: Er ist Pfarrer.

How many raods must a man walk down before you can call him a man? Ich frage mich, wie oft diese fünf noch die Moosacherstraße hinunter laufen müssen, bevor sie Männer sind. Was mich betrifft, so konnte ich schon zwei Tage später morgens um acht in einer Arztpraxis feststellen, dass ich kein Mann bin. Kurz nachdem mir Blut abgenommen worden war, fiel ich in Ohnmacht. Ich erwachte auf einer Liege, mit der kühlen Hand einer gut aussehenden Krankenschwester auf der Stirn. Ein Mann fällt nicht um, bloß weil ihn eine Nadel piekst, oder?

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