Zeitung Heute : Die Mark - eine Kulturlandschaft?

WERNER VAN BEBBER

Die Substanz an Erhaltenswertem sinkt ständig.Ganze Dörfer und sogar Landschaften müßten denkmalgerecht wiederhergestellt werden - was nicht den Verzicht auf fließendes Wasser bedeutete, wohl auf Großtankstellen am Ortseingang.VON WERNER VAN BEBBERDas ist der Fortschritt in Brandenburg: Die Hauptstraßen durch 200-Einwohner-Dörfer wie Seebeck oder Bergsdorf sind asphaltiert.Auf freie Grundstücke zwischen hundert Jahre alte Höfe setzen stolze Bauherrn Fertighäuser.Die Neubauzeilen in Wandlitz könnten, verwechselbar wie sie sind, auch in Velten oder Großziethen stehen.Ganz zu schweigen von Gewerbeneubauten in manchen Kleingemeinden: Die Tankstellen- oder Autohausarchitektur paßt nach Brandenburg wie Schloß Bellevue nach Miami Beach: überhaupt nicht.Ob in den Nachwendeneubauten nun Bekleidung für "Teens und Twens" feilgeboten wird oder ob ein Supermarkt darin residiert - der Baustil ist stets auf einen Begriff zu bringen: Billigpostmoderne.Ziergiebel, Metallgitter aus immergleichen Fertigteilen. Derweil rotten Bauernhöfe vor sich hin - die schiere Größe macht sie für alte wie neue Eigentümer zu teuren Sanierungsobjekten.Was an historistischen Häusern noch steht, wartet erst nach gründlicher Sanierung mit dem Komfort von heute auf.Altbauten kosten eben und sind nicht billiger als Neubauten - man kennt das Dilemma aus Berlin.Die Frage ist, ob man sich in Brandenburg daran gewöhnen muß, daß das Land sich optisch auf Rudow hin entwickelt.Alles deutet darauf hin. Dies freilich würde Kulturminister Steffen Reiche ebenso entschieden zurückweisen wie Landwirtschaftsminister Edwin Zimmmermann.Reiche kann darauf verweisen, daß vielfach versucht wurde, von den Guts- und Herrenhäusern zu retten, was noch sanierbar ist.Einige, immerhin, sind zu retten, mitsamt der Parks, die sie umgeben: Ausflugsziele.Zimmermann gibt jährlich viele Millionen für die Dorferneuerung aus.Da werden öffentliche Altbauen und die Restbestände alter Dorfarchitektur restauriert und Bürgersteige modern gepflastert.Es passiert etwas.Man tut, was man kann - in über 1600 Dörfern.Man gibt eine Menge Geld aus, auch für die Dörfler.Wie es so ist in modernen Landesverwaltungen, sind die Kompetenzen für alles, was mit Baudenkmälern, deren Erhalt und der Geldvergabe zu tun hat, vielfach zersplittert.Es gibt nur Teilzuständigkeiten für das, was man als das Weichbild Brandenburgs bezeichnen könnte oder auch die Mark als Kulturlandschaft. Die Kulturlandschaft soll - so erträumen es sich die Regierenden in Potsdam - Touristen und Reisende ins Land bringen.Es ist immerhin eine Idee, in der Freizeitgesellschaft vor allem die Gruppe von Unternehmungslustigen anzusprechen, die lieber wandern und mal bei Fontane nachschlagen als sich von einer Achterbahn durchrütteln und von "events" unterhalten zu lassen.Umsetzen kann man diese Idee aber nur mit Konsequenz.Dazu gehört ein geradezu asketischer Verzicht auf alles, was mit Show und Billigangeboten zu tun hat.Und wie das so ist mit der Konsequenz in der Politik: Für den Tourismus ist in Potsdam vor allem Wirtschaftsminister Burkhard Dreher zuständig, während Zimmermann und Umweltminister Matthias Platzeck, wenn es ums Geldausgeben geht, immerhin Teilkompetenzen haben.Dreher will den Lausitzring, Zimmermann läßt Dorfkerne sanieren, Platzeck gibt Geld für Naturschutzgebiete: für jeden etwas.Kulturtouristen mögen zahlungskräftige Reisende sein - sie werden aber kaum Lust haben, mit Lausitzring-Besuchern im Stau zu stehen. Mit Konsequenz hat diese Art des Geldausgebens nichts zu tun.Mit Konsequenz hätte es zu tun, wenn die regierenden Tourismusexperten die Brandenburger Dorfbewohnern davon überzeugen würden, daß es gut wäre, den graubraunen Rauhputz von ihren Häusern zu klopfen.Folgerichtig wäre es allemal, ganze Dörfer und sogar Landschaften im weitesten Sinn des Wortes denkmalgerecht wiederherzustellen - was nicht den Verzicht auf fließendes Wasser bedeutete, wohl aber den Verzicht auf Großtankstellen am Ortseingang.Denkmalgerechtigkeit bis hin zum Landschaftserhalt anstelle ihrer EU-geförderten Ausbeutung: das wäre immerhin eine mögliche Entwicklung.Stattdessen versprechen die Potdamer Landesregierenden, 1998 werde ganz im Zeichen des vor hundert Jahren gestorbenen Theodor Fontane stehen.Nur ist von dem, was Fontane beschrieben hat, nicht mehr allzu viel zu sehen im Land.Und es wird immer weniger.

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